20.02.13

Film über 30er-Jahre

In "Nacht über Berlin" wird Deutschland zur Nazi-Diktatur

Der TV-Film "Nacht über Berlin" mit Jan Josef Liefers und Anna Loos ist ein gewagtes Unterfangen - das weitestgehend gelingt.

Von Sven Felix Kellerhoff
Foto: dapd

Liebe in schwierigen Zeiten: Anna Loos als Unternehmensfrau Henny Dallgow und Jan Josef Liefers als Politiker Albert Goldmann in „Nacht über Berlin“
Liebe in schwierigen Zeiten: Anna Loos als Unternehmensfrau Henny Dallgow und Jan Josef Liefers als Politiker Albert Goldmann in "Nacht über Berlin"

Der Weg von einer politischen Witzfigur zum beinahe allmächtigen Diktator kann verdammt kurz sein. Adolf Hitler brauchte dafür gerade einmal acht Wochen. Noch in den Neujahrsausgaben 1933 der Berliner Zeitungen war er verspottet worden, im angesehenen "Tageblatt" etwa "als – wie hieß er noch gleich? – Adalbert Hitler". Doch schon Ende Februar beherrschten SA-Schlägertrupps die Straße. Für den 5. März 1933 war die nächste, laut Hitler "letzte" Reichstagswahl geplant. Dann ging plötzlich am 27. Februar der Plenarsaal des Parlamentsgebäudes in Flammen auf, und die Nazis fegten jede politische Konkurrenz beiseite.

Einige wenige Wochen haben vor 80 Jahren das Gesicht Deutschlands und Europas für immer verändert. Die ARD hat sich vorgenommen, diesen schon den Zeitgenossen unverständlichen Umschwung dem heutigen Publikum als Spielfilm nahezubringen. Ein gewagtes Unterfangen. Dass es weitgehend gelungen ist, liegt gleichermaßen an Drehbuchautor Rainer Berg, Regisseur Friedemann Fromm und den Hauptdarstellern Anna Loos und Jan Josef Liefers. "Nacht über Berlin" heißt der Film, der spannend und erfreulich unpädagogisch die Dramatik der irreführend "Machtergreifung" genannten Zeit Anfang 1933 fühlbar macht.

Traum und Wirklichkeit

Der Armenarzt und SPD-Reichstagsabgeordnete Albert Goldmann (Liefers) muss an mehreren Fronten gleichzeitig kämpfen: für seine Patienten im Wedding, gegen die uniformierten NS-Abgeordneten im Plenarsaal, gegen die Militanz seines jüngeren Bruders Edwin (Franz Dinda), der einer KPD-Terrorzelle angehört. Auf der Rückfahrt von Dänemark, wo er den verwundeten Edwin insgeheim versorgt hat, lernt Albert die Großbürgerstochter und Immobilienbesitzerin Henny Dalgow (Loos) kennen. Sie ignoriert die Politik und kümmert sich lieber um ihren Traum, als Sängerin ihr eigenes Ballhaus zu führen. Über so viel Realitätsverweigerung kann Albert nur staunen, aber er verliebt sich dennoch in die selbstständige junge Frau.

Doch ihre Beziehung steht unter keinem guten Stern, denn inzwischen ist Hitler zum Reichskanzler ernannt und Edwin bei einer SA-Razzia tödlich verletzt worden. Albert aber gibt die Hoffnung nicht auf. Mit aller Kraft, aber friedlichen Mitteln versucht er, den Weg Deutschlands in die Nazi-Diktatur zu bremsen. Da kommt eines Tages ein junger Holländer mit schwerem Augenleiden in seine Praxis und faselt von einer Brandstiftung – im Reichstag. Albert riskiert sein Leben, um das Verbrechen zu verhindern, er irrt durch das schon brennende Parlament. Doch es ist zu spät: Er fällt der SA in die Hände und landet in einem Folterkeller.

Die Täterfrage ist Nebensache

Um die Kernfrage der Brandstiftung geht es hier nur am Rande. Den Weg Deutschlands vom politischen Chaos des Jahres 1932 in die Diktatur des Frühjahrs 1933 dagegen zeichnen sie mit ihren Figuren eindringlich nach. Da ist der jüdische (und homosexuelle) Ballhaus-Besitzer Matze Belzig (Jürgen Tarrach), der gerade noch rechtzeitig Deutschland Richtung New York verlassen kann. Oder der wendige Erhart von Kühn (Sven Lehmann), Profiteur und Nazi, der privat und geschäftlich immer nur nach seinem Vorteil schielt. Zutreffend schildern Berg und Fromm, wie nach der Demokratie auch die rechtsstaatliche Ordnung der Weimarer Republik zwischen der Militanz von links und rechts zerrieben wurde. Das gelingt ihnen mit meist überzeugenden Bildern, hier kann man die ungeheure Armut sehen, die 1932/33 in Berlin herrschte.

Nacht über Berlin ARD, 20.2., 20.15 Uhr

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