10.02.13

"Tatort"

Kaum ist Fastnacht, gerät die Welt aus den Fugen

Seinen ersten "Tatort" hat Dani Levy so gedreht, als ob es eine Dokumentation wäre. Hier tanzen am heute Abend Tod und Eros Hand in Hand.

Von Arne Willander
Foto: obs

Reto Flückiger (Stefan Gubser) gehört zu den Fasnachtsflüchtern. Leider hält ein Mordfall ihn in der Stadt
Reto Flückiger (Stefan Gubser) gehört zu den Fasnachtsflüchtern. Leider hält ein Mordfall ihn in der Stadt

Kommissar Reto Flückiger steht übermüdet am See und blickt aufs Wasser, als er von E.T. angesprochen wird. "Ich bin sehr traurig", sagt der Außerirdische. "Willst du mein Freund sein?" Flückiger könnte einen Freund brauchen, raunzt ihn aber unbeherrscht an. E.T. hält ihm dennoch die glühende Fingerspitze hin, und Gubser erwidert die Geste. Es ist zu spät, um nach Hause zu kommen.

"Schmutziger Donnerstag", die erste Regie-Arbeit von Dani Levy ("Alles auf Zucker") für den "Tatort", spielt während der Luzerner Fasnacht: In den Straßen toben die verkleideten Feierwütigen, es regnet Konfetti, über dem See explodiert Feuerwerk. Ein barocker Sinnestaumel erfasst das Volk, aber auch eine Art von Torschlusspanik: Schon morgen kann das Leben vorbei sein, deshalb sollte man heute noch einmal alle Genüsse ausschöpfen. Tod und Eros tanzen Hand in Hand durch die Nacht.

Ein Racheakt?

Am Morgen nach einem Gelage mit einer Prostituierten wird Franz Schüblin, Vorsteher des städtischen Bau-Ausschusses, im lärmenden Gemenge vom Sensenmann erstochen. Kommissar Flückiger wollte dem Treiben in seinem Segelboot entfliehen und muss nun ans Ufer zurückrudern, weil der Motor ausgefallen ist, seiner Kollegin Liz Ritschard ist nach einem Techtelmechtel blümerant.

Unrasiert und übel gelaunt stapft der Kommissar mit seiner signalfarbenen Weste durch den bacchantischen Tumult, wird von betrunkenen Frauen eingekreist, die ihm beinahe die Dienstwaffe entwenden, und ärgert sich über ein großes Federvieh, das im Präsidium seinen Rausch ausschläft. Der Kriminaldirektor kommt in Sträflingskleidung zur Krisensitzung, der Regierungsrat feiert als Indianer auf einem Ausflugsschiff.

Die Welt ist aus den Fugen. Ein zweiter Mann wird von einer verkleideten Gestalt ermordet, auch er Mitglied in einem Männerbund, der "Zunft der Wächter am Pilatus". Noble Geheimloge oder reaktionärer Saufverein? Reto Flückiger vermutet einen Racheakt und kommt dem vermummten Mörder nah, ohne es jedoch zu wissen.

Vom Mummenschanz inspiriert

Regisseur Dani Levy wurde vom Mummenschanz der Fasnacht inspiriert, wie er sagt. Die Dreharbeiten fanden während der Festtage statt, die Schauspieler agierten ohne Proben und präzise Absprachen. Oft ist die Kamera mitten im Geschehen; erstmals beim Schweizer "Tatort" wird die Ermittlungsarbeit in der Zentrale gezeigt. Levys Vorbilder waren dabei die Polizei-Thriller und Paranoia-Filme der 70er-Jahre von Alan J. Pakula, Sidney Lumet und Sydney Pollack: Bewegung und Beiläufigkeit vermitteln einen quasi-dokumentarischen Eindruck, was Levy bei den Fasnachts-Aufnahmen und dem Finale im Hotel überzeugend gelingt.

Stefan Gubser als Reto Flückiger rangiert in der Beliebtheitsskala der "Tatort"-Ermittler noch hinter Axel Milberg als Kieler Stiesel, dabei ist der markante Einzelgänger ein wetterfester Charismatiker. Und die eidgenössischen Nebendarsteller, darunter der wunderbare Jean-Pierre Cornu als eitler Regierungsrat, sind immer die Schau. E.T. schließlich verschwindet in einer Tiefgarage.

"Schmutziger Donnerstag" am 10. Februar 2013 ab 20.15 Uhr in der ARD

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