21.01.13

Fotografie

Was Star-Koch Tim Raue von der "Lebensmittel"-Schau hält

Michael Schmidt stellt im Gropius-Bau seine Fotos von Gurken und Sandwiches aus. Dem Berliner Sternekoch Tim Raue sagt das nicht viel.

Von Frédéric Schwilden
Foto: David Heerde

Der Koch und die Zutaten: Tim Raue steht mal nicht am Herd, sondern im Museum, und die Lebensmittel hängen als Fotos an der Wand
Der Koch und die Zutaten: Tim Raue steht mal nicht am Herd, sondern im Museum, und die Lebensmittel hängen als Fotos an der Wand

Als die Hand des Berichterstatters die des Berliner Kochs Tim Raue zur Begrüßung schüttelt, wirkt auf diese zuallererst ein Stromschlag. Das heißt, es müssen Ladungsträger von der Kochhand auf die Reporterhand übergegangen sein. Ergibt auch irgendwie Sinn. Raue hat gerade ein Nachmittagsschläfchen gehalten und danach sollte man energetisch schon wieder aufgetankt sein.

Raues Gesicht ist aber noch nicht so weit. Ein bisschen grimmig schaut er. Dann sagt er "Los geht's" und wir steigen in das Cabrio des Fotografen und fahren von Raues Restaurant in der Rudi-Dutschke-Straße die 750 Meter zum Martin-Gropius-Bau Niederkirchnerstraße. Raue sitzt natürlich vorne und erzählt, dass er gar keinen Führerschein hat und dass er sich nicht für Autos interessiert. Weil er das doof findet, dieses Autogeprotze.

Kosslick denkt so viel über Lebensmittel nach

Draußen sieht man schon überall diese Berlinale-Aufsteller mit den Betonfüßen, die einen Tag vorher mit Kränen angeliefert wurden. Der Dieter Kosslick mache sich viele Gedanken über Lebensmittel, meint Raue. Jetzt stehen wir drinnen und vor der kleinen Treppe, die nach oben führt, ist ein rotes Absperrband. Tim Raue macht das einfach ab und wir gehen uns unterhaltend nach oben.

Seit dem 12. Januar zeigt der Gropius-Bau schon diese Lebensmittel-Ausstellung von Michael Schmidt. Schmidt ist ein Riesen-Fotograf, der mit seinen Arbeiten "Waffenruhe" oder "Ein-Heit" schon im MOMA in New York ausgestellt hat. Dazu kommt er noch aus Kreuzberg. Raue ist auch da geboren, 1974, also 29 Jahre nach Schmidt. Also passt das ja, dass Raue sich mal die Bilder vom Schmidt anschaut.

Er wirkt wie ein Teil der Ausstellung

In seiner blauen Kochuniform wirkt Raue zwischen all den Lebensmittelbildern selbst wie ein Teil der Ausstellung. Sein Haar ist mit Gel nach schräg hinten rechts frisiert, aber nicht so klatschig wie bei Guttenberg, sondern cool. Seine Augen sind grün. Und er hat etwas total Spitzbübisches. So als ob er sich innerlich immer über irgendwas lustig machen würde. Aber nicht bösartig natürlich.

Im ersten Raum schauen wir dunkelgrauen Menschen bei der Ernte von hellgrauem Lauch zu. Die Erde sieht sehr trocken aus. Wahrscheinlich ist sie hellbraun und bestimmt ist der Lauch auch grün. Neben den Fotografien hängen keine erklärenden Texte und auch keine Werknamen. Zur Ausstellung sollte man wissen, dass Schmidt zwischen 2006 und 2010 Lebensmittel verarbeitende Betriebe in ganz Europa fotografiert hat.

Lebensmittel in Schwarzweiß

Schmidt tut das meistens in Schwarzweiß. Nur ab und an sehen wir eine grüne Papaya oder einen richtig schön klebrigen Cheeseburger mit tiefrotem Ketchup. Weil die Betriebe heute überall und nirgendwo stehen können, weil der Großteil der industriellen Lebensmittel auf der ganzen Welt gleich produziert wird, ist es auch total egal, wo der Ort ist. Vermutlich verzichtet Schmidt deswegen auf eine Erklärung.

Raue stimmt zu. Sehen kann man das nicht, sagt er. Aber schmecken! Jedenfalls wenn man die richtigen Produkte kauft. "Industrielebensmittel schmecken nach", danach macht er so eine Art Furzgeräusch mit den Lippen und alle wissen, dass er das nicht mag. Aber was sind eigentlich Industrielebensmittel?

Muttis Mandarinen kamen aus der Dose

An der linken Wand hängt eine farbige Bärchenwurst. Der Körper ist eigelbfarben, Beine, Fuß- und Armknubbel, sowie Augen, Mund und Nase sind terracottabraun. "Wer glaubt, dass darin Fleisch ist, der glaubt auch an den Weihnachtsmann!" Für Raue bedeutet industrielle Fertigung, Lebensmittel wie Autos zu produzieren. "Zwei Millionen Gurken auf einem Feld, der Traktor erntet ab, das hat nichts mit Gurken zu tun." Der Mensch kann nur existieren weil er isst und trinkt.

Raue findet es furchtbar, dass man das in der Schule nicht lernt, also richtig zu essen und richtig zu trinken. Zuhause hat er das auch nicht gelernt. Die Mutter hat Steinpilzsuppe aus der Tüte und Mandarinen aus der Dose bei Aldi gekauft. "Kindern muss beigebracht werden mit Lebensmitteln umzugehen. Das ist wie mit Drogen, Alkohol und Kippen. Du musst Leute aufklären. Was sie danach daraus machen, darüber will ich nicht richten."

Im Kino kann auch ein Koch noch was lernen

Einmal hat Tim Raue auf der Berlinale bei der Premiere zum Film "Food Inc" gekocht. Das fällt ihm ein, als wir eine Kuh anschauen, die ein bisschen traurig dreinblick. Und bei dem Film hat selbst der Zwei-Michelin-Sterne-Koch Tim Raue was gelernt. Zum ersten gibt es in Amerika nur fünf große Schlachthäuser, die machen alles tot. Da sausen Rinder, Schweine, Hühner, jegliches Tier in einer Highway-Geschwindigkeit in den Tod und danach in Plastik. Zum anderen, und das hat ihn wirklich beeindruckt, war da eine Szene, in der ein Helikopter zehn Minuten lang über Land fliegt und drunter waren nur Rinder. "Zehn Minuten lang nur Rinder. Zehn Minuten! Das ist einmal über Berlin und noch weiter. Zehn Minuten!"

Die Ausstellung gefällt dem Koch nicht so richtig. Die gibt ihm nichts und er sieht hinter den Bildern von Schmidt auch keine Aussage. Zugegebenermaßen sind die Bilder eher langweilig. Es scheint, als würden ihn am meisten die wenigen Farb-Fotografien interessieren. So ein Scheiblettenkäse sieht schon geil aus. Fast wie eine Ikone. In gewisser Weise ist der Scheiblettenkäse so etwas wie die Hostie der Wiederauferstehung für die Deutschen. Der Krieg ist vorbei, jetzt schlemmen wir mal richtig.

Alles lässig und hochwertig zugleich

Klar ist Raue mit dem Toast-Hawaii aufgewachsen. "Ich find' das gar nicht verkehrt. Der verbindet die Fruchtsüße der Ananas mit der Salzigkeit von Koschinken. Texturell wird das gepuffert von krossem Toast." Jetzt mal ehrlich, so formuliert kling selbst Toast-Hawaii wirklich cool.

Wenn Raue was kann, dann Sachen cool ausdrücken, und kochen natürlich. Bei seinen Kollegen klingen Dinge wie Regionalität, richtig Essen und so etwas immer nach frigiden Anleitungen und nicht nach Sex-Appeal. Aber bei ihm. Irgendwie klingt das bei ihm wie Street-Art oder Street-Wear. Also lässig und hochwertig zugleich. Das passt gut zu seinem Naturell. Er hat ja auch so bunte Sneaker an und darüber die teure Kochuniform. Die ist aus einem ganz bestimmten indischen Stoff und wird noch mal mit Nanopartikeln beschichtet. Dadurch ist die komplett wasserabweisend aber luftdurchlässig.

Tschüss, Cheeseburger

Weil Tim Raue im Adlon bald ein neues Restaurant eröffnet, müssen wir jetzt schon wieder gehen. Die Ausstellung war ja eh nicht so der Hit. Zum Abschied winken wir noch mal den zwei Cheeseburgern, die wie ein verliebtes Pärchen so niedlich nebeneinander sitzen. Und Raue meint, dass man solche Fotos Snapshot nennt. Da hat er sich auch gerade einen gekauft. 4000 Euro hat der gekostet und war von einem Schweizer. Lebensmittel waren da aber nicht drauf.

"Michael Schmidt: Lebensmittel". Martin-Gropius-Bau, Niederkirchner-Str. 7, Kreuzberg. Bis 1. April 2013, Mi-Mo 10-19 Uhr.

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