24.02.13

Academy Awards

Oscar-Chancen für Christoph Waltz und Michael Haneke

Es könnte ein ziemlich österreichisches Oscar-Jahr werden. Und irgendwie auch ein sehr deutsches. Die Buchmacher setzen auch darauf.

Von Peter Zander
Foto: picture alliance / dpa

Vor drei Jahren waren sie schon einmal beide für einen Oscar nominiert: Schauspieler Christoph Waltz (l.) und Regisseur Michael Hanke (r.)
Vor drei Jahren waren sie schon einmal beide für einen Oscar nominiert: Schauspieler Christoph Waltz (l.) und Regisseur Michael Hanke (r.)

Vor drei Jahren gab es diese Konstellation schon einmal. Damals war Christoph Waltz für Quentin Tarantinos "Inglourious Basterds" als bester Nebendarsteller nominiert. Und Michael Haneke für sein "Weißes Band" als bester fremdsprachiger Film. Haneke verlor am Ende gegen den argentinischen Film "In ihren Augen", Waltz gewann bekanntermaßen und startete eine Weltkarriere. Jetzt begegnen sich die beiden so unterschiedlichen Österreicher erneut bei der Oscar-Verleihung. Wieder ist Waltz für einen Tarantino-Film nominiert, "Django Unchained", wieder als Nebendarsteller. Und die Chancen stehen nicht schlecht, dass er wieder gewinnt.

Für Haneke stehen die Chancen diesmal besser. Denn sein jüngster Film "Liebe" ist gleich fünf Mal nominiert: nicht nur als bester fremdsprachiger Film. Haneke ist auch gleich noch als bester Regisseur und Drehbuchautor nominiert, seine Hauptdarstellerin Emmanuelle Riva als Beste Schauspielerin. Und sein Film tritt, eine Sensation für europäisches Arthouse-Kino, auch in der Hauptkategorie Bester Film an: gegen die großen Favoriten dieses Jahres, Steven Spielbergs Historienepos "Lincoln" (12 Nominierungen), Ang Lees Meilenstein in der 3-D-Technik "Life of Pi – Schiffbruch mit Tiger" (elf Nominierungen), der Musical-Adaption "Les Misérables" und der RomCom unter Depressiven "Silver Linings" (mit je acht Nominierungen), Ben Afflecks Politthriller "Argo" (sieben), Tarantinos Rache-Italowestern "Django Unchained" und Kathryn Bigelows Osama-bin-Laden-Jagd "Zero Dark Thirty" (mit je fünf Nominierungen).

Haneke will "alle" fünfe

Haneke konnte im vergangenen Jahr eine unglaubliche Siegersträhne für "Liebe" einfahren. Erst die Goldene Palme in Cannes, dann vier Auszeichnungen beim Europäischen Filmpreis, mehrere kleinere Trophäen und zuletzt der Globe. Auf die Frage, welcher Oscar ihm der liebste wäre, konterte der 70-Jährige ungewohnt direkt: "Alle". Haneke hat gerade am Madrider Opernhaus Teatro Real die Mozart-Oper "Cosi fan tutte" inszeniert, konnte aber bei der Premiere am Samstagabend nicht zugegen sein. Da war er schon in Los Angeles. Einen solch weiten Anfahrtsweg hat Waltz nicht. Seit seinem ersten Oscar weilt der Mann überwiegend in Hollywood.

Einmal Waltz, fünf Mal Haneke: Das könnte also ein sehr österreichisches Oscar-Jahr werden. Und irgendwie auch ein sehr deutsches. Der Wiener Waltz lebte ja vor seinem internationalen Durchbruch Jahrzehnte in Deutschland, Haneke wuchs in Wien auf, ist aber in München geboren; und sein "Liebe" ist eine deutsch-französische Koproduktion, an der die Berliner Produktionsfirma X Filme beteiligt ist.

Europa lässt Hollywood alt aussehen

Bislang hatten ausländische Produktionen keine Chance auf die großen Preise. Erst im vergangenen Jahr aber ließ ein französischer Film, noch dazu ein Stummfilm in Schwarzweiß, Hollywood ziemlich alt aussehen, als "The Artist" gleich fünf Trophäen einheimste, darunter den wichtigsten für den Besten Film. Die Chancen stehen also gar nicht so schlecht für Haneke und seinen Produzenten Stefan Arndt. Handelt "Liebe" doch von der Liebe eines alten Ehepaares, wo der Gatte sich liebevoll um seine immer krankere Frau kümmert, bis zur Selbstaufgabe, bis zur Sterbehilfe.

Die rund 5900 Mitglieder der Academy of Motion Picture and Sciences (AMPAS), die über die Oscars abstimmen darf, werden auf Lebenszeit gewählt, ein Großteil von ihnen ist längst im Rentenalter, was die manchmal doch recht konservativen Entscheidungen bei den Academy Awards erklärt. "Liebe" aber dürfte so recht nach ihrem Geschmack sein: Endlich einmal wieder ein Film, der von alten, ja sehr alten Menschen handelt. In diesem Sinne dürfte sich auch Emmanuelle Riva große Hoffnungen machen. Sie ist mit 85 Jahren die bislängst älteste Oscar-Kandidatin, wenn der Preis am Sonntag verliehen wird, kann sie so oder so feiern: Es ist ihr 86. Geburtstag. Ironischerweise tritt in diesem Jahr in dieser Kategorie mit der neunjährigen Quvenzhané Wallis (für "Beasts of the Southern Wild") auch die jüngste Anwärterin an.

In Wettbüros fiel Waltz zurück

Wie hoch stehen die Chancen für die Haneke-Waltz-Fraktion aber wirklich? Die einen schauen in diesem Fall gern auf die Golden Globes. Diese Preise werden zwar bekanntlich von Hollywoods Auslands-Presse verliehen und vermitteln damit keinen verlässlichen Blick auf das amerikanische Filmempfinden. Viele der älteren Semester der Academy-Mitglieder aber verfolgen das aktuelle Kinogeschehen nicht mehr so ganz genau und lassen sich da gerne ein wenig anleiten und inspirieren.

In diesem Fall stünden die Chancen gut: Christoph Waltz hat für "Django" bereits einen Globe eingesteckt, und Haneke einen für den besten fremdsprachigen Film. Waltz hatte vor drei Jahren auch erst den Globe und dann den Oscar bekommen. Haneke aber bekam 2010 für "Das weiße Band" einen Globe – und trotzdem keinen Oscar. So viel also zum Globe-Vergleich. Die Trefferquote liegt ziemlich genau bei 50:50.

Die anderen gucken deshalb lieber auf die Buchmacher und die Wettbörsen, wo eifrig auf die Oscars gesetzt wird ie Oscars gesetzt wird (der kleinste Wert pro gesetzem Dollar bedeutet, dass die meisten auf diesen setzen und bei einem Sieg dementsprechend am wenigsten herausspringt; je unwahrscheinlicher der Erfolg, desto höher die Ausbeute). Ein Vergleich der sechs größten Wettanbieter zeigt: "Liebe" steht mit einem Wert von 1,02 bis 1,05 ganz klar vorn als Bester fremdsprachiger Film, in der Königskategorie Bester Film aber mit 50,0 bis 151 auf dem neunten, also dem vorletztem Platz.

Taffes Jahr mit knallharten Themen

Demnach geht der Oscar für den besten Schauspieler ganz eindeutig an Daniel Day-Lewis als Lincoln, der mit Werten zwischen 1,01 und 1,05 klar führt vor Hugh Jackman für "Les Misérables" (10,0 bis 19,0); der für die beste Nebendarstellerin eindeutig an Anne Hathaway, ebenfalls für "Les Misérables" mit Quoten zwischen 1,01 bis 1,03. Emmanuelle Riva rangiert mit Werten um 4,2 bis 4,8 zwar knapp vor Jessica Chastain als Osama-Jägerin (3,5 bis 5,0), aber weit hinter "Silver Linings"-Star Jennifer Lawrence (1,5 bis 1,57). Und Christoph Waltz, der hier lange als bester Nebendarsteller vorn lag, ist nun in den letzten Tagen überraschend hinter Tommy Lee Jones (für "Lincoln") gefallen.

Diesen Werten zufolge wird Spielbergs aufwändiges Historienepos "Lincoln" trotz seiner zwölf Nominierungen in fast allen Kategorien unterliegen. Beim besten Film kommt er mit Werten von 4,75 bis 7,0 zwar auf den zweiten Platz, aber deutlich hinter Ben Afflecks "Argo (1,12 bis 1,22). Und das würde dann auch wieder die Globes wiederspiegeln: Auch da verlor "Lincoln", der Favorit des Abends, am Ende gegen Afflecks Überraschungs-Sieger.

Angst vor schwacher Wahlbeteiligung

So viel immerhin lässt sich jetzt schon sagen: 2013 ist ein taffes Jahr. Nachdem das letzte Jahr mit "The Artist" ganz klar nostalgisch gefärbt war, geht es bei den nominierten Filmen dieses Jahres um knallharte Themen wie Sklaverei, Terrorismus, Folter, Schiffbruch und Sterbehilfe. Am Ende könnte aber wieder alles ganz anders kommen. Erstmals nämlich lässt die Academy in diesem Jahr online abstimmen.

Das soll das Voting-Verfahren zwar vereinfachen. Aber beim Großteil der Silberhaar-Majorität muss man befürchten, dass sie gar keinen Computer haben oder sich nicht so einfach in das KLick-Verfahren hineinfinden werden. Der "Hollywood Reporter" jedenfalls rechnet schon mit der niedrigsten Wahlbeteiligung seit Jahren. Und das dürfte dann wohl vor allem zu Lasten von Hanekes Altersliebesdrama gehen.

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