23.02.13

Kunst

Stargalerist Judy Lybke eröffnet neue Berliner Räume

Als Aktmodell hatte er begonnen, vor 30 Jahren die Galerie Eigen+Art gegründet. Jetzt eröffnet Judy Lybke seine neuen Räume in der Hauptstadt.

Von Tim Ackermann
Foto: Martin U. K. Lengemann

Den Sockel zum eigenen Denkmal besorgt er sich selbst: Judy Lybke in seinen neu umgebauten Galerieräumen in Berlin-Mitte
Den Sockel zum eigenen Denkmal besorgt er sich selbst: Judy Lybke in seinen neu umgebauten Galerieräumen in Berlin-Mitte

Es gibt keine Geschichte über Judy Lybke, die Judy Lybke nicht viel besser erzählen könnte. Die meisten Anekdoten über sich hat er schließlich selbst in Umlauf gebracht.

Dennoch muss man sich jetzt wieder einmal an einer Gesamterzählung über ihn versuchen, der Anlass erfordert es: Im April 1983, vor knapp 30 Jahren, eröffnete Gerd Harry Lybke, genannt "Judy", seine erste Galerie Eigen+Art in Leipzig.

Vor 20 Jahren zog er dann in das Haus in der Berliner Auguststraße, das zu seinem zweiten Stammsitz geworden ist. Diese Räume waren in den vergangenen acht Monaten geschlossen, es wurde kräftig an der Galerie herumgebaut. An diesem Sonnabend beginnt nun wieder der Ausstellungsbetrieb.

Phänomen unter Galeristen

Judy Lybke ist ein einzigartiges Phänomen der deutschen Galerienszene: Der gebürtige Leipziger ist extrem kommunikativ und wird scheinbar von unerschöpflichen Energiereserven angetrieben. Mit den Malern der Neuen Leipziger Schule kam er in den Nuller-Jahren blitzartig zu Weltruhm. Praktisch über Nacht wurde er der bekannteste Galerist der Republik.

Das hat nicht allen gefallen. Vor zwei Jahren warf man ihn von der Basler Kunstmesse, als wäre er ein unbedeutender Nachwuchshändler. Es gab Prostete. Im nächsten Jahr war Lybke wieder mit dabei. Wie kommt es, dass sich dieser Mann seit drei Jahrzehnten nicht bremsen lässt?

Platz für Großmalerei

Judy Lybke steht im Keller seiner neuen Galerie, der kein richtiger Keller mehr ist, weil wirklich alles kräftig umgebaut wurde. Hinter der Eingangstür geht es zwar ein paar Stufen hinab, aber dann ist praktisch das gesamte Erdgeschoss verschwunden, wodurch der Keller vom Fußboden bis zum Geschossansatz im ersten Stock eine Höhe von 5,30 Metern bekommen hat.

Die alte verwinkelte Ladengalerie hat sich in eine moderne White-Cube-Box von 100 Quadratmeter Grundfläche verwandelt, in der nun auch endlich die Großformatmalerei von Neo Rauch ihren Platz finden kann. Im ersten Stock gibt es zwei weitere Räume mit insgesamt 130 Quadratmetern. Eröffnen wird Lybke heute ganz demokratisch-demonstrativ: Oben von jedem Künstler der Galerie eine neue Arbeit. Unten nur weiße Leere.

Begonnen als Nacktmodell

In den Achtzigern spielte Lybke seine Rollen in der Studentenbühne Poetisches Theater "Louis Fürnberg" in Stücken von Brecht und Heiner Müller. Im Hauptberuf war er allerdings Aktmodell. An der Leipziger Kunstakademie. Auf einen besseren Job konnte er als Systemverweigerer in der DDR nicht hoffen.

1983, bei der ersten Ausstellung seiner Galerie, begrüßte Lybke die Gäste an der Tür splitternackt und mit hochgebundenen Zottelhaaren. "Jeder hat gemacht, was er konnte", erinnert sich der Galerist. "Und mich kannten eben alle nur als Aktmodell." Man kann damit feststellen, dass er schon ganz zu Anfang die Hosen heruntergelassen hat.

Es gibt im Grunde nichts, was er nicht schon auf der Bühne gemacht hätte. Rasch offenbarte sich auch sein Talent für strategisches Denken. Direkt nach der Wende fuhr er auf die Kunstmesse nach Frankfurt. "Wir wollten gar nichts verkaufen. Wir wollten Revolution machen", erinnert sich der Galerist.

Verkauft hat er trotzdem. Er fuhr mit zwei Koffern voller Bargeld nach Hause, weil die Währungsunion noch nicht durch war und weil er mit Schecks in der Noch-DDR nur Probleme bekommen hätte. Im nächsten Folgejahr war er auf der Art Cologne, ein paar Jahre später dann schon auf der Art Basel. "Die Dresdner Bank hat mir 50.000 Mark Überziehungskredit eingeräumt, obwohl ich kein Geld hatte", sagt Lybke. "Das war halt damals möglich in Leipzig."

Beim Kollegen geschnorrt

Natürlich gehörte auch eine gewisse Portion Übermut dazu, 1993 in New York am Haus von Leo Castelli anzuklopfen und zu fragen, ob er mal mit Eigen+Art für sechs Monate in den 14. Stock, ins Penthouse, einziehen dürfe. Er durfte – und anschließend verhandelte er erst einmal die Miete ins Nichtexistente. "New York durchlebte harte Zeiten, und Castellis Haus stand komplett leer", erzählt Lybke. "Ich sagte ihm, dass ich den Portier bezahle und morgens auf jedem Stock das Licht anmachen würde, damit es aussieht, als ob Leben in der Bude ist – wenn er mit der Miete runtergeht." Anderen Galeristen wäre es vielleicht peinlich gewesen, einen berühmten Kollegen anzuschnorren. Nicht so Lybke, der sagt: "In Sachen Beruf ist mir prinzipiell nichts peinlich."

Jede Zeit braucht ihre Helden

Hochfliegende Auktionspreise, einfliegende Privatjets in Leipzig: Eigen+Art schenkte der Republik ihre erste ostdeutsche Erfolgsgeschichte – nur wenige Jahre bevor eine Ostdeutsche Bundeskanzlerin wurde. "Jede Zeit braucht ihre Helden", sagt Lybke. "Ich habe mich sofort gemeldet." Ähnliches könnte man wohl auch über Neo Rauch sagen, der ab 2004 in seinen Bildern auf die Romantiker zurückgriff und so die Stimmungslage eines neuen deutschen Patriotismus antizipierte, die später im Flaggenmeer der Fußballweltmeisterschaft ihren eigentlichen Ausdruck fand.

Seitdem ist einige Zeit vergangen. Neo Rauch wurde mit großen Retrospektiven in Leipzig und München geehrt. Auktionsrekorde wurden bei "Eigen+Art" dafür nicht mehr so häufig verzeichnet. Die Preise bleiben eher stabil. Von der Neuen Leipziger Schule redet heute keiner mehr. "Aber es werden von meinen Künstlern immer noch mehr Bilder verlangt, als gemalt werden. Die Leute sind noch hungrig", erklärt Lybke.

Dass einige Kollegen die einkehrende Stille genutzt haben, um ihm ans Heldendenkmal zu pinkeln, indem sie ihn von der Basler Messe werfen – das kratzt ihn weniger, als man das vermutet hätte. "Ich fand das eigentlich ganz cool. Mit dem Erfolg wird man ja auch ein bisschen pennerig. Da kann man doch froh sein, dass die Jungs einen geweckt haben."

Umbau aus Rücklagen

Die neue Galerie als Resultat dieses Weckrufs zu verstehen ist vielleicht nicht falsch. Finanziert hat Lybke den Umbau aus Rücklagen, die Räume gehören ihm schon lange.

Eigen+Art wirkt von außen besehen finanziell extrem gut gemanagt. Begünstigend kommt hinzu, dass Rauch ein sehr bescheidener Malerstar ist, der seinem Galeristen keine Eskapaden abverlangt. "Manche Künstler arbeiten nur, um ihre Schlösser zu finanzieren. Das gibt es bei uns nicht", sagt Lybke. "Bedeutung hat im Hier und Jetzt existent zu sein. Eine Authentizität zu haben mit seiner Person in der Zeit. Etwas zu bestimmen. Macht zu haben."

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