20.01.13

Filmpremiere

Dustin Hoffman bei Regiedebüt in Berlin gefeiert

Das Regiedebüt "Quartet" von Dustin Hoffman spielt in einem Altenheim. In der Deutschen Oper stellte er seinen Film vor. Ein Interview.

Foto: DCM

So wird’s gemacht: Dustin Hoffman gibt seinem Schauspielkollegen Billy Connolly (l.) Regieanweisungen.
So wird's gemacht: Dustin Hoffman gibt seinem Schauspielkollegen Billy Connolly (l.) Regieanweisungen.

Ein Film über die Liebe zur Kunst und das Älterwerden als Künstler: Mit "Quartett" gibt Schauspiellegende Dustin Hoffman mit 75 Jahren ein überaus spätes Regiedebüt. Es brauchte mehrere Anläufe, das Drängen seiner Frau und fast fünf Jahrzehnte vor der Kamera, bis sich Hoffman endlich mit auf den Regiestuhl wagte und dort auch bis zum Ende des Films sitzen blieb. Sein heiter-melancholisches Treiben in einem Ruhesitz für Opernsänger und Musiker kommt am Donnerstag ins Kino und feierte am Sonntag Premiere in der Deutschen Oper – in Anwesenheit von Dustin Hoffman und seinen Stars Gwyneth Jones, Tom Courtenay und Sheridan Smith.

Dabei erhielt Hoffman tosenden Beifall. Hoffman war nach der Filmvorführung gerührt: "Ich fühle mich gerade selbst wie ein Tenor auf der Bühne", sagte er vor dem jubelndem Publikum.

Alexander Soyez hat den Regie-Novizen vor der Premiere zum Interview getroffen.

Berliner Morgenpost: Sind Sie eigentlich Opernfan?

Dustin Hoffman: Als ich in New York anfing, Schauspiel zu studieren, teilte ich mir mit Robert Duvall eine Wohnung. Weil wir kein Geld hatten, brauchten wir weitere Mitbewohner, und sein Bruder William, ein angehender Opernsänger, zog bei uns ein und brachte noch zwei weitere Opernsänger mit. Wir hatten also eine WG hauptsächlich mit Opernsängern und vielen Gesprächen über Oper. Ich war fasziniert von dieser Kunstform, auch wenn ich wenig darüber wusste. Die erste Oper, die ich damals hörte, sang Dietrich Fischer-Dieskau. Mein Gott. Was für ein Erlebnis. Das war vor 55 Jahren.

Haben Sie sich seitdem zum Kenner entwickelt?

Nicht viel. Ich habe mir eine "Oper für Dummies"-Ausgabe besorgt und versucht, so viel darüber zu lernen wie möglich. Was diese Sänger leisten, finde ich geradezu überirdisch. Das ist eine Art Leistungssport des künstlerischen Ausdrucks. Sie müssen unendlich tief in sich hinein reichen, um diese Klänge hervorzuholen. Sie müssen viele Sprachen beherrschen, es muss so vieles stimmen, damit sie ihr Handwerk wirklich ausführen können. Und das Ganze funktioniert meist nur für kurze Zeit. Eines Morgens wachen sie auf und ihre Karriere ist zu Ende. Wie bei Top-Athleten. Ein unheimlich hartes Gewerbe.

Schön, wenn man dann wenigstens im Alter abgesichert ist, wie die Helden in Ihrem "Quartett". Der Film ist einerseits Ihr Regiedebüt und andererseits ein Schauspielerfilm durch und durch…

Selbstverständlich. Hier kann es ja gar nicht um den Regisseur gehen, dafür weiß ich noch zu wenig. Ich hab noch nicht alle Tricks gelernt. Ich stehe seit 45 Jahren vor der Kamera, da liegt es auf der Hand, dass mir eher die Filme gefallen, die von Charakteren leben und nicht so sehr von der Erzählung. Ich kann mich erinnern, wie viele Probleme wir damals mit "Rain Man" hatten. Wir hatten drei Regisseure, bis endlich Barry Levinson an Bord kam und den Dreh raus hatte. Er sagte: "Ich verstehe, worum es hier geht. Zwei Trottel in einem Auto." Es geht nur um diese beiden, seine Filme waren damals alle so. Das interessiert mich auch am meisten.

Und wie war für Sie die Arbeit mit den Darstellern, die Sie nun anleiten mussten?

Das war wirklich ein Kinderspiel. Einfacher und schöner hätte es nicht sein können. Gute Schauspieler wollen nur ihre Freiheit. Sie wollen gemeinsam an einem Film arbeiten und die Möglichkeit haben, etwas auszuprobieren, auch mal etwas falsch machen zu dürfen. Kostümdesignern und Ausstattern gibt man vorher die Zeit zu experimentieren, aber wenn dann die Schauspieler an den Set kommen, herrscht oft eine fürchterliche Ungeduld. Es wird erwartet, dass man die Szenen auf Anhieb richtig hinbekommt. Das ist meiner Ansicht nach das Schlimmste, was ein Regisseur einem Schauspieler antun kann. Man muss Schauspielern die Zeit geben, sich aufzuwärmen. Denn egal, wie lange man vorher über eine Szene nachgedacht hat, wenn die Klappe fällt, ist das immer noch eine beängstigende Situation. Hunderte Leute können dir dabei zuschauen, wie du vielleicht scheiterst. Weil ich das natürlich wusste, habe ich dafür gesorgt, dass das bei mir nicht der Fall ist. Ein Filmset sollte ein sicherer und lustiger Ort sein. Auf keinen Fall einer, an dem irgendein Typ immer nur "Ruhe" schreit und den Mimen die Luft zum Atmen nimmt.

Sie haben schon mehrere Regie-Versuche hinter sich, die Sie immer wieder abgebrochen haben. Hätten Sie sich auch eine Karriere hinter der Kamera vorstellen können?

Ja, durchaus. Als ich meine Schauspielausbildung begann, habe ich mich einmal schwer verbrannt. Die Verbrennungen waren heftig – an den Beinen, den Armen und auf der Brust. Ich bin aber nicht ins Krankenhaus, weil ich mitten in den Proben für ein Stück am Broadway war, was meine große Chance war. Nach sechs Tagen kam es zu einer Wundinfektion und ich wurde mit 41 Grad Fieber ins Krankenhaus gebracht. Ich musste das verbrannte und angeheilte Gewebe wieder einreißen, wenn ich mich später wieder uneingeschränkt bewegen wollte. Das war so schmerzhaft, dass ich dachte: "Was soll's. Dann gehe ich eben nicht auf die Bühne, sondern werde Regisseur." Da wurde mir klar, ich muss kein Schauspieler sein; ich muss mich nur in dieser kreativen Welt bewegen dürfen. Ich liebe es etwa, Schauspiel zu lehren, und habe an Gemeindetheatern auch schon Regie geführt, was zu meinen schönsten Erinnerungen gehört. Es musste also nicht Schauspiel sein. Es hätte das Lehren sein können. Regie. Lesungen. Ich halte es da mit einem etwas kitschig klingenden Zitat, das von Picasso stammen soll: "Wenn man mir meine Ölfarben wegnimmt, dann würde ich mit Pastellkreide malen. Wenn man mir meine Stifte nimmt, würde ich Feder und Tinte benutzen. Wenn man mir Tinte und Feder nimmt, würde ich mit Bleistiften arbeiten. Und wenn man mir alles nehmen würde und mich nackt in eine Zelle sperrt, dann würde ich auf meine Finger spucken und damit auf der Wand malen."

Es geht in "Quartett" nicht zuletzt um die Schwierigkeiten mit dem Älterwerden. Wie gehen Sie selbst damit um? Nehmen Sie es gelassen, oder bereitet es Ihnen Probleme?

Ich bin seit 32 Jahren verheiratet und ich bin 17 Jahre älter als meine Frau. Als ich 40 wurde, jammerte ich über mein Alter und sie sagte: "Seitdem ich dich kenne, hast du jeden Tag darüber geredet, wie alt du bist und wie alt du wohl werden wirst." Fakt ist, dass ich mir schon immer viel zu viele Gedanken darüber gemacht habe. Ich habe mich dann immer wieder beruhigt, indem ich mir einredete, dass alles in Ordnung ist, so lange ich mein Alter verdoppeln kann. 45? Klar kann ich 90 werden. 50? Warum sollte ich nicht 100 werden? Mein Schwiegervater hat sich dieses Spiel ein paar Jahre lang angeschaut und irgendwann zu mir gesagt: "Okay, du bist jetzt 54. Wie viele 108jährige kennst du?"

Und sind Sie weiser geworden?

Vielleicht. Ab einem bestimmten Punkt im Leben hat man ja nur noch wenige Wege zur Auswahl. Man kann so bleiben, wie man ist, und es sich auf der Veranda im Schaukelstuhl gemütlich machen. Abgesehen vom Schaukeln des Stuhls geht es weder abwärts noch aufwärts. Andere Menschen lassen nach, brechen zusammen oder verfallen langsam. Nicht unbedingt körperlich, aber mental. Und dann gibt es ein paar, die sich im Alter weiter entwickeln, als wenn der nachlassende Körper Raum schafft für die Erweiterung des Geistes. Ich würde mich gerne zu diesen Menschen zählen. Klar. Und das ist das, was ich in der Dokumentation "Der Kuss der Tosca" entdeckt habe, auf der "Quartett" lose beruht: Man sieht da diese Opernsänger in dem von Verdi gestifteten Ruhesitz in Mailand, Menschen die mit 80 oder 90 natürlich nicht mehr das sind, was sie mal waren… aber ihr Talent und ihre Kunst weigern sich trotzdem zu vergehen. Und so erhalten sie sich am Leben.

Und außerdem leben diese Menschen gemeinsam mit Künstlerkollegen von früher…

Ich weiß, was fragen wollen…

Ob Sie sich so etwas auch vorstellen könnten? Vielleicht gemeinsam mit Gene Hackman, Robert Duvall und ein paar anderen Kollegen in einem hübschen Ruhesitz…

Ich ins Altersheim? Nie im Leben. Ich würde lieber allein in einer Einzelzelle leben. (lacht) Außer alle anderen Mitbewohner wären Schauspielerinnen, auch jüngere.

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