23.02.13

Klassik

Youtube-Pianistin Valentina Lisitsa kommt nach Berlin

Die ukrainisch-amerikanische Virtuosin ging mit ihrer Musik ins Internet und wurde populär. Jetzt gibt sie ihr Berlin-Debüt.

Von Volker Blech
Foto: Reto Klar

Es gibt sie wirklich: Die ukrainisch-amerikanische Pianistin Valentina Lisitsa ist ein Star im Internet. Jetzt spielt sie in Berlin
Es gibt sie wirklich: Die ukrainisch-amerikanische Pianistin Valentina Lisitsa ist ein Star im Internet. Jetzt spielt sie in Berlin

Es ist unglaublich, aber Valentina Lisitsa ist weltweit prominenter als etwa der chinesische Virtuose Lang Lang. Zumindest bei Youtube. Dort ist sie die "Youtube-Pianistin" schlechthin.

Stolz verweist sie auf mittlerweile rund 55 Millionen Zugriffe auf ihre hoch geladenen Klaviervideos. Das ist ihr Internet-Image, und es soll zugleich ihr Ticket zurück in die reale Musikwelt sein, dort, wo man sich Applaus und richtig Geld verdienen kann.

Am Donnerstag (28. Februar 2013) gibt die ukrainisch-amerikanische Pianistin, Jahrgang 1973, ihr Berlin-Debüt in der Philharmonie. Es soll einiges anders sein als gewohnt.

Noch vor Beginn wird sie vors Publikum treten und darüber abstimmen lassen, welches der beiden vorbereiteten Programme es hören möchte. Eine Abstimmung mit grünen und roten Kärtchen. Das eine Programm enthält Schubert, Liszt, Schostakowitsch und Beethoven, das andere Schubert, Verdi, Liszt. Es sind zweifellos beides Virtuosenprogramme.

Abstimmung wie im Internet

Die schnelle Abstimmung ist Valentina Lisitsa aus dem Internet bestens vertraut. "Youtube ist ein sehr demokratisches Medium", sagt sie: "Im Prinzip schauen sich täglich 50.000 Leute meine Videos an. So viele Leute passen in ein großes Fußballstadion."

Sie lebt ein modernes Leben in Social Networks, wo sich schnell Freunde finden lassen und sich Fangemeinden gründen, andererseits die Nutzer beim Klicken mal schnell den Daumen heben oder senken, auch harsche Kritik üben.

Die Frage nach der manchmal rüden Internetgemeinde wischt sie lachend beiseite: "Ich bin meine härteste Kritikerin." Außerdem sei sie im Youtube für sich selbst: "Ich denke nicht darüber nach, ob ich dem Publikum gefallen muss. Die Technik ist eine oberflächliche Geschichte, die bei einem Konzert nicht interessieren sollte. Die hat man oder nicht. Bei einem Maler macht sich auch kein Galeriebesucher Gedanken, welchen Pinsel er benutzt hat. Es geht um das Bild. Ich gehe weniger in die virtuose Richtung, ich möchte eher emotional berührende Stücke spielen."

Natürlich weiß sie, dass sie als Künstlerin das Publikum braucht. "Musik benötigt eigentlich die Liveperformance – dass der Künstler die letzte Note spielt und das Publikum ein Gefühl mit nach Hause nehmen kann", sagt sie: "Das ist wie beim Parfüm. Der Duft ist flüchtig und zugleich nimmt man ihn mit sich."

Bodenständig und humorvoll

Aber nein, Valentina Lisitsa wirkt im Gespräch so gar nicht romantisch verklärend, sondern sehr bodenständig und humorvoll. Die Pianistin weiß, dass es besser ist, auf dem Konzertpodium (und in Videos) schicke, möglichst rote Kleider zu tragen. Und über ihr blondes Haar macht sie sich selber lustig. "Blond ist ein amerikanisches Klischee", sagt sie und fügt hinzu: "In der Ukraine sind alle blond." Aber dass sie aus der Ukraine stammt, ist eigentlich unwichtig. Denn: "In Amerika sind wir alles Russen." Solche Bemerkungen kommen bei ihr wie aus der Pistole geschossen.

In der ukrainischen Hauptstadt Kiev wurde sie geboren, lernte bereits mit drei Jahren das Klavier kennen. Ihre Mutter hat sie angetrieben. Die hochbegabte Valentina Lisitsa spielt sich von einem Wettbewerb zum nächsten. Dort hatte es vor allem bieder zuzugehen, damit die Jury keinen Anstoß nahm. "Aber ich war immer sehr neugierig und habe immer viel geübt. Natürlich auch, um meinen Eltern und anderen zu gefallen. Es hat auch mit den Wettbewerben zu tun", sagt sie: "Aber es ist nicht mit Sportwettbewerben zu vergleichen. Im Sport muss man gewinnen, man muss etwas schneller, höher oder weiter können als andere. In der Musik funktioniert das so natürlich nicht. Es geht um einen emotionalen Gewinn. Man kann dem Publikum nicht absichtlich gefallen."

Liebe zum Schachspiel

In ihrer Kindheit gab es neben der Musik noch eine andere Liebe, das Schachspiel. "Da ist es einfacher herauszufinden, wer gewonnen hat und wer verloren. In der Schule war es für mich eine Flucht aus dem Musikunterricht. In einer anderen Klasse gab es Schachunterricht. Da bin ich dann lieber hingegangen", erzählt sie. Offenbar hat sie viel von der Schachstrategie gelernt, heutzutage findet sich einiges davon in ihrem künstlerischen Marketing wieder. Als Internet-Pianistin ist sie irgendwie auch eine Kunstfigur.

Anfang der Neunzigerjahre, da hatte sie gerade mit ihrem Ehemann Alexei Kuznetsoff den Dranoff-Klavierduowettbewerb gewonnen, zog sie in die USA. Es hat ihrer Karriere nicht gut getan. "Für einen Profi ist alles auf das Publikum ausgerichtet, das beginnt schon beim Erarbeiten eines Stückes, das irgendwann den Leuten präsentiert werden soll", sagt sie: "In Amerika hatte ich zeitweilig ein kleines oder fast gar keines gehabt. Das ist der Tod für einen Profi. Deshalb habe ich verschiedene Dinge überlegt. Da kam die Idee mit dem Youtube."

Wie im James-Bond-Film

Einen Videoclip von Rachmaninovs Etude-tableau op. 39/6 hatte sie 2007 ins Internet gestellt. Es folgten Chopins Etudes, die dann auf selbstgebrannten DVDs auch über Amazon angeboten wurden. Allmählich ging es wieder bergauf.

Mittlerweile gibt sie 50 bis 60 Konzerte im Jahr. Dabei habe sie am Tiefpunkt ihrer Karriere, so ist es im Internet zu lesen, sogar in einer Washingtoner Behörde gearbeitet. Auch darüber muss Valentina Lisitsa lachen. Ja, beinahe wäre sie Übersetzerin beim CIA geworden. Aber ein Youtube-Eintrag habe sie zurückgehalten, einen festen Job mit Pension und allen Sicherheiten anzunehmen. Und längst würden sie die Sicherheitsleute auf dem kleinen Flughafen in North Carolina, dort, wo sie mit Ehemann, Mutter, einem siebenjährigen Sohn und vielen Tieren lebt, sowieso für eine Agentin oder so halten. Weil sie ziemlich oft unterwegs ist und manchmal quasi nur die Koffer wechselt. Da gehe es manchmal zu wie in einem James-Bond-Film.

Valentina Lisitsa weiß, was sie tut. Und auch, was sie nicht will. "Eine meiner Lehrerinnen beklagte sich immer darüber, dass es undankbar ist, junge Mädchen auszubilden. Irgendwann hören Mädchen auf zu spielen, heiraten lieber und waschen nur noch die Wäsche ihrer Männer", sagt sie. "Ich habe mir geschworen, niemals die Wäsche meines Mannes zu waschen."

Berliner Philharmonie, 28. Februar 2013 , 20 Uhr. Tel.: (030) 47 99 74 66.

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