20.01.13

Philharmoniker

Wer soll Simon Rattle in der Philharmonie ablösen?

Die Philharmoniker suchen ab 2018 einen neuen Chef: Wir stellen fünf Dirigenten vor, die das Format dazu haben.

Von Volker Blech
Foto: Universal / Matthias Creutziger

Ihn würden die meisten gerne am Pult der Philharmoniker sehen: Doch gerade erst hat Christian Thielemann den Posten in der Dresdner Semperoper angenommen.

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Sir Simon Rattle hat seinen Berliner Philharmonikern dieser Tage überraschend mitgeteilt, dass er seinen Vertrag im Jahr 2018 beenden wird. Dann wird der Brite insgesamt 16 Jahre lang Chefdirigent in Berlin gewesen sein, er steht kurz vor seinem 64. Geburtstag, und sein Lockenkopf ist in Würde ergraut. Dabei galt Rattle bei seiner Ankunft 2002 als der moderne, jugendliche Orchesterchef, der die etwas angestaubten Philharmonie ins 21. Jahrhundert führen wird.

In seiner Amtszeit sind tatsächlich beachtliche Veränderungen erfolgt: Es gab die Umwandlung in eine Stiftung, das Education-Programm (z.B. "Rhythm Is It!") bekam durch ihn ein eigenes Gesicht, die technisch-mediale Entwicklung (Digital Concert Hall) wurde vorangetrieben. Und nicht zuletzt fand in den Orchesterreihen ein Verjüngungsprozess stand. Was hingegen das künstlerische Profil, die Pflege des Klangs angeht, da polarisierte Rattle schnell seine Musiker und das Publikum.

Durch seinen rechtzeitigen Verzicht auf die Verhandlungen einer weiteren Verlängerung haben die Philharmoniker nunmehr gut fünf Jahre Zeit, einen geeigneten Nachfolger zu finden. Es werden bereits viele Namen öffentlich diskutiert. Fünf Kandidaten, die unterschiedlicher kaum sein können, seien einmal vorgestellt.

Der Konservative

Der Berliner Christian Thielemann, Jahrgang 1959, gilt vielen als der Favorit. Natürlich hat er einen Heimvorteil. Thielemann ist ein musikalisch genialischer Dirigent, allerdings mit einem schwierigen Charakter. Obwohl er selber betont, mittlerweile ruhiger geworden zu sein. Der Dirigent hat eine konsequente Karriere hingelegt: Mit 19 Jahren wurde er Korrepetitor an der Deutschen Oper Berlin und war gleichzeitig Assistent bei Herbert von Karajan. Über Düsseldorf ging er als Generalmusikdirektor (GMD) nach Nürnberg. 1997 wird er von Götz Friedrich als GMD an die Deutsche Oper Berlin geholt. Es folgen Jahre voller Streitigkeiten, bis er 2004 vorzeitig seinen Vertrag aufkündigt. Das Orchester fühlt sich im Stich gelassen.

Er geht nach München, in Bayreuth macht er sich bereits seit 2000 einen Namen. Seit dieser Saison ist er Chef der Dresdner Staatskapelle, demnächst übernimmt er die Salzburger Osterfestspiele. Thielemann ist als konservativer, deutscher Dirigent einzigartig. Er stände in der Tradition von Furtwängler und Karajan. Die Philharmoniker dirigiert er regelmäßig, die ihm künftig aber kaum Opernproduktionen anbieten können. Ob Thielemann hingegen bereit wäre, sein doch begrenztes Konzertrepertoire zu erweitern, bleibt fraglich. Genau genommen gehört Thielemann ans Pult der Staatskapelle Berlin und damit an die Staatsoper, der allerdings bis mindestens 2022 Daniel Barenboim vorsteht.

Der Unbeirrbare

Kirill Petrenko wird 1972 im westsibirischen Omsk geboren und studiert zunächst Klavier. In Berlin genießt er eindeutig einen Heimvorteil: Von 2002 bis 2007 ist er Generalmusikdirektor an der Komischen Oper. Seine Musiker lassen ihn wehmütig ziehen. Er hat ihren Orchesterklang fein geschliffen. Petrenko steht in der russisch-jüdischen Tradition, 1990 ist seine Familie nach Vorarlberg übergesiedelt, wo sein Vater, ein Geiger, eine Orchesterstelle annimmt. Bereits 1999 wird der schmächtige Kirill Petrenko GMD in Meinungen, insbesondere Wagners "Ring" in der Regie von Christine Mielitz erregt überregionales Aufsehen.

Petrenko wurde nach Berlin geholt, er ist ein Dirigent, der unbeirrbar, voller Fleiß und Neugierde, wenngleich immer selbstzweiflerisch, seinen Weg geht. Von vornherein hat er auf eine internationale Karriere gesetzt, sich quer durch die Musikwelt dirigiert. In diesem Sommer leitet er den Jubiläums-"Ring" in Bayreuth, den Volksbühnen-Chef Frank Castorf inszeniert. Gleich danach tritt Petrenko sein Amt als Generalmusikdirektor der Bayerischen Staatsoper München an.

Der fröhliche Lockenkopf

Gustavo Dudamel, Jahrgang 1981, wäre ein neuer Lockenkopf nach Rattle. Immer lächelnd, immer dynamisch, immer jugendlich. Dudamel ist aber ein echter Lateinamerikaner und damit eine Nuance leidenschaftlicher beim Dirigieren. Er ist aufgewachsen in einem einzigartigen musikpädagogischen System: El Sistema heißt das nationale Erziehungskonzept mit Jugend- und Kinderorchestern in Venezuela. Stardirigenten wie Claudio Abbado, Simon Rattle oder Zubin Mehta haben sich dafür engagiert. Aus den Reihen des Orchestersystems, das einen katholischen Background hat und dessen Dirigenten wie gestenreiche Prediger vor einer Gemeinde auftreten, sind mittlerweile einige weltweit bekannte Musiker hervorgegangen.

Gustavo Dudamel wurde bereits als 18-Jähriger im Jahr 1999 zum Chefdirigenten der Sinfonica de la Juventud Venezolana Simon Bolivar ernannt, dem staatlichen venezolanischen Jugendorchester. Aus El Sistema ging auch der Kontrabassist Edicson Ruiz hervor, der heute ein Berliner Philharmoniker ist. Gustavo Dudamel ist seit 2009 Chefdirigent des Los Angeles Philharmonic Orchestra. Im Waldbühnen-Konzert vor vier Jahren debütierte er am Pult der Philharmoniker. Er ist zweifellos ein Dirigent mit Feel-Good-Garantie.

Der stille Pultmagier

Mariss Jansons ist als Jahrgang 1943 der Altmeister unter den Favoriten. Der Sohn eines lettischen Dirigenten wurde von seiner jüdischen Mutter, einer Sängerin, in einem Versteck zur Welt gebracht. Offiziell wird immer Riga als Geburtsstadt angegeben. Die Familie zog Mitte der 50er-Jahre nach Leningrad, wo der Vater als Assistent des großen Mrawinski arbeitete. Jansons studierte Violine, Klavier und Dirigieren am Leningrader Konservatorium und ging 1969 nach Österreich, um seine Ausbildung bei Hans Swarosky und Herbert von Karajan fortzusetzen. Jansons ist ein harter Arbeiter, eher leise im Umgang, meidet jedes glamouröse Gehabe.

Künstlerisch ist der Schostakowitsch-Kenner selbstzweiflerisch, zugleich aber auch unnachgiebig, was ihn zu einem der emphatischsten lebenden Dirigenten macht. Derzeit ist er Chefdirigent des Symphonieorchesters des Bayerischen Rundfunks und des Amsterdamer Concergebouw-Orchesters. Demnächst wird er mit dem renommierten Ernst von Siemens Musikpreis geehrt. Ob sich aber der herzkranke Jansons auf das Abenteuer mit den Berliner Philharmonikern einlassen würde, auf jene selbstbewusste Orchesterrepublik, die viel Ausdauer und Dickfälligkeit von einem Chefdirigenten fordert, bleibt doch fraglich.

Der junge Tüftler

Andris Nelsons wurde 1978 in Riga geboren. Als Phiharmoniker-Chef wäre er die junge Mischung aus Rattle und Jansons: Einerseits ist er ein Privatschüler Jansons, andererseits ist er ein Nachfolger Rattles beim City of Birmingham Symphony Orchestra, das er seit 2008 leitet. Dieser Mischung entspricht auch seine künstlerische Herkunft. Der Dirigent wird in St. Petersburg im strengen russischen Schulgeist ausgebildet, zugleich gehört er vom Alter her bereits zu den europäisch Geprägten. Seine erste Stelle hatte Nelsons aber als Trompeter im Orchester der Lettischen Nationaloper.

Zuerst möchte man ihn, der auch in Bayreuth dirigiert, als einen Opernmann bezeichnen. Bereits mit 24 wird er Chefdirigent der Nationaloper in Riga, bald darauf beginnt seine schnelle Weltkarriere. In Berlin hat er eigentlich alle großen Orchester dirigiert, er gilt als kreativ, tüftlerisch, aber konservativ im Musiziergestus. In ihm wächst eine charismatische Dirigentenpersönlichkeit heran. Im Jahr 2018 begeht Nelsons seinen 40. Geburtstag. Vielleicht ist es ja das beste Einstiegsalter für den Nachfolger.

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