16.02.13

Unter den Linden

Guggenheim ade - jetzt kommt die "KunstHalle"

Die Guggenheim Foundation beendet ihre Arbeit mit der Deutschen Bank. Am Sonntag schließt die Berliner Dependance. Das Projekt lebt weiter.

Von Marcus Woehler
Foto: Getty Images

Letzter Blick: Am Sonntag schließt die Ausstellung „Visions Of Modernity“ im Guggenheim Unter den Linden
Letzter Blick: Am Sonntag schließt die Ausstellung "Visions Of Modernity" im Guggenheim Unter den Linden

Im Ausstellungssaal des Deutsche Guggenheim kann man die Luft schneiden. Dabei steht gar keine Schlange wartender Menschen vor dem Eingang. Stattdessen drängelte eine Gruppe Grundschüler in Begleitung ihrer Kunstlehrer nach draußen, Stars-and-Stripes-Lollis lutschend. Es ist aber den ganzen Tag schon sehr voll, bestätigt die Dame vom Aufsichtspersonal und bewacht gleichmütig ein "Kleines französisches Mädchen".

Der rumänische Künstler Constantin Brancusi schuf die stark abstrahierte Eichenskulptur einer weiblichen Figur während des Ersten Weltkriegs in Paris. Nun steht sie im Zentrum von "Visions of Modernity". Die letzten Ausstellung im Deutsche Guggenheim, mit der sich die Amerikaner am Sonntag aus dem Berliner Joint Venture verabschieden.

Mit dieser Präsentation von Meisterwerken des Impressionismus und der Klassischen Moderne aus den Sammlungen der wohl einflussreichsten Kunststiftung der Welt beendet die Solomon R. Guggenheim Foundation aus New York nach mehr als 15 Jahren ihre Zusammenarbeit mit der Deutschen Bank. 61 Ausstellungen wurden gezeigt, 18 Auftragsarbeiten entstanden, eine der aufwendigsten war da wohl "Memory", ein 24 Tonnen schweres Stahlmonster des Turnerpreisträger Anish Kapoor.

Die Guggenheim Foundation demonstriert mit dieser Ausstellung auch, welchen mächtigen Partner Berlin verliert und blickt dabei stolz auf die eigene Geschichte. Die Grundlage, auf der sie ihren heutigen Weltruhm mit Museen in New York, Venedig und Bilbao aufbaute, stammt nämlich aus dem Besitz und Nachlass fünf visionärer Privatsammler: Hans Nierendorf war einer der wichtigsten Galeristen in Berlin vor dem Zweiten Weltkrieg und sammelte Expressionisten. Peggy Guggenheim, Solomons Nichte, war lange mit Max Ernst verheiratet, verlegte das zweite Standbein der Stiftung nach Venedig und sammelte bevorzugt Surrealisten.

Justin K. Thannhauser wirkte als Kunsthändler in München und sammelte Impressionisten. Katherine Sophie Dreier gründete zusammen mit Man Ray und Marcel Duchamp den Künstlerklub Sociéte Anonyme und sammelte Dadaisten. Hilla von Rebay war die erste Leiterin des Guggenheim-Museums in New York, malte selbst und sammelte vor allem die Abstrakten.

Ende einer Kooperation

Insofern ist "Visions of Modernity" auch eine Provenienzgeschichte des 20. Jahrhunderts zwischen Europa und den USA. Wäre Solomon Guggenheim, der Bergbauindustrielle im Ruhestand, nicht auf Hilla Rebay gestoßen, die exaltierte deutschstämmige Intellektuelle, sähe die Sammlung heute wohl anders aus. Guggenheim interessierte sich zunächst eher für Alte Meister, amerikanische Landschaftsmalerei und die Schule von Barbizon.

Bald lernte er aber mit Gemälden von Amedeo Modigliani und Henri Rousseau die moderne Kunst kennen. Später kamen Werke von Pablo Picasso, Paul Klee, Fernand Léger und vielen anderen Künstlern der Avantgarde hinzu.

Und genau diese Sammellust stellt das New Yorker Haus nun noch ein letztes Mal in Berlin zur Schau. Hier werden etwa pointillistische Studien von Georges Seurat gezeigt, ein klassisch kubistisches Stillleben mit Karaffe, Krug und Früchten von Picasso, zwei kleine Bronzen von Edgar Degas aus der Thannhauser-Sammlung oder ein erstklassiges Obstbildnis von Paul Cézanne. Ausgewählt ist auch eine Schneelandschaft von Vincent van Gogh, die direkt neben einer venezianischen Szene mit Dogenpalast von Claude Monet hängt, dicht gefolgt von Picassos berühmter Menschenmenge vor der Moulin de la Galette.

Persönlich möge sie eigentlich lieber naturalistische Kunst, erzählt eine Dame aus Magdeburg und bekennt, dass sie zum ersten Mal im Deutsche Guggenheim ist. Vor einer geometrischen Komposition von Wassily Kandinsky bleibt sie besonders lang stehen. "Ich bin Naturliebhaberin," schwärmt sie, "aber diese ungegenständlichen Bilder strahlen für mich die gleiche Suche nach Harmonie und Balance aus wie man sie in klassischen Landschaftsgemälden findet." Kandinsky hat in dem Bild vor allem nach dem richtigen Verhältnis von Farben und Formen gesucht – und gefunden: "Entscheidendes Rosa" nannte er das Gemälde.

Neuanfang als KunstHalle

Das Deutsche Guggenheim stand all die Jahre nicht nur für den Glanz der Avantgarde des 20. Jahrhunderts, sondern auch für den Fokus auf zeitgenössischer Kunst. Besonders mit jährlichen Auftragsarbeiten hatte sich die Institution zu profilieren versucht.

Der Großteil der für Berlin entstandenen Werke geht nun allerdings in der Guggenheim-Sammlung auf: darunter Werke von Jeff Wall, Hanne Darboven, William Kentridge oder auch die zuletzt gezeigte Installation von Gabriel Orozco. Eine kleinere Gruppe der Auftragsarbeiten wird in die Kunstsammlung der Deutschen Bank integriert, darunter ein großformatiges Gemälde von John Baldessari oder die Monumentalskulptur "Memory" von Anish Kapoor.

Die Deutsche Bank will den Rückzug der New Yorker nun als Chance für einen Neuanfang nutzen und hat bereits angekündigt, dass sie in den Räumen eine "KunstHalle" einrichten will, deren Auftakt Mitte April mit dem Pakistaner Imran Qureshi gefeiert werden soll, der als "Künstler des Jahres 2013" ausgezeichnet wurde.

Die Bank will ihr langjähriges Engagement für Gegenwartskunst aus aller Welt fortsetzen. Die "Kunsthalle soll der Ort sein, wo junge, vielversprechende Talente zuerst zu sehen sein werden.", erklärt Stefan Krause, Mitglied des Vorstands der Deutschen Bank, der künftig das weltweite Kunstengagement der Bank verantwortet. "Mit der neuen Kunsthalle wollen wir den nächsten Schritt gehen und verstärkt jungen Talenten eine Plattform bieten. Gleichzeitig wollen wir auch eine Lücke schließen, indem wir schneller als staatliche Institutionen junge Kunst aus Berlin auch da vorstellen, wo sie entsteht."

Wie genau dieses Engagement nach der Ausstellung von Imran Qureshi aussehen soll, wurde allerdings noch nicht bekannt gegeben.

Details zur Konzeption stehen aus. Dem Haus, das aufgrund seiner Größe konzentrierte Ausstellungen möglich macht, wäre jedenfalls ein kuratorisches Team zu wünschen, welches den Ort wirklich als junge Kunsthalle für Berlin etabliert und nicht nur als Aushängeschild für die bankeigene Sammlungstätigkeit nutzt.

Deutsche Guggenheim, Unter den Linden 13/15, 10117 Berlin. Bis 17. Februar,. Verlängerte Öffnungszeiten: 10- 22 Uhr, Eintritt frei.

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