19.01.13

Fotogalerie

C/O-Galerie verabschiedet sich mit einem Tagebuch aus Mitte

In der letzten Ausstellung im Postfuhramt zeigt die Galerie Fotos von Christer Strömholm.

Von Gabriela Walde
Foto: dpa

In der letzten Ausstellung im Postfuhramt zeigt die Galerie c/o Berlin Werke von Christer Strömholm
In der letzten Ausstellung im Postfuhramt zeigt die Galerie c/o Berlin Werke von Christer Strömholm

Wehmut wird noch aufkommen, das ist sicher. Doch nun feiert das C/O-Team in bekannt optimistischer Stimmung erst einmal Vernissage, die letzte im Domizil Postfuhramt. Bis 17. März läuft die Schau mit Fotos von Christer Strömholm, dann wird's eine Abschiedssause geben in den maroden Sälen an der Oranienburger Straße/Ecke Tucholskystraße. Eine Ära geht zu Ende, architektonische Nischen und Freiräume dieser Art werden immer seltener in Berlin.

Ende März dann geht's endgültig raus aus dem Gebäude, Schluss, aus, vorbei. Der neue Investor Biotronic wird übernehmen, in der Haupthalle, so hört man, will er seine Firmengeschichte in Ausstellungsform präsentieren. Wie die Übergangszeit für C/O bis Herbst zur der Eröffnung im Amerikahaus aussehen wird, ist noch nicht ganz klar.

Mehr als 950.000 Besucher in den vergangenen zwölf Jahren

Wo die große Rene-Burri-Ausstellung stattfindet, steht in den Sternen. Einzelne Termine des Rahmenprogramms sollen weiterlaufen, da gibt es Gespräche über temporären Unterschlupf in anderen Häusern. Länger als zwei Jahre suchten die Macher um Stephan Erfurt nach einem neuen Quartier, eine Suche, die nicht ohne Demütigung ausging. Über 950.000 Fotofans besuchten in den letzten zwölf Jahren die 89 großen Ausstellungen, hinzu kamen 125 Junior- und Teens-Präsentationen, dabei wirtschaftete die Institution, jetzt in eine Stiftung umgewandelt, ohne öffentliche Gelder.

C/O hat sich immer als ein "Kind von Mitte" verstanden, das hat Stephan Erfurt immer wieder gesagt, doch jetzt freue man sich auf den alten Westen. Dort werde man, ganz im Gegensatz zu den Stadtvätern in Mitte, mit "offenen Armen" empfangen, die Kommunikation liefe rund, zudem sind Gespräche angekurbelt mit dem benachbarten Museum für Fotografie, ein Kombi-Ticket für beide Häuser denkbar.

Das Amerikahaus mit der bekannten Mosaikfassade muss derweil noch umgebaut werden, der originale Rohbau soll wieder freigelegt, behindertengerechte Zugänge müssen angelegt werden, der Teppich fliegt raus, das wird wohl noch manche Überraschungen geben im Fünfziger-Jahre-Bau, zumal das Gebäude unter Denkmalschutz steht.

Christer Strömholm gilt als Altmeister der skandinavischen Fotografie

Doch jetzt zur letzten großen Ausstellung. Das Haus nimmt seinen Abschied nicht etwa mit einem der großen, bekannten Akteure der Fotokunst, sondern mit einer charmanten Neuentdeckung. Christer Strömholm (1918-2002) gilt als Altmeister der skandinavischen Fotografie, doch in Deutschland ist er nur sehr wenigen bekannt. Warum, darüber kann man nur spekulieren. Sein Sohn Joakim, der das väterliche Erbe verwaltet, erzählt, dass sein Vater nie Marketing betrieben hat mit seinen Fotografien, er gab zwar Bildbände heraus, publizierte auf Anfrage auch für Magazine, doch er sah sich nie als Profifotograf.

Im "richtigen Leben" war er Direktor einer Fotoschule in Stockholm. Und laut Joakim ein unverbesserlicher Weltenbummler, Reisen nach Spanien, Indien, Japan, USA, fünf mal war er verheiratet, nebenbei "zwei Concubinen". Das müsste man nun nicht unbedingt erzählen, aber dieser Umstand beleuchtet genau auch die Bedingung seiner Fotografie. In gewisser Weise war Strömholm maßlos, er sog alles um sich herum auf, er guckte genau hin, konnte Leute für sich begeistern und gewinnen. Das sieht man seinen Bildern an, diese Intimität und Nähe, die da oft entsteht zwischen Fotograf und seinem Gegenüber, die hat so gar nichts von Inszenierung oder etwa gestellter Coolness. "Das Fotografieren war für ihn eine Art Tagebuch", sagt Joakim Strömholm, "mit dem fotografischen Bild zu arbeiten, ist meine Art zu leben", so beschrieb es der Künstler selbst.

Studiert hat Strömholm übrigens in Dresden, nicht Fotografie, sondern Malerei, das war Ende der Dreißiger. Doch es kam zu einem Zerwürfnis mit seinem Lehrer. Ende der fünfziger Jahre zieht er nach Paris, verliebt sich in die Stadt. Die glamourösen Boulevards interessieren ihn partout nicht, sondern die Gassen und frivolen Nachthöhlen am Montmartre zwischen Place Pigalle und Place Blanche. Dort sah er sich offenbar mehr als in den Konventionen. Dort trifft er die wilden Nachtvögel der Szene, Fetischkünstler, Kneipeneulen, Transvestiten und die Transsexuellen der Gegend – und fotografiert sie. Mit Tüll oder in Negligé und auf den Laken, bei der Liebe. Mit einigen – wie mit Jacky und Nana – befreundete er sich, erzählt Joakim. Der Serie taufte er "Les Amies de Place Blanche". Jacky und Nana, heute 73 und 75 Jahre, kamen sogar zur Vernissage nach Berlin. Solche Fotos können schnell einen Voyeurismus bedienen, nicht bei Strömholm, der stets einfühlsam mit der Kamera umging.

Feinste Erotik in schwarzer Spitze

Von feinster Erotik sind die Fotos mit seiner letzten Freundin, die sich in schwarze Spitze hüllt wie eine Witwe in Venedig. Sie wird ihren Grund gehabt haben. In den Neunzigern sind sie entstanden. Wie die zwei weißen Espressotässchen da so auf den zerknüllten Laken drapiert sind, das ist ein schönes Sinnbild. Das Foto mit ihrer hauchzarten Seidenwäsche hängt neben einem anderen Bild, dessen Motiv man als den verschwommen Schoß der Liebsten deuten könnte. Aber nix da, Abstraktion! Strömholm lag krank im Bett, fotografierte jene im Dunkeln liegende Ecke, dort, wo die Wände an der Decke als Dreieck im Zimmer zusammenlaufen. All diese Details weiß Joakim zu berichten, der gute Sohn hatte manche Mühe, die Entstehungsgeschichte einzelner Fotos zu recherchieren. Der Herr Papa hatte die wenigstens säuberlich beschriftet und datiert.

Es ist seltsam, ein Hauch von Melancholie begleitet diese Ausstellung, gleich im Entree am stärksten. Der Schatten einer Frau fliegt an einer hellen Mauer entlang, ein Affe hinter Gittern sieht aus wie ein Gefangener, der um Gnade bettelt. Der Kurator wird sich etwas dabei gedacht haben, wer weiß, vielleicht aber gehört dieses Gefühl einfach zum Abschied im Postfuhramt.

C/O Galerie, Oranienburger Str. 35/36. Tgl. 11-20 Uhr. Bis 17. März. Tel.: 28444160.

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