16.02.13

Pop

Yoko Ono und die digitale Welt - "John würde heute twittern"

Am Montag wird die Künstlerin 80 Jahre alt. Mit der Berliner Morgenpost sprach sie über das Altern und Wut, die nicht verfliegt.

Foto: dpa

Immer unterwegs: Yoko Ono, die Witwe von John Lennon, hat gerade in der Frankfurter Kunsthalle Schirn ihre Ausstellung „Yoko Ono. Half-A-Wind Show“ eröffnet. Am Sonntag gibt sie ein Konzert in der Volksbühne
Immer unterwegs: Yoko Ono, die Witwe von John Lennon, hat gerade in der Frankfurter Kunsthalle Schirn ihre Ausstellung "Yoko Ono. Half-A-Wind Show" eröffnet. Am Sonntag gibt sie ein Konzert in der Volksbühne

Yoko Ono, 79, sitzt im Hotel Kempinski Bristol in Charlottenburg. Ihre Sonnenbrille liegt so tief auf der Nasenspitze, dass sie ihr Gegenüber mit ihren großen Augen direkt fixieren kann. Das Sprudelwasser vor sich wird sie nicht anrühren, überhaupt wird sie sich wenig bewegen. Nicht länger als 15 Minuten hat sie Zeit, doch sie schafft es, über ihre Geburt, ihre Kunst und den Weltfrieden zu sprechen.

Berliner Morgenpost: Frau Ono, man sagt, die drei wichtigsten Fragen seien: "Wie geht es Ihnen, wie war der Urlaub, sind Sie gerade verliebt." Was sagen Sie?

Yoko Ono: Ich fühle mich sehr gesund, wofür ich sehr dankbar bin. Zum Urlaub, ich reise viel, aber ich beginne jetzt, es zu genießen. Was war die dritte Frage noch einmal? Sind sie gerade verliebt? Ich bin verliebt in das Leben. Ich versuche, mich um jeden Tag zu kümmern, so gut ich kann.

Haben Sie Narben?

Schmerzhafte? Nun, wenn es welche gab, sind sie geheilt.

Wie machen Sie das?

Meine Narben müssen schnell heilen, denn ich muss mich doch schon mit der nächsten Sache beschäftigen. Man kann sich doch nicht die ganze Zeit mit alten Narben herumschlagen.

Was werden Sie am Montagmorgen tun?

Ich habe nie das Gefühl gehabt, einen Geburtstag fürchten zu müssen. Andere haben Angst vor ihrem 40. oder 50. Geburtstag, aber das war für mich nie so. Ich muss mit der 80 umgehen und habe eher das Gefühl, dass es ein Anlass zum Feiern ist. Es ist zwar auch eine ganze Menge Glück dabei, aber ich habe auch dafür gearbeitet.

In den Anfängen Ihrer Künstlerkarriere haben Sie "Morning Pieces" hergestellt, kleine nummerierte Glassplitter, auf denen ein Datum in der fernen Zukunft aufgedruckt war. Gab es eins für 2013?

Es gab auf jeden Fall ein kleines Stück zu einem Tag in den 2000ern. Damals dachte ich noch, den Tag werde ich nicht mehr erleben und jetzt ist er schon vorbei.

Sie sind noch sehr aktiv. Bei der Eröffnung Ihrer Frankfurter Ausstellung haben Sie getanzt…

…ja, was hätte ich denn tun sollen? All die Kameras sind auf mich gerichtet und ich dachte, wenn ich jetzt hier nur stehen bleibe, ist das auch etwas langweilig.

Nach dem Tanz kam ein Mann auf Sie zu und bat Sie, ihn doch einmal anzufassen. War Ihnen das nicht unangenehm?

Überhaupt nicht. Der Mann war sehr nett, er fragte sehr höflich, ob ich ihn berühren könne und als ich die Hand nach ihm ausstreckte, zog er seine zurück. Ich glaube, er wollte damit eher ausdrücken, dass er die Vorstellung von der Berührung interessant findet. Ist das nicht unglaublich und wunderschön? Er war sehr respektvoll und überhaupt nicht aggressiv, wie das behauptet wurde.

Vielleicht war es nicht so gut zu erkennen?

Ach, es ist einfach seltsam, dass manche Menschen es lieben, eine gute Situation in eine schlechte umzukehren. Es gibt so viel Krieg, Täuschung und Gewalt in der Welt und Menschen brauchen offenbar schlechte Nachrichten.

Werden Sie bei solchen Tatsachen noch richtig wütend?

Wütend? Natürlich! Hören Sie zu, ich bin doch auch nur ein Mensch! Ich werde jeden Tag wütender, denn diese Welt macht mich wütend, ja. Aber ich habe die Kunst als Mittel entdeckt, diese Dinge in etwas Schönes zu verwandeln. Dass sollte jeder tun für sich selbst. Sonst stirbt man irgendwann an dieser Wut.

Während wir hier sitzen, findet in Berlin das Filmfestival Berlinale statt. Denken Sie, dass Kunst, dass Filme die Welt zum Besseren verändern können?

Filme sind sehr wichtig und können Dinge verändern. Josh Fox hat gerade einen wunderbaren Film gegen das Fracking gedreht, die umweltschädigende Form der Gasförderung. Das war so wichtig und er hat deshalb auch den Lennon-Ono-Friedenspreis bekommen. Er hat es geschafft, dass die Menschen, die ihr Land an Gas-Firmen verkauft haben, weniger werden. Das zeigt doch, wie mächtig ein Film sein kann.

Wie ist das mit Ihrer Kunst?

Ich als Japanerin weiß, dass Korea und Japan zum Beispiel Probleme miteinander haben, wegen des Zweiten Weltkriegs. Als ich kürzlich auf Tour war, bestand ich darauf, vor meinem Auftritt in Japan zuerst in Korea zu sein. Als Menschen müssen wir doch immer zumindest versuchen, denen auf der anderen Seite Respekt zu zeigen.

Hatten Sie nie Zweifel an dieser Friedensbotschaft?

Natürlich nicht! Es funktioniert ja auch. Sehen Sie sich doch um! Sehen Sie hier eine Bombe irgendwo? Ideen sind wichtig, erst kommt die Vorstellung, das "Imagine", und dann die Realität.

Wie kommen Sie auf Ihre Ideen?

Die kommen einfach so zu mir, für Musik, Kunst, Filme. Ich versuche einfach, offen zu sein und mich nicht gegen sie zu wehren. Und ich stelle mir noch immer gern Frieden vor: Imagine Peace. Deswegen habe ich in Island die Image Peace Towers gebaut. Es ist ein wunderschöner Ort.

Sie sind viel unterwegs und zwischendurch auch bei Twitter unterwegs. Würde John Lennon heute auch twittern?

Er würde das Digitale lieben, davon bin ich überzeugt. Er wollte schon damals immer das neueste Modell von einem technischen Objekt haben. Aber wir lebten in einer Zeit, in der die Computer noch so groß waren wie dieses Zimmer hier.

Sie treten am Sonntag mit Ihrem Sohn Sean Lennon auf. Hat er Ihnen einmal gesagt: Mutter, mach es besser anders?

Gesagt hat er es nicht, aber ich bin mir sicher, er denkt es manchmal. Sehen Sie, sein Vater war so berühmt und seine Mutter ist noch so aktiv, er hatte es nie leicht, mit all dem Druck. Aber inzwischen sehe ich, wie er sich als Künstler entwickelt hat und bewundere das sehr. Er hat fantastisches Talent und schreibt einfach sehr gute Lieder. Früher sind viele ältere Leute zu seinen Konzerten gekommen, Beatles-Fans, die einfach den berühmten Sohn sehen wollten. Jetzt aber kommen vor allem junge, hippe, funky gekleidete Leute zu seinen Shows. Das freut mich sehr für ihn.

Warum haben Sie Berlin für Ihr Konzert zum 80. Geburtstag ausgewählt?

Berlin hat mir schon immer viel bedeutet, aber es lässt sich schwer beschreiben, warum. Es hat aber auch mit der starken Verbindung zwischen Japan und Deutschland zu tun, die es schon lange gibt. Unsere beiden Länder verbindet viel, aber ich müsste jetzt auch über den Krieg reden und das ist nicht schön.

Gibt es denn eine Verbindung zu Deutschland, die mit Musik zu tun hat?

Als ich drei Jahre alt war, schickten mich meine Eltern in Tokio zu einer Musikschule. Dort lernten wir viel über Harmonien und sangen deutsche Volkslieder. Außerdem waren da die großen Komponisten: Beethoven, Brahms, Schubert, später auch die Zwölf-Ton-Musik von Arnold Schönberg. Diese Musik hat mich beim Finden meiner Stimme begleitet.

Was haben Ihre Eltern von Ihrer Geburt erzählt? Von Ihrem ersten Tag auf der Welt?

Meine Mutter hat gesagt, dass sie die ganze Nacht vor dem 18. Februar in schweren Wehen lag. Am frühen Morgen wurde ich endlich geboren. Dann ist sie zum Fenster gegangen und hat es aufgemacht. Erst da hat sie gesehen, dass es in der Nacht geschneit hatte und alles weiß war. Noch heute bin ich ganz verliebt in Schnee.

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