07.02.13

Kulturpolitik

Warum André Schmitz Berlins Tanz-Stars nicht halten kann

Der Kulturstaatssekretär ist mit seinem risikoscheuen Kurs bislang gut gefahren. Doch nun verliert Berlin mit Waltz und Malakhov große Stars.

Von Stefan Kirschner
Foto: Christian Kielmann

Realist: Künstler zu verabschieden, das weiß auch André Schmitz, ist immer ein undankbares Geschäft
Realist: Künstler zu verabschieden, das weiß auch André Schmitz, ist immer ein undankbares Geschäft

Wenn Klaus Wowereit (SPD) heute den neuen Chef des Staatsballetts vorstellt, dann rückt André Schmitz in den Hintergrund. Er überlässt seinem Chef das Feld. Damit hat er keine Probleme. Schmitz kümmert sich um die Personalien, reist herum, sondiert, spricht mit Kandidaten. Auf Expertenkommissionen verzichtet er gern, schließlich müsse man nachher ja doch den Kopf für die Entscheidung hinhalten. Wenn der Bürgermeister die Personalie als wichtig ansieht, dann stellt er den Neuen selbst vor. Das sind eigentlich dankbare Termine, gerade in Zeiten der zunehmenden Probleme beim Großflughafen.

Und das ist die Arbeitsteilung zwischen den beiden: Der eine kümmert sich ums Tagesgeschäft, der andere repräsentiert. So läuft das, seit in der vergangenen Legislaturperiode der Posten des Kultursenators abgeschafft und dem Bürgermeister zugeordnet wurde. Legendär die erste gemeinsame Personal-Präsentation: Als Ulrich Khuon als neuer Intendant des Deutschen Theaters vorgestellt wurde, saß Kulturstaatssekretär Schmitz zwar auf dem Podium, sprach aber nicht. Die absolute Zurückhaltung ist mittlerweile einer relativen gewichen.

Der Deal zwischen den beiden beinhaltet auch, dass der Regierende salopp gesagt für die Kohle sorgt. Sein Wort hat Gewicht in den Verhandlungen mit dem Finanzsenator, der Kulturetat ist in den vergangenen Jahren unter der Verantwortung der beiden nicht gekürzt, sondern moderat erhöht worden.

Ein undankbares Geschäft

Aber das wird in Zeiten der Schuldenbremse schwieriger. Und die ersten Auswirkungen der Sparansage, die wohl auch den stetig steigenden Ausgaben für das BER-Projekt geschuldet ist, bekommt Schmitz in diesen Tagen zu spüren. Mit Sasha Waltz und Vladimir Malakhov zürnen gleich zwei prominente Künstler der Tanzszene mit dem Kulturstaatssekretär, der das aus diesen Kreisen nicht gewohnt ist. Schmitz ist so etwas wie der Darling der Kulturpolitik: Er möchte geliebt werden, redet Probleme gern klein und wirkt durch seine großbürgerliche Art immer ein bisschen fremd in der SPD.

Die kulturelle Bildung und der Neubau der Zentral- und Landesbibliothek kann man durchaus als Versöhnungs-Projekte betrachten, die davor sorgen sollen, dass sich die SPD im Abgeordnetenhaus auch mit der Hochkultur anfreunden kann. In diesem Bereich steigen die Kosten im nächsten Doppelhaushalt deutlich, weil aufgeschobene Tariferhöhungen allein bei der Opernstiftung ab 2015 jährlich mit rund 15 Millionen Euro zu Buche schlagen. Und bereits jetzt fließen etwa ein Drittel des Kulturetats die Opernhäuser und das Staatsballett.

Das wird noch bis zum Sommer 2014 von Vladimir Malakhov geleitet. Der Ballettchef teilte dieser Tage mit, dass er seinen Vertrag nicht verlängern werde. Wohl ein kleiner Euphemismus, denn angeblich wurde Malakhov bereits im vergangenen Sommer mitgeteilt, dass man nach einem neuen Mann an der Spitze suche. Dass Schmitz Malakhov auch schon andere Signale gesendet haben soll, wie der Tänzer behauptet, ist gut vorstellbar. Schmitz ist Realist genug, um künstlerische Entscheidungen der Marktlage anzupassen. Zumindest unterstützt er Malakhovs selbst verkündeten Abschied, damit der Künstler das Gesicht wahren kann, und nimmt dafür ein paar Nachtritte in Kauf. Personalpolitik ist ein undankbares Geschäft, wenn es darum geht, sich von Künstlern zu verabschieden.

Gefühlt findet das in Berlin selten statt, wo Intendanten wie Frank Castorf oder Claus Peymann oder Dirigenten wie Daniel Barenboim scheinbar ewig thronen. Trotzdem war die Personalsuche war eine zentrale Beschäftigung von André Schmitz. Er verpflichtete mit Barrie Kosky, Dietmar Schwarz und Jürgen Flimm drei neue Opern-Intendanten, außerdem zwei Generalmusikdirektoren, einen neuen Chef fürs Konzerthaus, den Friedrichstadtpalast und die Opernstiftung (der in diesem Sommer nach Hamburg wechselt), Ulrich Khuon fürs Deutsche Theater, Shermin Langhoff fürs Maxim Gorki und Annemie Vanackere fürs Hebbel am Ufer.

Leidtragende ist Sasha Waltz

Überwiegend sind das konservative Entscheidungen, dass größte Wagnis geht Schmitz mit Shermin Langhoff ein, die im Sommer gemeinsam mit Jens Hillje das kleinste Berliner Staatstheater übernimmt. Barrie Kosky war ein kalkulierbares Risiko, er hatte schon an der Komischen Oper inszeniert und das Haus war ohnehin wegen des schwachen Zuschauerzuspruchs unter Ex-Chef Andreas Homoki in der Dauerkritik. Beim Staatsballett sieht es anders aus: Das Publikum goutiert das leicht angestaubte Repertoire, die Auslastungszahlen sind gut, die innere Verfasstheit des Balletts gilt als ausbaufähig. Schmitz hat über eine neue künstlerische Ausrichtung nachgedacht, aber letztlich nicht den Mut zur Innovation gehabt.

Leidtragende ist Sasha Waltz. Die beiden reden schon länger über die Zukunft ihrer Tanz-Compagnie. Waltz feiert seit Jahren Erfolge im In- und Ausland, sie gilt als neue Pina Bausch. Eine Verdopplung der Zuschüsse von derzeit knapp zwei Millionen Euro wünscht sich die Truppe – und ein eigenes Haus. Schmitz wollte das angesichts der Haushaltslage nicht zusagen. Er sprach mit Waltz über eine Neuausrichtung des Staatsballetts, machte ihr irgendwie Hoffnung auf einen Posten, rückte dann aber wieder davon ab. Nicht erst am Montag, als es zu einem abschließenden Gespräch kam – und Sasha Waltz sichtlich enttäuscht die Nachricht erfuhr. Schmitz räumte ein, dass er früher mit Sasha Waltz hätte sprechen sollen, die offenbar nichts von seinem Kurswechsel ahnte. Das erklärt die heftige Reaktion mit der Ankündigung, Berlin mit der Compagnie verlassen zu wollen.

Schmitz möchte das vermeiden. Er kündigte an, dass die "Senatskulturverwaltung an einer konstruktiven Lösung interessiert ist mit dem Ziel, Sasha Waltz in Berlin zu halten". Das dürfte jetzt eine Frage des Geldes sein. Dafür braucht Schmitz Klaus Wowereit und die Unterstützung der SPD-Fraktion im Abgeordnetenhaus. Aber die stimmt gern mal gegen den Chef. Und gern im Kulturbereich.

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