02.02.13

Staatsballett Berlin

Warum Vladimir Malakhov seinen Vertrag nicht verlängert

Tanzstar Vladimir Malakhov wird nur noch bis Sommer 2014 das Staatsballett Berlin leiten. Jetzt spricht er über seine Gründe.

Von Manuel Brug
Foto: M. Lengemann

Das Ende einer Ära. „Jahrhunderttänzer“ und Charakterkopf Vladimir Malakhov verlässt das Berliner Staatsballett.

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Berlin sagt Danke für seinen "unermüdlichen Enthusiasmus". Mit solchen dürren Worten verabschiedete am Freitagnachmittag Staatssekretär André Schmitz per Pressemitteilung seinen hier seit elf Jahren amtierenden Ballettdirektor.

Vladimir Malakhov hat nämlich ein paar Stunden vorher selbst zur Tatsache gemacht, was schon längst als Gerücht durch die Stadt lief. Denn so ist Berlin: Erst jubelt man jemanden mit zum "Jahrhunderttänzer" hoch, passt er nicht mehr, lässt man ihn fallen.

Vladimir Malakhov verlängert seinen bis Sommer 2014 reichenden Vertrag nicht. Zeit für ein exklusives Gespräch.

Berliner Morgenpost: Wie fühlen Sie sich jetzt?

Vladimir Malakhov: Ok. Nicht wirklich glücklich, aber irgendwie befreit. Es ist raus, es ist gesagt, es ist eine Tatsache, der ich ins Auge sehen muss und werde. Und die mir schon seit einigen Monaten klar war.

Und die sich nun in einer Zeit seltsamer Verwerfungen in der Ballettwelt ereignet.

Das kann man wohl sagen. Ich bin froh, dass ich anders als mein Moskauer Kollege den Berliner Posten zumindest mit einem unzerstörten Gesicht verlasse. Die Entscheidung in Paris kann und mag ich nicht kommentieren.

Aber anders als in Moskau gelten Ballettdirektoren eigentlich nicht als Schleudersitz.

Sie sehen ja: John Neumeier regiert Hamburg seit 40 Jahren, Kevin McKenzie ist seit 24 Jahren Chef des American Ballet Theatre, Brigitte Lefèvre hätte Paris auch nach 18 Jahren noch weiter regiert, wenn sie nicht in die Zwangspension müsste. Reid Anderson ist seit 17 Spielzeiten in Stuttgart, Ivan Liska seit 15 in München. Und in Berlin möchte ich von den Herrn Barenboim, Castorf oder Peymann gar nicht erst reden.

Die sind und waren aber alle auch erfolgreich.

Nicht nur. Und sie haben alle auch funktionierende Kompanien übernommen. Liska arbeitet mit einem Team, das schon unter Konstanze Vernon begonnen hat. Da baut sich Kontinuität auf, reift, etabliert sich dann endlich. In Berlin war in einer über lange Zeit demotivierten und kaputtgesparten Truppe erst einmal jahrelange Aufräum- und Aufbauarbeit zu leisten. Und das habe ich alles neben meiner internationalen Tanzkarriere getan.

Warum?

Weil ich es attraktiv fand, mich so jung schon um andere zu kümmern, Verantwortung zu übernehmen. Ich habe ja nicht umsonst auch eine komplette Pädagogenausbildung hinter mir. Und man hat mich ja auch genau deswegen geholt: Weil ich internationale Verbindungen habe, weil man mich als Motivator geschätzt hat, weil man die russische Schule als Grundlage des ehemaligen Lindenopernballetts fortführen wollte und nicht zuletzt, weil man mich als Marke und Gesicht auf der Bühne haben wollte. Die Zahl meiner Auftritte war im Vertrag festgeschrieben.

Aber auch Sie werden nicht jünger.

Hinterher kann man das immer sagen. Ja, ich habe zu lange an den Prinzenrollen festgehalten, mir fiel einfach der Abschied davon so schwer. Und es geht auch nicht so schnell, als Aushängeschild der Kompanie hinter ihr zu verschwinden. Dann kamen diverse Verletzungen. Und plötzlich kam Herr Schmitz und sagte, er will mich nur noch, wenn ich nicht mehr tanze. Und irgendwann kam er und sagte, er will mich gar nicht mehr. Er wolle jetzt nämlich eine zeitgenössische Kompagnie. Aber eine Nichtverlängerung hat er nicht ausgesprochen, was er schon längst hätte tun müssen. Gleichzeitig wird öffentlich, dass er mit Martin Schläpfer verhandelt. Was scheitert. Und es wird weiter herumlaviert, hingehalten. Irgendwann kommt der Zeitpunkt, wo man selbst über seine Zukunft bestimmen will. Und dann zieht man eben einen Schlussstrich. Eigenverantwortlich. Auch wenn es mir für die Kompanie leid und weh tut.

Wieso?

Das sind doch alles meine Babys. Die habe fast alle ich geholt und gefördert. Als ich meinen Abtritt nach dem Training verkündet habe, gab es viele Tränen, bei den Mädchen wie bei den Jungs. An Probe war kaum mehr zu denken. Alle waren schockiert. Natürlich mache ich mir über die Zukunft dieser Menschen Gedanken. Und ich weiß auch nicht, wie sich Herr Schmitz es sich vorstellt, mit einem zeitgenössischen Choreografen als Chef das klassische Repertoire zu erhalten. Das aber ist die Basis. Das möchte das Publikum sehen. Sonst sind die Zuschauerzahlen gleich wieder im Keller. Ich bin auch nicht zufrieden über alle choreografischen Entscheidungen, die ich in den letzten Jahren gefällt habe. Manche waren gut, andere nicht. Ja, es gab eine Krise, aber das Publikum ist uns immer gefolgt.

Nun stehen Sie aber auch diese Spielzeit ohne ihren Star Polina Semionova da – und fast ohne Premieren.

Ja, keine gute Situation. Aber Sie sollten mal sehen, wie uns die neuen Werkstätten den Alltag schwer machen. Dafür wird es in meiner letzten Spielzeit viereinhalb Premieren geben, dabei ist eine Uraufführung von einem der gefragtesten Choreografen. Ich verabschiede mich mit einem Feuerwerk. Und zu Polina kann ich nur sagen: Ich habe sie gemacht, irgendwann muss sie flügge werden, das ist nicht schön gelaufen, aber ich konnte ihr innerhalb der Kompanie nicht noch mehr Privilegien einräumen. Anderseits hätte ich auch bevor Polina groß war, nicht so lange Diana Vishneva vom Mariinsky Theater als festen Gast hier haben können. Etablierte Ballerinen wird man wohl nur schwer noch halten können. Irgendwann wollen sie in ihrer kurzen Karriere richtig Geld verdienen. Und dafür etabliert sich offenbar jetzt wieder ein Markt.

Wie wird es mit Ihnen weitergehen?

Darüber mache ich mir keine Sorgen. Ich könnte mir vorstellen, als Ballettchef weiterzuarbeiten, es gibt Verhandlungen, aber ich coache auch gern. Und ein wenig möchte ich noch auf der Bühne stehen, aber nur in sehr speziellen Projekten, wie etwa Mikhail Baryshnikov, aber auf keinen Fall mehr lange im Ballettalltag. Das Jahr 2014 wird also für mich eine doppelte Zäsur.

Und werden Sie in Berlin bleiben?

Ich werden auf jeden Fall meine Wohnung in Mitte behalten. Ich bin hier sehr gern. Die Stadt inspiriert mich nach wie vor. Ich habe wirklich viel gesehen. Berlin ist für mich wie ein zweites New York.

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