22.02.13

Ausstellung

Der Hamburger Bahnhof blickt auf Martin Kippenberger

Das Berliner Museum widmet dem widerspenstigen Künstler Kippenberger eine Sonderausstellung. Sie ist überfällig, kommt aber ohne Pathos aus.

Von Gabriela Walde
Foto: Getty Images

Martin Kippenberger verstarb 1997 mit nur 44 Jahren an Lungenkrebs
Martin Kippenberger verstarb 1997 mit nur 44 Jahren an Lungenkrebs

Wo es anderen peinlich wäre, da ist er cool. Der Mann kennt keine Grenzen. Nicht einmal an der eigenen Unterhose. Martin Kippenberger steht also vor einem großen Spiegel, nur die hohe weiße Unterhose über die Wampe gezogen, so guckt er sich an. Vom smarten Künstlergenius kann da keine Rede sein. Da steckt viel Selbstzweifel drin, aber noch viel mehr Ironie.

Das Selbstbildnis druckte Kippenberger in den 80ern in einen Jahreskalender. Die Unterhosenpose allerdings hat er geklaut, von Picasso, dem Jahrhundertkünstler. Dem Liebestöter hat er übrigens noch mehrere Werke gewidmet.

Wer also war Martin Kippenberger, der mit nur 44 Jahren in Wien nach einem exzessiven Nahkampf mit nahezu allen Formen der Kunst und des Alkohols 1997 an Leberkrebs starb? Man kann viel, viel lesen über ihn, die, die ihn kannten, können schöne und unschöne Geschichten erzählen.

Am 25. Februar hätte er seinen 60. Geburtstag gefeiert

Und so weiß man 15 Jahre nach seinem Tod nicht, wie seine Kunst eigentlich war, ob seine Person nicht schon zum Mythos geworden ist und den Blick auf sein damals anarchisches Werk verstellt.

Dass Kippi, wie ihn seine Freunde nannten, nun in Berlin im Hamburger Bahnhof angekommen ist, ist überfällig. Am 25. Februar hätte er seinen 60. Geburtstag gefeiert. Hätte er diese Musealisierung gewollt? Anerkennung sicher, ja, doch seine Werke haben sich stets der institutionellen Repräsentation verweigert.

Die Flick-Hallen mit dem spröden, rissigen Betonboden vermitteln das typische Berlin-Gefühl des Unfertigen und retten Kippi dann doch vor einer allzu strengen, gar pathetischen Musealisierung. Denn einige Werke leben allein durch die Situation, in der sie entstanden, an Museumswänden droht ihnen der Tod des Banalen.

Kippenbergers Universum hieß Kreuzberg

Als Martin Kippenberger 1978 nach Berlin kam, drei Jahre blieb er, riss er die Klappe weit auf und forderte: "Berlin muss neu angestrichen werden." Dann pflasterte er den Westteil voll mit Plakaten und dem Slogan: "Ein ¼ Jhd. Kippenberger von Euch, mit Euch, unter Euch".

Sein Universum hieß Kreuzberg. Punks, Freaks und Künstler tummelten sich dort, und die Nächte im Mauer-Biotop waren wirklich noch lang. Als "Hausfreund" verbrachte er viel Zeit in der Zossener Straße, da lebten Claudia Skoda, Jenny Capitain und der Schlagzeuger Klaus Krüger.

Eine kreative WG, 300 Quadratmeter, 500 D-Mark, das war im Kiez möglich. Es stand viel leer, an jeder Ecke konnte man etwas mieten, um einige Monate später weiterzuziehen.

Kippi als ewiger Angestellter der Kunst

Die Szene war wie eine muntere Kontaktbörse und Kreuzberg wie eine offene Bühne, wo jeder auftreten konnte, egal, ob er nun gut war oder nicht. Kippenberger kaufte sich ins SO 36 mit ein, machte Musik, Luxus hieß die Band. Mit diesem Namen machte man sich in der Szene nicht nur Freunde. Er soff, filmte die Mode von Skoda, aß im "Exil" und in der "Paris Bar". Kunst gegen Trank.

Er zog sich Schlips und Kragen an, was nicht gerade en vogue war, und betrieb sein "Büro Kippenberger" am Segitzdamm. Dort bot er Dienstleistungen an wie den Druck von Plakaten und Einladungskarten. Kippi als ewiger Angestellter der Kunst, schöne Vorstellung.

Doch die Konkurrenz war groß, die Zeit politisiert, Eifersüchteleien an der Tagesordnung. Kippi trat an gegen die schrägen Moritz-Boys, das waren die Neuen Wilden um Rainer Fetting und Salome. Die ließen die Leinwände explodieren im Rausch der Farben. Und Kippi bastelte polternd am Konzept auf Papier.

Leben und Persönlichkeit ließen sich bei ihm nie trennen

Einen radikaleren Selbstvermarkter kann man sich damals kaum vorstellen. Heute, dreißig Jahre später, mit Künstlern wie Jonathan Meese, der gern den Hitler gibt, sieht das anders aus. Kippi zelebrierte seine wilde "Ich-AG" und zog das Künstlertum gleichzeitig durch den Kakao. Als "Anführer, Verschwender, Angeber" bezeichnete er sich, und all das stimmte wohl auch. Eins ist sicher, Leben und Persönlichkeit ließen sich bei ihm nie trennen.

Er entzog sich der Festlegung, indem er den lauten Kunst-Clown gab. Da nagelt er sich gnadenlos als Frosch mit Bierhumpen ans Kreuz, in einem Bildnis von 1983 dagegen bettelt er beim Publikum um Liebe: "Bitte nicht nach Hause schicken", dann präsentiert er sich als "Helmut Newton für Arme" – in der Verkleidung als türkische Putzfrau. Rastlos war er unterwegs, das war ein Segen für die Kunst, doch auch ein Fluch.

Er wechselte die Städte und Orte, getrieben vielleicht von der Sehnsucht, irgendwo ein Zuhause zu finden. Irgendwann auf Reisen in Brasilien zeichnete er auf dem Papier seines Hotels 64 Grundrisse von Wohnungen und Ateliers, wo er gelebt und gearbeitet hat: Berlin, Kassel, Wien, Zürich, St. Georgen, Mexiko City. Abwechslungsreich, manchem würde es aber auch Angst machen.

Sein vielfältiges Werk wollte sich keiner Kategorie fügen

Und so sollte es keine Retrospektive im Hamburger Bahnhof werden, ist es dann aber doch. Fast die ganzen Rieck-Hallen hat Direktor Udo Kittelmann für rund 300 Arbeiten leer räumen lassen. Nur Dieter Roths raumwuchernde Gartenskulptur haben sie stehen lassen, mittendrin hat Kippenberger nun ein Stelldichein mit seinen Ausstellungsplakaten.

Beide Künstler kannten sich, beide tranken, beide hatten im Zugriff auf die Kunst etwas ungeheuer Maßloses, verleibten sich die Dinge um sich herum ein. Vielleicht, um anzuarbeiten gegen die eigene Vergänglichkeit.

Die letzten Plakate zeigen, dass 1997, in Kippenbergers Todesjahr, der Erfolg kam, die Eröffnung von "Eiermann und seine Ausleger" in Mönchengladbach und eine Schau in Genf. Die deutschen Museen taten sich zu der Zeit schwer mit ihm. Vielleicht lag es daran, dass er vielen Museumsleuten wie ein Chamäleon erschien, sein Werk in der widerspenstigen Vielfalt wollte sich keiner Kategorie fügen.

Politisch korrekt aber war er nie, das langweilte ihn

"Ich kann beim besten Willen kein Hakenkreuz entdecken" heißt ein abstraktes Gemälde mit verschränkten, dunklen Balken. Politischer Kommentar oder Politpersiflage? Oft weiß man bei ihm einfach nicht, was E und U ist, Kritik oder subversiver Dilettantismus. Politisch korrekt aber war er nie, das langweilte ihn.

Da passte es ins Konzept, dass er für sich malen ließ. Die Serie mit den großen Bildern "Lieber Maler male mir" (1981) gab er bei einem Berliner Kinoplakatmaler in Auftrag. Und stellte damit eigentlich nur die simple Frage, ob Malerei überhaupt noch möglich war. Das führte 2009 zu erheblichem Trouble um die Frage nach dem "Original", als das bekannte Bild "Paris Bar" bei Christie's für mehr als zwei Millionen Euro versteigert wurde.

1000 D-Mark soll Kippenberger seinem "Assistenten" dafür gezahlt haben. Kippenberger ist kein Einzelfall: In der zeitgenössischen Kunst ist es üblich, dass Künstler ihre Werkstatt ausführen lassen, Jeff Koons handhabt das so und auch Damien Hirst. Heute gehört "Paris Bar" in den Fundus des französischen Megasammlers François Pinault, der Privatmuseen in Venedig unterhält. Diese Leihgabe hängt nun in Berlin.

Da ist sie wieder, seine Ironie

Eine zweite Version besitzt Ronald Lauder. Die Frage nach dem aktuellen Marktwert ist somit geklärt. Mick Flick kaufte im letzten Jahr noch ein Selbstporträt von 1991, das nun in den Hamburger Bahnhof gehört, Kostenpunkt: mehr als vier Millionen Euro. Mehr als zwanzig Arbeiten gehören zur Flick Collection im Museum an der Invalidenstraße.

Im ersten Geschoss des Hamburger Bahnhofs bekommt Martin Kippenberger dann doch noch die Ehre des "White Cube". Eine seiner konzeptionellsten Arbeiten, nach der nun auch die Ausstellung benannt ist: elf weiße Bilder an weißen Wänden. Kaum sichtbar, so gut verfugt sind sie eingebracht.

Eine darauf schillernde Kinderschrift benotet das Weiß wie in der Schule: "sehr gut / very good". Da ist sie wieder, seine Ironie. Kippi war ein lausiger Schüler, Legastheniker dazu.

Kippi war gnadenlos bis zur letzten Stunde

Den Sinn für sich selbst, für seine Werke, den hat er nie verloren, auch zum Schluss nicht, als er im Rollstuhl saß. Seine Frau, die Fotografin Elfie Semotan, hat ihn 1996 in einer letzten Serie verewigt – in der Pose des Schiffbrüchigen aus Théodore Géricaults "Floß der Medusa". Da hat er nicht einmal mehr seine weiße Unterhose an.

Er ist bereits zwischen Himmel und Erde. Aber er hört nicht auf. Kurze Zeit später malt er sich noch einmal in riesigen Bildern. Auf diese Porträts zu gucken, ist tatsächlich eine Herausforderung, berührend zugleich. Kippi, gnadenlos bis zur letzten Stunde. So nackt, so bloß, so ungeschützt. Vielleicht ist es seine ehrlichste Arbeit.

"Martin Kippenberger: sehr gut | very good", 23. Februar bis 18. August 2013 im Hamburger Bahnhof (Invalidenstraße 50/51)

Öffnungszeiten: dienstags, mittwochs und freitags von 10 bis 18 Uhr, donnerstags von 10 bis 20 Uhr, am Wochenende von 11 bis 18 Uhr,

Eintritt: Sonderausstellung 8 Euro (ermäßigt 4), komplette Hauskarte 14 Euro (ermäßigt 7), kostenlose Führungen dienstags bis freitags jeweils um 12 und 16 Uhr sowie sonnabends und sonntags um 14 Uhr, Gruppenanmeldung unter Tel. 030-266424242

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