27.02.13

Literatur

Mit Lucia Jay von Seldeneck in Berlins Welten eintauchen

Die Berlinerin hat mit dem Hauptstadt-Buch über "111 Orte, die man gesehen haben muss" einen erstaunlichen Bestseller geschrieben.

Von Matthias Wulff
Foto: Martin U. K. Lengemann

Lucia Jay von Seldeneck ist Berlinerin, erstaunlich genug, denn zumeist entdeckt ja der Fremde das Besondere eines Ortes
Lucia Jay von Seldeneck ist Berlinerin, erstaunlich genug, denn zumeist entdeckt ja der Fremde das Besondere eines Ortes

Wir treffen uns im Dong-Xuan-Center in Berlin-Lichtenberg. Wir hätten auch einen Spaziergang durch die Tuschkastensiedlung im Treptower Park machen können. Oder die Uferhallen im Wedding besuchen. Oder uns am "romantischsten Ort" in Berlin treffen können, der Friedrichsbrücke in Mitte. So hat sie ihn zumindest beschrieben. Aber wir kennen uns ja gar nicht. Außerdem ist es zu kalt für Romantik.

Lucia Jay von Seldeneck, Jahrgang 1977, kennt alle diese Orte in Berlin und noch viele andere mehr. Zusammen mit Carolin Huber und Verena Eidel hat sie das Buch "111 Orte, die man gesehen haben muss" herausgebracht. Erschienen ist das Buch 2011, und noch immer ist es in den Bestsellerlisten.

Mehr als 50.000 Stück hat der kleinere Kölner Verlag Emons verkauft. Das Konzept ist so einfach wie einleuchtend: eine Seite Text, auf der anderen Seite Foto, beides liebevoll gemacht, schön beschrieben und schön bebildert.

"Jetzt tu das und das, sagt eine innere Stimme"

Ein Touristenführer für Berliner ist dabei herausgekommen. Es sind ausgefallene, aber nicht bemüht witzige Orte, die sich für den Einheimischen wohl wie folgt aufteilen: Ein Drittel kennt er, von einem Drittel hat er schon mal gehört, ein Drittel sind ihm komplett unbekannt. Beim Durchblättern durchfährt den Leser ein leicht schlechtes Gewissen. Das müsste man eigentlich auch mal machen, hat man schon längst mal machen wollen, denkt man.

"Das Gefühl pausenloser Beanspruchung", hat die slowakische Schriftstellerin Ilma Rakusa in ihrem jüngst erschienenen Berlin-Journal "Aufgerissene Blicke" das Lebensgefühl der Stadt beschrieben: "Jetzt tu das und das, sagt eine innere Stimme." Lucia Jay von Seldeneck formuliert ihr Anliegen weniger zwanghaft: Ihr Buch helfe, sagt sie, in die "verschiedenen Welten Berlins einzutauchen".

Sie ist Berlinerin, erstaunlich genug, denn zumeist entdeckt ja der Fremde das Besondere eines Ortes. Beim Recherchieren habe sie eine "neue Lust auf die Stadt" bekommen, erzählt sie, "raus aus dem Trott" sei sie dabei gekommen, und ja, auch sie müsse sich aufraffen, ihren Kiez, in dem alles hübsch vertraut ist, zu verlassen und das unbekannte Berlin zu entdecken.

Seit wann ist Kreuzberg keine wilde Ecke mehr?

"Wir wollen es uns zumuten", zitiert sie Franz Hessels, den Flaneur der 20er-Jahre; ein Ausflug kann ja auch immer schief gehen, eine Enttäuschung werden. Und doch seien diese Ausflüge wie ein kleiner Urlaub für sie, man gewinne Abstand zu der eigenen Stadt und könne sie so auch wieder mehr schätzen, besser erkennen.

Aufgewachsen ist sie in Steglitz und Zehlendorf, und heute wohnt sie in Kreuzberg. Das sei ein "Superkompromiss", das mit Kreuzberg, erzählt sie, weil sie wegen ihrer zwei kleinen Kinder "nicht mehr in den allerwildesten Ecken wohnen wolle, aber nicht auch gleich wegen der Kinder in die Vorstadt ziehen möchte", und man fragt sich, seit wann genau eigentlich Kreuzberg keine "wilde Ecke" mehr ist. Sie erzählt, dass sie vor kurzem zum ersten Mal in New York war, mit der entsprechenden Ehrfurcht vor "der Stadt der Städte".

Umso überraschter war sie dann, was für "eine wahnsinnige Anziehungskraft" Berlin habe. Ein New Yorker sei quasi in die Knie gegangen, nachdem er erfuhr, aus welcher deutschen Stadt sie kommt. Er wolle unbedingt in Berlin leben, erzählte er, denn hier gebe es, im Gegensatz zu New York, noch genügend freie Räume und jeder könne noch sein Ding machen, ohne drei Jobs gleichzeitig machen zu müssen.

Vietnamesisches Verkaufslager: skurriler Ort, skurrile Waren

Vorgaben für ihr Buch hat Lucia Jay von Seldeneck nicht; nur sollen die empfohlenen Orte in der ganzen Stadt verteilt sein. So landen wir also in Lichtenberg, in der Hertzbergstraße reiht sich wie Wohnmaschinen ein Hochhaus an das nächste, und irgendwann erspäht man hinter leicht brüchigen Mauern ein riesiges Areal, auf denen einige schlauchartige Gewerbehallen stehen.

Früher waren hier die Kraftwerke der VEB Elektrokohle untergebracht, erfährt man aus dem Buch. Es ist schon seltsam, wieso standen eigentlich so viele Kraftwerke früher mitten in Ost-Berlin? Nun ist hier ein riesiges vietnamesisches Verkaufslager entstanden.

Es reiht sich Geschäft an Geschäft, mit Kleidung, Kinderspielzeug, Plastikblumen, Schuhen, Handtaschen. Ein skurriler Ort mit skurrilen Waren. Der Preis ist hier das entscheidende Verkaufsargument. Mögen manche Produkte auch von erlesener Scheußlichkeit sein, man bereut es nicht, sie einmal gesehen zu haben.

Besondere Berliner Mischung aus Proletariertum und Weltläufigkeit

So ist das Dong-Xuan-Center, eine Art deutsche Vietnam-Zentrale, vielleicht nur ein etwas krasses, aber typisches Beispiel für das, was Berlin auch ausmacht: Das Leben in einer eigenen Welt, in einer Parallelwelt, das mit dem Treiben anderer Menschen wenige Kilometer nur wenig zu tun hat und in der Selbstverständlichkeit auch achselzuckend so akzeptiert wird.

In der "FAZ" hatte vor wenigen Wochen der Reiseredakteur in einer Art ethnologischem Bericht über Berlin eine "Charakterdialektik aus Toleranz und Indifferenz, Piefkestolz und Libertinage, Proletariertum und Weltläufigkeit" beobachtet, "die es in keiner zweiten Hauptstadt gibt". Diese, sagen wir mal, Berliner Mischung zeigt Lucia Jay von Seldeneck auf.

111 Orte in Berlin, die Geschichte erzählen

Und weil die 111 Orte sich so gut verkaufen und weil ja jedes Jahr mehr Touristen in die Stadt kommen und weil auch jedes Jahr ein großer Schwung Neuankömmlinge die Stadt als ihre neue Heimat wählen, ist es nicht sonderlich überraschend, dass die Autorinnen den Erfolg am Köcheln halten wollen.

Vor ein paar Monaten erschien "111 Orte in Berlin, die Geschichte erzählen", und in diesen Wochen sind sie wieder unterwegs, um weitere 111 sehenswürdige Orte in der Hauptstadt ausfindig zu machen.

Das könnte zur Lebensaufgabe werden, aber das möchte sich Lucia Jay von Seideneck, die in ihrem Hauptberuf Pressesprecherin des Heimathafen Neukölln ist, dann doch nicht vorstellen. Sie findet ihren Ruf als Ratgeberin schon fragwürdig bis nervend genug, wenn Freunde bei ihr anrufen und fragen: "Du, wir wollen einen Ausflug machen... Wo können wir denn hinfahren?" Aber da muss sie wohl durch.

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