25.02.13

Deutsches Theater

Eugen Ruges Bestseller kommt in Berlin auf die Bühne

Eugen Ruge dramatisiert seinen Roman "In Zeiten des abnehmenden Lichts" für die Uraufführung am Deutschen Theater in Berlin selbst.

Von Georg Kasch
Foto: Reto Klar

Bestseller-Autor Eugen Ruge möchte das Kapitel Familiengeschichte gern abschließen
Bestseller-Autor Eugen Ruge möchte das Kapitel Familiengeschichte gern abschließen

Dass Theater mag ja ein träger Apparat sein – wenn es darum geht, literarische Bestseller in Szenen aufzulösen, ist es schneller als der Film. "Der Turm", "Tschick", "Die Wohlgesinnten" haben es teils in Rekordzeiten auf die Bühne geschafft, jetzt zieht Eugen Ruges "In Zeiten des abnehmenden Lichts" nach.

2011 erschien der Roman über vier Generationen einer Familie in der zerfallenden DDR und erhielt im selben Jahr den Deutschen Buchpreis. Am 28. Februar 2013 hat die Uraufführung der Bühnenversion im Deutschen Theater in Berlin Premiere.

Im Roman erzählt Ruge die Geschichte seiner Familie zwischen 1952 und 2001, leicht verfremdet und dramaturgisch anspruchsvoll verschränkt: Die Kommunistin Charlotte kehrt mit ihrem zweiten Mann Wilhelm aus dem Exil in Mexiko zurück nach Deutschland, um die junge DDR mit aufzubauen.

Ihr Sohn Kurt hat in Russland den Gulag erlebt, ihr Enkel Alexander spürt zunehmend die Enge des Staates, ihr Urenkel Markus interessiert sich primär für Saurier. Ruge wechselt immer wieder die Perspektive, kriecht in die Figuren, wertet nicht, sondern schildert die Welt aus ihren Blickwinkeln.

Die Stück-Fassung stammt von Autor selbst – seit 1989 hat er 14 uraufgeführte Stücke geschrieben, dazu kommen etliche Hörspiele, Filmexposés und Übersetzungen. Um die Stückfassung hatte ihn das Deutsche Theater gebeten.

DT-Intendant Ulrich Khuon und Ruge kennen sich schon, seit Khuon Anfang der 1990er als Leiter des Theater Konstanz drei von Ruges Stücke auf den Spielplan setzte. Einfach gefallen sei es ihm nicht, die 432 auf 79 Seiten zu reduzieren, sagt Ruge: "Das Erstaunliche ist, dass es überhaupt klappte. Aber ich konnte mich schon immer ganz gut von Sachen trennen. Das musste ich auch beim Roman, der nur in Fragmenten erzählt – sonst wäre das Buch vier Mal so lang geworden."

Dramaturgische Hilfe bei Tschechow

Die reale Familiengeschichte um seinen Vater, den DDR-Historiker Wolfgang Ruge, und seinen Stiefgroßvater Hans Baumgarten, hatte Ruge bereits in der 1997 in Magdeburg uraufgeführten "Babelsberger Elegie" verarbeitet. Damals merkte Ruge, dass alle Ereignisse unmöglich in ein Stück passten: "Für mich war der Roman die Lösung."

Dass der jetzt wieder in ein Stück überführt wird, hat auch mit Anton Tschechow zu tun. Ruge hat mehrere Dramen und Prosatexte des russischen Autors übersetzt, dabei viel von ihm gelernt. "Tschechow hat die Dramaturgie geöffnet, um Strukturen für neue Beziehungsgeflechte zu schaffen zwischen den einzelnen Figuren, aber auch zwischen den Akten", sagt Ruge. Die drei Geburtstage, die der alte Kader in der "Babelsberger Elegie" 1989, 1990 und 1991 feiert, erinnern strukturell an Tschechows "Drei Schwestern". Diese "Dramaturgie der Lücke" habe er auch im Buch genutzt: "Wichtige Ereignisse finden in der Abwesenheit des Lesers statt."

Ruge, der in Russland geboren wurde, ist echter Berliner. Als er 1995 nach sieben Jahren im Westen hierher zurückkehrte, zog er nach Neukölln, wo seine Großmutter in den 1920-ern kommunistische Stadtverordnete war und sein Vater die Karl-Marx-Schule besuchte, berühmt für ihre Reformpädagogik. Heute lebt er – wie schon in den 70-ern – in Prenzlauer Berg, das sich so grundlegend verändert hat: Auf dem schicken Kollwitzplatz mit seinen Cafés und dem Markt habe es damals "nur Sandkästen mit Müttern daneben" gegeben.

Keine Bestseller-Allüren

Nostalgisch klingt das nicht, eher etwas skeptisch. Überhaupt hat dieser freundliche, zurückhaltende Mann von 58 Jahren nichts von Bestsellerautor-Allüren und Betriebseitelkeit. Was vielleicht daran liegt, dass er studierter Mathematiker ist und sich einen kühlen Blick auf den Kulturbetreib bewahrt hat. Oder dass er sich als freier Autor, Übersetzer und Regisseur bis zum Bucherfolg eher mühsam durchschlug und auch jetzt noch nicht das Gefühl hat, sich um seine Rente keine Sorgen machen zu müssen: "Ich hab eine Familie, meine Kinder studieren noch – und wenn man Geld verdient, wollen auch die Behörden was davon."

Apropos Skepsis: Die scheint, ironisch verkleidet, auch dem zeitgenössischen Theater gegenüber durch. "Als Dramatiker habe ich die Erfahrung gemacht, dass die Theater alles Mögliche lieber spielen als Stücke. Mein Roman bestätigt das." Zwar war es auch sein Wunsch, dass Stephan Kimmig die Uraufführungs-Regie übernimmt, weil ihn dessen Inszenierung von Judith Herzbergs Familien-Trilogie "ÜberLeben" beeindruckte. Aber schon bei den Vorgesprächen habe er festgestellt, dass Kimmig und er vollkommen verschiedene Auffassungen vom Stück haben. Also räumte er dem Regisseur sämtliche Freiheiten ein, wird sich das Ergebnis erst bei der Premiere anschauen und ist gespannt, was dabei herauskommt.

Roman soll auch verfilmt werden

Aber warum hat er, der doch bereits mehrfach selbst Regie geführt hat, nicht selbst zugegriffen? "Ich finde es richtig, dass zum Text andere Fantasien kommen", sagt er. "Theater ist eine kollektive Arbeit, da geht es nicht darum, dass ich meine Vorstellungen durchsetze." So große Theaterabende sind ihm, der sich immer in erster Linie als Autor begriffen hat, auch zu anstrengend. "ich würde gerne ein Mal im Jahr einen kleinen Abend inszenieren. Aber wer gewährt einem schon diesen Luxus?"

Vielleicht liegt sein Rückzug auch daran, dass "ich auch mal die Nase voll habe von dem ganzen Zeug". Schließlich hat er auch die Erinnerungen des Vaters neu herausgebracht, hunderte Interviews zum Buch und seiner Familiengeschichte gegeben, unzählige Male aus dem Roman gelesen, der mittlerweile in 21 Sprachen übersetzt ist.

Vor ihm liegen Reisen nach Barcelona, Griechenland, Budapest, China, die USA, "das zehrt dermaßen..." Auch Anfragen für eine Verfilmung gibt es längst, "mehr als eine", aber damit gehe es erst los, wenn man sich über das Format – ein Dreistünder? ein Mehrteiler? – verständigt habe.

Das Drehbuch will er aber nicht schreiben. Schon die Bühnenfassung sei nur gelungen, weil nebenbei sein neues Buch entstanden sei, "Cabo de Gata", das im Sommer erscheint und nichts mit seiner Familiengeschichte zu tun habe. Ruges literarische Auseinandersetzung mit ihr immerhin rundet sich nun. Dass sie mit einem Theaterstück begann und nun wieder auf der Bühne enden wird, ist eine Pointe, wie man sie schöner nicht erfinden kann.

Deutsches Theater, Schumannstraße 13a, Berlin-Mitte. Die Premiere am 28. Februar 2013 ist ausverkauft.

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