01.02.13

Staatsballett Berlin

Vladimir Malakhov verabschiedet sich als Intendant

Vladimir Malakhov gilt als "Jahrhunderttänzer". Nun hat der 45-Jährige seinen Rücktritt angekündigt. Zuletzt hatte es viel Kritik gegeben.

Von Sören Kittel
Foto: M. Lengemann

Das Ende einer Ära. „Jahrhunderttänzer“ und Charakterkopf Vladimir Malakhov verlässt das Berliner Staatsballett.

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Wenn Vladimir Malakhov eine Vorstellung in Berlin gibt, dann sitzt irgendwo Anna P. im Publikum. Die 37-Jährige kleidet sich unauffällig, trägt meist ein dunkles Tuch um die Schultern. Sie unterrichtet Ballett in Berlin, "aber nur für den Universitätssport", sagt sie. Ihr sei egal, was die Zeitungen über Vladimir Malakhov schreiben. "So, wie er sich bewegt, kann das kein anderer Tänzer."

Seit sie vor sieben Jahren aus Budapest nach Berlin gezogen ist, geht sie in jede seiner Vorstellungen, aktuell in den "Peer Gynt" an der Deutschen Oper und "Tschaikowsky" im Schiller Theater. Sie hat alle Stücke mehrfach gesehen. "Er ist noch immer der größte Tänzer, den Europa hat." Man könne das sehen, sagt sie, "bis in seine Mimik ist er vollkommen da – auf der Bühne". Erst vor wenigen Wochen hat sie gesagt, sie hoffe, dass er noch lange weitermacht.

An diesem Freitag hat Vladimir Malakhov sich vor seine Mitarbeiter gestellt und angekündigt, dass er seinen Vertrag als Intendant des Berliner Staatsballetts nicht über die Spielzeit 2013/2014 verlängern werde. Es ist das Ende einer Ära in Berlin, das Ende auch für eine Reihe endloser Spekulationen, wie lange er noch durchhalten werde: sein Körper, seine Stimmung, der Mensch, der so oft angegriffen wurde.

Es gab Proben in den letzten Monaten, da war er gut gelaunt und riss alle mit. Aber es gab auch die Momente, in denen man merkte, morgens, zehn Uhr in der Trainingshalle, etwas stimmt nicht mit ihm. Er ist gereizt, er ist wortkarg, er zieht sich zurück. Das vergangene Jahr war kein leichtes für ihn.

Doch zunächst: Man muss sich das Berliner Staatsballett als Familie vorstellen. Sie alle sehen einander fast jeden Tag, morgens beim Training, mittags beim Essen, abends bei Auftritten. Sie haben einander alle schon berührt, getragen, geworfen und vor allem: immer wieder aufgefangen. Sie gehen zusammen auch in ihrer Freizeit aus, und manchmal besuchen sie am Abend ihren Chef, den Tänzer und Intendanten Vladimir Malakhov zum Abendessen.

Er kocht sehr gut. All das schweißt sie zusammen, kein Wunder, dass von 88 Tänzerinnen und Tänzern 22 miteinander auch privat ein Paar sind. Es ist schwierig, den Menschen außerhalb dieser Welt zu erklären, was es bedeutet, Balletttänzer zu sein, noch schwieriger, was es bedeutet, dass Vladimir Malakhov dieser Familie den Rücken kehren wird.

Dieses Jahr überstehen

Gerade vor drei Wochen ist er 45 Jahre alt geworden, in Ballettjahren ist das schon weit über das gewöhnliche Alter hinaus. Die meisten beenden ihre Karriere spätestens Ende 30. Malakhov hat schon allein damit Übermenschliches geleistet, hat sich oft auf die Bühne gequält, weil der andere Schritt, das Aufhören, noch qualvoller gewesen wäre. "Ich bin Tänzer", hat er einmal gesagt. "Ich will tanzen."

Es ist das, was er auch in den vergangenen Jahren gemacht hat, trotz der Kritik. Die Stadt, die zu seiner Heimat wurde, Berlin, hat ihm ihre unhöfliche Seite gezeigt. Malakhov, der mit den höchsten Auszeichnungen der Welt dekoriert ist, wurde als Hoffnung nach Berlin gelockt und am Ende ohne Rückendeckung der Kritik überlassen. Er hat zwar noch immer sensationelle Auslastung von durchschnittlich 82 Prozent für das Ballett herausgeholt, aber das ließ ein Teil der Kritiker nicht gelten. Weil er all das jetzt hinter sich hat, kann er sicher sein: Ich werde auch dieses Jahr überstehen und alle, die darauf folgen.

Angefangen hat es für Vladimir Malakhov in Kriwoj Rog, einer Stadt in der heutigen Ukraine. Seine Mutter hat schon, als sie mit ihm schwanger war, Gymnastik gemacht. Während sie in sehr schmerzhaften Wehen lag, rissen die Wolken auf, und sie konnte sich direkt beim Himmel etwas wünschen. Sie hatte zwei Wünsche. Erstens: Vladimir sollte ein großer Tänzer werden, und zweitens: möglichst schnell aus ihr herauskommen. Beide Wünsche gingen in Erfüllung, in umgekehrter Reihenfolge.

Der Primaballerino Vladimir, so sagt er selbst, sei ihr Produkt. Mit vier Jahren ging er zum ersten Mal zum Ballett-Training und mit zehn verließ er die Heimat und zog in die große Stadt Moskau. Noch mehr als 30 Jahre später erinnert er sich, wie er seine Mutter vom Fenster aus dabei beobachtete, als sie die Straße entlanglief, zurück zum Bahnhof, sich dabei nicht umdrehte. Sie konnte es nicht. Mit 18 Jahren wurde er der jüngste Erste Tänzer beim Klassischen Ballett in Moskau.

Es begann eine Karriere, die ihm Spitznamen einbrachte, die noch heute nachklingen: Der "Neue Nurejew", der "Prinz", der "Jahrhunderttänzer", für manche war er auch: "Der fliegende Vladimir". All diese Titel trug er zu Recht, noch heute sind Videos von ihm auf YouTube zu sehen, wie er den "Schwanensee" tanzt, die "Giselle", den "Caravaggio". Über New York, Wien und Stuttgart kam er schließlich im Jahr 2002 nach Berlin, wo ihm im Jahr darauf der Kulturpreis der Stadt verliehen wurde und wo er 2004 das Berliner Staatsballett aus den drei Berliner Opernkompanien fusionierte. Die Ausrichtung sollte klassisch sein.

Die Stadt wurde Vladimir Malakhovs neue Heimat. Er verliebte sich in einen Berliner und wohnte mit seinem Freund und seinen beiden Hunden erst in Charlottenburg und schließlich in Mitte. Er lernte Deutsch und brachte durch seine Kontakte viele große Produktionen in die Stadt: Manon, Onegin oder Romeo und Julia waren die bekanntesten, sowie Choreografien von Balanchine, Robbins oder Béjart.

Die Ukraine hatte er da längst hinter sich gelassen, ja fuhr über 20 Jahre nicht einmal mehr nach Krivoj Rog. Er setzte all seine Energie in Berlin um, unterstützte schon früh junge Talente und baute sie auf: Dinu Tamazlacaru, Nadja Saidakova, Beatrice Knop und Marian Walter sind nur einige, denen er Türen öffnete. Sie bekamen große Rollen, begleiteten ihn auf Reisen. Doch die bekannteste war die Ballerina Polina Semionova, die Malakhov mit nur 17 Jahren als Erste Solotänzerin nach Berlin holte.

Im Jahr 2003 verschaffte er ihr einen Auftritt in einem Musikvideo von Herbert Grönemeyer – und plötzlich war sie ein Star. Einige Jahre später wurde ausgerechnet sie sein wunder Punkt, denn Anfang des Jahres 2012 kündigte sie. Ungeschickt verbreitete sie diese Nachricht über das Online-Netzwerk Facebook. Das saß. Die Ballett-Familie war plötzlich keine mehr. Als bei einer Probe im Frühjahr die Tänzer ein Buch für Polina von allen Kollegen unterschreiben lassen wollten, weigerte sich der Intendant und Tänzer.

Die Affäre Polina

Vladimir Malakhov war plötzlich verwundbar, sagte in Interviews, dass er seinen Zenith schon längst überschritten habe, musste immer wieder zu der Frage Stellung nehmen, wie lange er noch weitermache. Manche Ballettexperten, die ihn jahrelang unterstützt hatten, bemängelten plötzlich die Kreativität im Programm des Staatsballetts, nannten es "einen Scherbenhaufen" und nicht mehr international wettbewerbsfähig. Vladimir Malakhov ist nicht jemand, den so etwas kalt lässt.

Anerkennung ist etwas, das so viele Jahre selbstverständlich war, plötzlich wurde sie ihm versagt. Auch von der Berliner Kulturpolitik kam keine Rückendeckung. Vielmehr wurde gemunkelt und über "alternative Lösungen" spekuliert. Dass der Vertrag des Intendanten über 2014 nicht verlängert wird, galt schließlich als offenes Geheimnis, das niemand laut aussprach. Es ging schließlich um den Großen Malakhov.

Dann der nächste Schlag: Seine Kollegin Christiane Theobald, die Vizechefin des Balletts und das eigentliche Organisationstalent in diesem Zweierteam erkrankte an Krebs, zog sich zurück. Sie ist nicht nur der Mensch, der Malakhov beruflich nahesteht. Wenn er mit ihr telefoniert, verabschiedet er sich mit lauten Luftküssen: "Muah-Muah". Es ist nicht das übliche Ballettklischee von oberflächlichen Wangenküssen, von der großen Show nach außen und dem Haifischbecken im Inneren.

Christiane Theobald ist seine wirklich große Verbündete in diesem Zirkus, die ihm den Rücken freihält. Sie ist auch eine Freundin, die erste, die vom Tod seines Großvaters Vladimir in Kriwoj Rog erfährt, auch im Jahr 2012. Der alte Vladimir hat den jungen Vladimir praktisch miterzogen, die Mutter sagt, beide sehen einander ähnlich. Malakhov hing sehr an seinem Großvater, aber er fuhr nicht zur Beerdigung. Er musste doch: tanzen.

Diese Auftritte gelingen nicht immer, zumal das Orchester der Staatsoper oft bereits "anderweitig verplant" ist, wie es heißt. Die Tänzer müssen deshalb mit Musik vom Band auftreten. Es sei nicht das Gleiche, sagt Malakhov, beschwert sich auch in Interviews, aber es ist nicht so, dass seine Stimme noch viel Gewicht hat. Außerdem wird das Gebäude der Staatsoper unter den Linden komplett saniert, ist noch bis voraussichtlich zum Jahr 2015 geschlossen. Die Kompanie muss so lange im Schiller Theater auftreten.

Dort lief zu Beginn des Jahres 2012 häufig das Stück "Symphony of Sorrowful Songs", nicht nur dem Titel nach ein trauriges Stück, das wie für den Abgang des Vladimir Malakhov geschrieben ist. Die Schauspielerin Hannah Schygulla erzählte vom Band über die Wirkung, die Zeit auf den menschlichen Körper hat. Gleich zu Beginn seufzte sie: "Ach ja." Umgeben war Malakhov dabei auf der Bühne von Tänzern, die alle 20 Jahre jünger sind als er.

Zudem hatte er gerade das Rauchen aufgegeben – und acht Kilogramm zugenommen. Weil alle beinahe nackt auftreten, fiel der körperliche Unterschied noch mehr auf. Anna P., der große Fan, der alle Stücke besucht, schaute es sich trotzdem dreimal an. Es war nicht schwierig, an Karten zu kommen. Sie hörte Kommentare nach der Aufführung an der Garderobe. Jemand sprach vom "dicken Malakhov". Sie war noch immer begeistert: "Seine Bewegungen: einzigartig."

Doch auch in diesem schlechten Jahr 2012 gab es noch große Momente für ihn, im Frühsommer zum Beispiel, als er die acht Kilogramm längst wieder abgenommen hat. In Berlin tanzte Vladimir Malakhov Ende April in der Premiere von "Duato / Forsythe / Goecke", einem Stück, das klassische Elemente mit modernem Tanz verbindet. Es ist auch der letzte Auftritt von Polina Semionova in Berlin. Das Stück wurde hochgelobt, am Ende lief Malakhov noch einmal auf die Bühne, übergab der abtrünnigen Primaballerina einen Blumenstrauß.

Das Publikum verstand diese Geste. Anna P. rief: "Bravo!", nicht: "Brava!". Diese Momente ließen Hoffnung für den Noch-Intendanten. Gleichzeitig wurde bekannt, dass es die letzte Ballett-Premiere in Berlin sein wird in diesem Jahr. Das Budget der Kompanie für die Saison 2012/2013 erlaubte keine weitere Produktion.

"Wer Tänzer ist, tanzt"

Im ukrainischen Odessa gab Malakhov im Juni mit einigen seines Ensembles eine umjubelte Galaveranstaltung. Er tanzte unter anderem den "Sterbenden Schwan", eine Neu-Choreografie einer sonst typischen Frauenrolle. Er schaffte es, die Bewegungen für sich umzusetzen, kreierte auf der Bühne etwas ganz Eigenes, Großes. Im Publikum saß seine Mutter, sie sagte später, sie habe fast geweint. Einer seiner Lehrer aus der Moskauer Zeit, der Tänzer Vladimir Vasiliev, war auch gekommen. Der Mann sagte, es gebe keinen richtigen Moment für das Aufhören beim Tanzen. Er hatte neulich erst einen Auftritt in New York. Der 72 Jahre alte Mann hat nie aufgehört. "Wer Tänzer ist, tanzt."

Doch auch er hat Malakhov beigebracht, dass es beim Ballett um Perfektion gehe: die Waagerechte des Körpers bei einer "Arabesque", der auf dem Punkt gelandete Sprung, die doppelte Drehung, Dinge, die gut trainierte, junge Tänzer schaffen. Leicht zu sein ist hier harte Arbeit. Vladimir Malakhov wurde erst im Jahr 2011 am Knie operiert. Dass er im Jahr 2012 überhaupt auf der Bühne zu diesen Leistungen fähig war, müsste ihm lebenslange Standing Ovations garantieren.

Die nächste Gelegenheit dafür ist am Sonnabend, wenn er noch einmal als Peer Gynt auf der Bühne nach seinem "Ich" sucht. Er reist durch die Welt, wirft mit Goldstaub um sich, verliebt und trennt sich – und am Ende erkennt er, dass er nur zu Hause geliebt werden kann. Nur dort gibt es diese eine Person, die ihn wirklich gut kennt. Im Publikum sitzt sicherlich Anna P. In der Ukraine wartet seine Mutter auf den nächsten Anruf. Der kommt auch heute. Vladimir Malakhov hat gerade viel zu erzählen.

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