20.02.13

Schauspielerpaar

Loos und Liefers gehen beruflich lieber getrennte Wege

Seltene Zusammenarbeit: Jan Josef Liefers und Anna Loos sprechen über ihren Film "Nacht über Berlin" - und den Reiz, sich zu begegnen.

Von Peter Zander
Foto: Amin Akhtar

Erfahren sich immer wieder neu: Das Ehepaar Anna Loos und Jan Josef Liefers
Erfahren sich immer wieder neu: Das Ehepaar Anna Loos und Jan Josef Liefers

Einst haben sie sich bei Dreharbeiten zu "Halt mich fest!" kennengelernt. Seit 13 Jahren sind Anna Loos und Jan Josef Liefers nun ein Paar. Dabei wollen sie nur noch in Ausnahmefällen gemeinsam vor der Kamera stehen. Eine solche Ausnahme ist der ARD-Film "Nacht über Berlin" über den Reichstagsbrand, den die ARD zum 80. Jahrestag dieses Ereignisses ausstrahlt. Wir haben mit den beiden Schauspielern gesprochen.

Berliner Morgenpost: Ich hatte gedacht, wir sprechen hier über einen ganz historischen Stoff. Aber dann kam kürzlich diese Hass-Videobotschaft, in der ein Anschlag auf den Reichstag angedroht wurde. Und plötzlich bekommt Ihr Film eine ganz unerwartete aktuelle Note.

Anna Loos: In der Tat. Gerade in der heutigen Zeit, wo man weiß, welche Auswirkungen Terror haben kann und zu was Terror in der Lage ist, ist das sehr gruselig.

Jan Josef Liefers: Wer glaubt, dass man für seinen Gott Leute töten und Gebäude zerstören muss, der sollte doch bitte schön bei sich selber anfangen. Dann wäre wohl allen geholfen. Dieses Extrem ist so jenseits von allem, was im Interesse der Menschheit liegt, da ist man sprachlos. Das geht mir nicht nur so, wenn ich höre, dass der Reichstag ein mögliches Anschlagsziel sein könnte. Das geht mir auch so, wenn ich lese, dass irgendwo eine Disco in die Luft gesprengt wird oder sich in Israel auf einem Markt in die Luft sprengt. Was immer man Kritisches über unsere Gesellschaft sagen mag, bei mir hört es definitiv da auf, wo Blut vergossen wird.

Berliner Morgenpost: Der Fernsehfilm wird zum 80. Jahrestag des Reichstagsbrands ausgestrahlt. Warum hat es nicht längst einen Film über das Thema gegeben?

Loos: Das haben wir uns auch gefragt. Vielleicht liegt es daran, dass das letztlich ein ungelöster Kriminalfall ist, man kann da bis heute nur spekulieren, was da wirklich passiert ist. Sehr früh haben wir uns mit Friedemann Fromm überlegt, wie man das eigentlich erzählen kann. Und schnell wurde uns klar, dass es uns weniger darum ging, wer ihn angezündet hat, und mehr, was für eine explosive Stimmung in diesem Land war. Dieser Tanz auf dem Vulkan. Wie desolat war die Demokratie, was haben die Leute vorausgeahnt? Das war dann nicht die übliche Liebesschmonzette im Rahmen eines historischen Reizdatums, es ging wirklich um die Zeit.

Liefers: Natürlich sollte da der Reichstagsbrand nicht nur mit ein bisschen Liebe verkauft werden. Auch wenn das vom Ansatz her heikel ist, ein historisches Ereignis mit einer Lovestory zu verknüpfen, macht das tiefen Sinn: Hier die große politische, ja terroristische Bewegung, und da das kleinste Privateste, was man haben kann, die Liebe und die Familie. Der Film zeigt sehr schön, dass man das nicht trennen kann, dass das eine nicht halt machte vor der Wohnungstür, sondern dass es in die bürgerliche Privatheit eingewirkt hat, ja eingedrungen ist. Damit zeigen wir auch, was an Unheilvollem an diesem einen Tag begonnen hat.

Loos: Ganz wichtig war, dass es am Ende kein Happy End gibt. Keine Flucht in letzter Sekunde oder so. Wir wollten vielmehr zeigen, was das für ein Einschnitt in das Leben dieser Menschen, in die ganze Gesellschaft war. Das ist gar nicht so einfach, so etwas durchzusetzen bei einem Fernsehfilm. Am Ende löst sich nicht alles in Wohlgefallen auf, der Kloß sollte im Hals stecken bleiben.

Berliner Morgenpost: Ist das eine besondere Verantwortung, so einen Film zu drehen, wenn er auf einen Jahrestag hin konzipiert ist?

Loos: Das ist immer eine Verantwortung. Egal ob das ein historischer Film ist oder ob er in der Gegenwart spielt. Ich glaube, wir dürfen von uns beiden behaupten, dass wir auch gern mal eine Komödie drehen, aber wenn man sich einem Thema widmet, sei es Amoklauf in der Schule oder Flucht aus der DDR, hat man immer die Verantwortung, dem gerecht zu werden.

Liefers: Es ist vor allem eine große Chance: So ein Film kann eine Zeit einfach plastisch darstellen. Fernsehen ist ein Massenmedium, wir hoffen ja auch, dass viele Leute sich das anschauen. Und es wird über die Fiktion hinaus noch eine Dokumentation geben. Das ist schon eine gute Sache, dass sich das deutsche Fernsehen da immer mal leistet, ein Thema aufzuarbeiten.

Berliner Morgenpost: Der Nationalsozialismus hat sich auch auf Ihre Familiengeschichten ausgewirkt. War das auch ein Anreiz, den Film zu drehen?

Liefers: Sicher. Mein Urgroßvater, ein Gewerkschafter und Sozialdemokrat, ist im KZ gestorben. Unter umgeklärten Umständen, wie das damals immer hieß. Ich bin in Dresden geboren. Meine Großmutter hat die Bombennacht miterlebt, meine Mutter auch als Säugling. Das ist mein Hintergrund, das hat mich geprägt. Ich denke, dass Dresden ein symbolischer Ort ist für die Konsequenzen des Nationalsozialismus, des damaligen Terrorismus. Um so rätselhafter ist es mir, dass in der Zwischenzeit dort wieder Rechtsradikale und Nationalisten gewählt werden. Die müssten es doch am besten wissen.

Loos: Die Familien meiner beiden Eltern mussten am Ende des Krieges aus Polen und aus Ostpreußen fliehen. Beide Großmütter waren ganz allein mit ihren Kindern, die Großväter waren ja in Kriegsgefangenschaft. Die Frauenbilder sind sehr stark in beiden Familien, das ist schon eine Folge dieser Zeit. Dass wir jetzt so lange Zeit Frieden haben, ist eins der höchsten Güter, die wir haben. Das nehmen wir vielleicht alles als zu selbstverständlich hin, dabei hat die Generation vor uns das noch ganz anders erlebt.

Berliner Morgenpost: Wie haben Sie diese Zeitreise angetreten?

Liefers: Das ist nicht einfach, wenn du das historische Wissen hast, was danach gekommen ist. Das musst du alles ausklammern. Es hat mich ein bisschen an das Ende der DDR erinnert. Das kann man natürlich nicht vergleichen, aber da hat man auch an dem einen Tag nicht gewusst, was am nächsten passiert.

Loos: Das funktioniert am besten, wenn man sich auf die ganz banalen, alltäglichen Dinge konzentriert: Wie haben die Leute damals gelebt? Wie haben sie sich gekleidet? Wo kam das Wasser her? Ich habe auch nicht gewusst, dass Berlin damals eine so fortschrittliche Metropole war, dass Scotland Yard hierher gereist ist, um zu sehen, wie hier ermittelt wurde. Wir haben uns natürlich auch sehr mit der jüdischen Kultur auseinandergesetzt und wie unwiederbringlich sie damals ausgemerzt wurde. Das ist ein Verlust, unter dem unsere Kultur heute noch leidet.

Berliner Morgenpost: Es gibt ja zahlreiche Thesen, wer den Reichstag wirklich angezündet hat. Haben Sie sich da auch durchgeackert?

Liefers: Friedemann Fromm ist einer von den wenigen Regisseuren, der nicht locker lässt und in der Recherche sehr genau ist. Der hat sich durch all die Theorien, noch die abenteuerlichsten Thesen, durchgearbeitet.

Loos: Friedemann hat sich dafür Wochen lang mit Historikern zusammengesetzt. Und hat am Ende gar nicht mehr gewusst, was er denken sollte. Es gibt ja auch so viele verrückte Theorien. Es war aber nie das Ziel, jetzt diesen Kriminalfall aufzulösen. Wir wollten einfach die Zeit und die Menschen zeigen, wie es damals aussah in dem Land.

Liefers: Die gängigste Meinung nach der Aktenlage ist wohl doch die Einzeltäter-Theorie. Dass durch eine Verkettung unglücklicher Zufälle ein eigentlich dilettantisch gelegter Brand zu einem Großbrand und der Explosion der Kuppel führte: durch die Gaswolke, die wegen des alten Holzes und dem Bohnerwachs entstand, und dem Sauerstoffzug. Das rangiert gerade auf Platz Eins der Theorien. Am Ende des Tages ist es mir aber zunehmend unwichtig, diese Frage zu klären. Viel interessanter ist doch die Tatsache, dass dieser Brand zur Folge haben konnte, was dann die nächsten zwölf Jahre hier geschah. In welchem Zustand ist eine Gesellschaft, wenn das möglich ist. Da wird dieser reale Brand wirklich zum Symbol für einen Flächenbrand.

Loos: Ob die Nazis jetzt die Zündhölzer dran gehalten oder nicht, ist letztlich wirklich irrelevant. Viel wichtiger ist doch, wie gut vorbereitet und strukturiert sie waren, um schon am nächsten Tag die ersten Leute zu verhaften. Dass sie die Ermächtigungsgesetzte schon in der Schublade hatten. Um den Krieg im eigenen Land zu starten.

Liefers: Desolate Wirtschaft, viel Armut, das Fehlen sozialen Friedens – und das in Verbindung mit Terror, mit körperlicher Gewalt und starken Feindbildern: Das ist eine kritische Gemengelage, die offensichtlich immer wieder zu einem solchen Regime führen kann. Da muss man einfach wach bleiben. Ich kann mir, durch den europäischen Gedanken, nicht mehr vorstellen, dass das heute noch mal möglich wäre bei uns. Aber dennoch haben wir Landtage in Deutschland, in denen wieder Nazis sitzen. Für mich besteht der ganze Sinn von Historienfilmen genau daran nicht: nicht, Bilder fürs Museum zu machen, sondern das man auch was über seine Gegenwart erfährt. Ein Film über die letzten Tage im Führerbunker: Für mich ist das nicht so erhellend, ob Hitler seine Suppe um 12.05 Ur ausgelöffelt hat und um 12.15 Uhr einen Adjutanten zusammengeschissen hat. Eine solche historische Wahrehit sagt mir noch nicht so viel. Da habe ich noch nichts über die Gesellschaft erfahren und warum der Nationalsozialismus überhaupt möglich war.

Berliner Morgenpost: Haben Sie sich jeder für sich vorbereitet? Oder geht das dann schon beim Frühstückstisch los, dass man sich darüber austauscht?

Liefers: Das geht bei uns ja gar nicht anders. Das ist gar nicht anders denkbar.

Berliner Morgenpost: Ist das manchmal auch anstrengend, wenn man abends nach einem langen Drehtag nach Hause kommt, seine Ruhe haben will und dann doch von nichts anderem redet?

Liefers: Deine Ruhe haben willst du eigentlich nicht. Beim Drehen bist du in einem Ausnahmezustand. Alles läuft auf den nächsten Drehtag hinaus. Auch ärgert man sich oft, wenn man vielleicht was vergessen hat oder meint, nicht überzeugend genug gewesen zu sein.

Loos: Wir machen den Beruf ja, weil wir ihn lieben. Und für diesen Film haben wir uns entschieden, weil wir es toll fanden. Friedemann hatte ein Traumteam, da ist ein Riesen-Ozeandampfer vom Stapel gelaufen. Mit zu wenig Geld, zu wenig Zeit. Wir sind da alle an die Grenzen unserer Kräfte gekommen. Ich empfinde das als Geschenk, so eine Zeit mit Jan zu verbringen. Ich drehe sehr gern mit ihm. Erstens, weil er ein grandioser Kollege ist. Man ist ja immer nur so gut wie der, der einem die Bälle zuspielt. Und zweitens ist es ein ungeheures Privileg, wenn man abends noch mal mit ihm reden und den nächsten Tag vorbereiten kann.

Berliner Morgenpost: Ist es besonders leicht für Sie, zusammen zu drehen, weil Sie so aufeinander eingespielt sind, oder ist es umso schwieriger, weil Sie sich gegenseitig weniger vormachen können als Dritten?

Liefers: Die Kommunikation ist sehr viel einfacher. Wir sehen uns oft einfach in die Augen und wissen, was uns bewegt. Natürlich musst du trennen können, musst du dir professionell begegnen. Aber ich habe die Erfahrungen auch mit Freunden gemacht: Es ist immer einfacher, wenn du dich schon kennst. Da kann man auch so sinnlose Konflikte früher umschiffen.

Loos: Es gibt ja auch Schauspielerpaare, die nicht so gern miteinander drehen. Wir tun das, ich empfinde das zumindest so, weil wir genau wissen, wie wir uns was sagen können. Wir sind da auch sehr schonungslos gegeneinander, das hilft mir sehr beim Spielen. Manchmal musst du beim Drehen viel Energie dafür aufwenden, dass du mit den Kollegen klarkommst, das fällt bei uns komplett weg.

Liefers: Trotzdem muss man sich das immer wieder aufs Neue genau überlegen. Es hat ja auch immer diesen Boulevard-Anteil, viele Zeitungen reduzieren uns ja nur darauf und machen daraus ihr Kerngeschäft. Das mögen wir jetzt nicht so, das kann man dann aber auch nicht ganz ausklammern.

Berliner Morgenpost: Wie viele Angebote bekommen Sie denn so, gemeinsam zu drehen?

Loos: Viele.

Liefers: Zu viele.

Loos: Aber wir haben uns das in letzter Zeit wirklich gut ausgesucht. Wir machen das nur, wenn uns die Filme am Herzen liegen. Und wenn wir denken, dass es auch Sinn macht.

Berliner Morgenpost: Auch auf die Gefahr hin, jetzt ebenfalls ins Boulevard abzudriften: Sie sind nicht nur Schauspieler, Sie sind nicht nur Eheleute, Sie sind auch Musiker und begegnen sich damit auf drei Ebenen. Erfährt man sich da immer wieder neu?

Loos: Was ganz gesund ist: Wir haben zwei Kinder, der Jan hat noch zwei mehr. Wir haben diese private Ebene, die uns wohl auch gut erdet. Aber über das Schauspiel und die Musik kriegt man einfach noch mal einen ganz anderen Bezug zueinander. Das führt den Fokus weg von diesem doch sehr egomanischen Beruf des Schauspielers, das ist auf jeden Fall was Gutes. Bei der Schauspielerei geht oft nur darum: Bist du bekannt, wirst du besetzt,machst Du Quote, bist du auf der Party? Das ist eine Falle, die kann aber gar nicht zuschnappen, wenn man zwischendurch was anderes macht. Ich denke aber schon, dass es für unsere Beziehung ein Geschenk ist, so blöd das klingt: Ich bin auch nach 13 Jahren noch oft überrascht, was der Jan so macht. Jetzt hat er beschlossen, eine Filmproduktionsfirma zu gründen.

Liefers: Ich habe einfach keine Lust mehr, nur zu meckern. Wenn von außen nichts kommt, will ich selber was anstoßen. Ich habe auch viele Filme gedreht, die unterhalten; das ist auch gut und das will ich auch fortführen. Aber ich möchte auch mehr Sachen drehen wie jetzt diesen Film, die für mich eine größere Relevanz haben.

Loos: Wir werden vom Boulevard ja auch gern gefragt, wie kann man sich 13 Jahre lieben. Es ist vielleicht auch so, dass man den Anderen immer wieder beeindruckt oder überrascht. Wenn jeder für sich an seinen Fähigkeiten arbeitet, wächst man auch als Paar daran. Wenn wir unsicher sind in dem, was wir tun, können wir uns ganz schonungslos kritisieren, ohne dass es einer mitkriegt. Ich glaube, wir haben uns schon ganz gut begriffen, überraschen uns aber auch immer wieder aufs Neue.

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