24.01.13

Lincoln

Spielbergs Loblied auf einen nicht lupenreinen Demokraten

Steven Spielbergs neuer Film "Lincoln" stellt die letzten vier Monate des 16. US-Präsidenten nach. Daniel Day-Lewis spielt die XXL-Rolle oscarreif.

Foto: 20th Century Fox

Zittern vor der Abstimmung: Präsident Lincoln (Daniel Day-Lewis, r.) und sein Außenminister Seward (David Strathairn)
Zittern vor der Abstimmung: Präsident Lincoln (Daniel Day-Lewis, r.) und sein Außenminister Seward (David Strathairn)

In den USA startete der Film fünf Tage nach der Präsidentschaftswahl, in Deutschland kommt er jetzt kurz nach dem zweiten Amtseid Obamas in die Kinos. Und als er bei den Golden Globes als einer der Kandidaten für den Besten Film präsentiert wurde, tat das nicht etwa, wie sonst üblich, ein Hollywoodstar, sondern der ehemalige Präsident Bill Clinton. Das zeigt deutlich: Steven Spielbergs "Lincoln" ist nicht nur einfach ein Film. Es ist ein Nationalepos, fast so etwas wie ein Staatsakt. Und wird, zumindest in den USA, auch so verstanden. Keine Schulklasse wird wohl an diesem Film vorbeikommen.

Diese enorme Verantwortung lastet allerdings auch von Anfang an auf diesem Werk. Wir kennen das hierzulande von "Der Untergang", dem Film über Hitlers letzte Tage im Bunker. Jede Szene war da historisch belegt, jede Dialogzeile in Stein gemeißelt. Bloß nichts hinzuerfinden, bloß keine Geschichte verfälschen. Wenn das aber auf Kosten der Dramaturgie geht, kann das auch wieder anstrengend werden.

So wird es wohl auch dem europäischen Zuschauer gehen. Der Pulk an Nebenfiguren, die in den USA jedes Kind kennen mag, mag hierzulande überfordern, auch die Sequenz einer Abstimmung im Repräsentantenhaus ist eine gefühlte Viertelstunde lang, weil jeder Abgeordneter einzeln aufgerufen wird und seine Stimme gibt. Aber hier geht es nicht um irgendeine Abstimmung, sondern um die Schicksalsstunde der amerikanischen Gesellschaft. Um die Geburt einer Nation. Eine Zangengeburt, möchte man sagen, eine, die mit äußerst langen Wehenzeit verbunden ist.

Daa-Lewis hat erstmal abgesagt

"Lincoln" ist keine Filmbiographie, die das gesamte Wirken des Staatenlenkers chronologisch abarbeitet. Spielberg hat das vor acht Jahren einmal so geplant, bekam den Wust an Informationen aber nicht geordnet. Und Daniel Day-Lewis, den er schon damals als Hauptdarstellerhaben wollte, hat ihm erst mal abgesagt. Aber dann ging das Projekt in die Hände von Tony Kushner, dem Bühnen- und Drehbuchautor, und der formte es radikal um. "Lincoln" behandelt nur die letzten vier Monate des Präsidenten vor seiner Ermordung.

Es geht um die Beendigung des Bürgerkriegs, der die Nation gespalten hat, vor allem aber um den 13. Zusatzartikel, den Lincoln unbedingt in der Verfassung verankern wollte und der die Sklaverei in dem Staatenbund ein für allemal beenden sollte. In diesem November 1865 war schon klar, dass die Konförderierten den Krieg nicht mehr gewinnen würden. Aber Lincoln wollte das 13. Ammendment durchsetzen, bevor es zu einem Friedensvertrag kam. Weil er wusste, in einem wieder vereinten Amerika würde er keine Mehrheit mehr bekommen.

Der Zusatz benötigte eine Zweidrittelmehrheit, die auch so schon äußerst zweifelhaft war. Letztlich ging es um 20 Stimmen, 20 Wackelkandidaten, die nicht mit Nein stimmen durften und die man überzeugen musste. Irgendwie. Die Methoden waren nicht gerade lupenrein demokratisch. Man könnte auch von Stimmenkauf sprechen oder von schmutzigen Tricks. An einer Stelle des Films heißt es so schön: die Erlangung der "größten Entscheidung des 19. Jahrhunderts mittels Korruption".

Ein Film in Marmor

Das ist inszeniert wie ein Politthriller. Manchmal sogar trotz des erdschweren Themas mit fast schwankhaften Momenten. Wäre der Zusatzartikel nicht angenommen worden, gut möglich, dass Lincoln dann sogar als Verbrecher dagestanden hätte. Aber der Ruhm und die Historie geben ihm recht. Und Spielberg ebenso. Er ist dem Präsidenten zum ersten Mal im zarten Alter von sechs Jahren gegenübergestanden, im Lincoln Memorial in Washington. Und er hat sich erst ein wenig gefürchtet vor dieser übergroßen Statue, die ihn dann aber nicht mehr losgelassen hat.

Ein Rest von dieser Furcht ist ihm geblieben, die nur Ehrfurcht zu nennen zu kurz gegriffen wäre. Lincoln ist sakrosankt, da tut sich der Regisseur mit dem Publikum gemein. Man hätte das Porträt dieses Präsidenten auch etwas skeptischer, zumindest zwiespältiger anlegen können. Der Film ist aber, wie jenes Marmor-Memorial in Washington, ein Monument. Ein Film aus Marmor. Und jedes Bild, meisterhaft ausgeleuchtet von Spielbergs Kameramann Janusz Kaminski, wirkt wie ein erlesenes Gemälde.

Man erfährt interessante Dinge aus jener Zeit. Dass die Demokraten damals eher für das standen, was heute die Republikaner vertreten. Und umgekehrt. Man darf nach diesem Film auch schlussfolgern, dass sich in der Politik seither nicht viel verändert hat. Dass ein Präsident gegen die Blockade im Kongress regieren muss, davon weiß schließlich auch ein Obama ein Wörtchen mitzureden.

Neigung zu langen Anekdoten

Man erfährt zudem, dass Lincoln durchaus schwatzhafter Natur war, dass er jedenfalls zum Erzählen langwieriger Anekdoten neigte, was sein Umfeld stets aufstöhnen ließ, wobei sich im Laufe der Tirade aber schließlich eine treffende, aphoristische Weisheit herauskristallisierte, was naturgemäß auch jeden Drehbuchautor verlocken muss. Dass sich die Spaltung, ja die Zerrissenheit der Nation durchaus in diesem Manne widerspiegelt, das zeigt der Blick durchs Schlüsselloch in die privaten Gemächer: Lincoln hat ja selbst zwei Söhne im Krieg verloren und ein dritter will dennoch ins Feld ziehen, um nicht als Feigling dazustehen.

Es gibt kaum eine historische Persönlichkeit, von Napoleon und Hitler einmal abgesehen, die häufiger zur Kinofigur wurde. 313 Eintragungen verzeichnet Abraham Lincolns Filmographie, darunter zuletzt Robert Redfords "Die Abraham Lincoln Verschwörung" (2010) oder gar "Abraham Lincoln Vampirjäger" im vergangenen Jahr.

Die Abe-Apotheose

Daniel Day-Lewis, der Spielberg schließlich doch zugesagt hat, macht sie indes alle vergessen. Er tritt ganz hinter dieser historischen Figur zurück, er verschwindet derart hinter der Maske, dass man zuweilen meint, just jenen Abe Lincoln zu sehen, wie man ihn aus allen Geschichtsbüchern memoriert. Er spielt diese XXL-Rolle, an der man sich leicht die Finger verbrennen kann, so souverän, dass ihm der Oscar dafür sicher ist.

Am Ende, wenn die Schlacht geschlagen, die Abstimmung gewonnen ist, geht Lincoln ins Theater. Er legt sich den Mantel um, die Handschuhe aber, die sein schwarzer Diener ihm reicht, legt er wieder beiseite. Als wisse er, die braucht er nicht mehr. Er läuft einen langen Flur hinweg und entschwindet im Gegenlicht. So überhöht lässt Spielberg sein Epos enden. Der Rest ist Geschichte.

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