19.01.13

Tourismus

Berlins Gedenkstätten sind gefragt wie nie zuvor

Ob Mauergedenkstätte oder Topographie des Terrors, alle verzeichnen einen Besucherzuwachs. Eine außergewöhnliche Entwicklung.

Von Sven Felix Kellerhoff
Foto: dapd
Besucher stehen am Donnerstag (11.08.11) in Berlin an der Gedenkstaette Berliner Mauer an der Bernauer Strasse. Am 13. August jaehrt sich zum 50. Mal der Bau der Berliner Mauer, die 28 Jahre lang die Stadt teilte. Die Nacht- und Nebel-Aktion des SED-Regimes riss Familien auseinander und kostete im Laufe der Jahre 136 Menschen das Leben, die eine Flucht in die Freiheit wagten oder an der Grenze verunglueckten, Zehntausende wurden inhaftiert. Die Bernauer Strasse zwischen den Berliner Stadtteilen Mitte und Wedding wird am Samstag (13.08.11) zur zentralen Gedenkmeile in Erinnerung an den Beginn des Mauerbaus vor 50 Jahren.
Foto: Maja Hitij/dapd
Besucher stehen am Donnerstag (11.08.11) in Berlin an der Gedenkstaette Berliner Mauer an der Bernauer Strasse. Am 13. August jaehrt sich zum 50. Mal der Bau der Berliner Mauer, die 28 Jahre lang die Stadt teilte. Die Nacht- und Nebel-Aktion des SED-Regimes riss Familien auseinander und kostete im Laufe der Jahre 136 Menschen das Leben, die eine Flucht in die Freiheit wagten oder an der Grenze verunglueckten, Zehntausende wurden inhaftiert. Die Bernauer Strasse zwischen den Berliner Stadtteilen Mitte und Wedding wird am Samstag (13.08.11) zur zentralen Gedenkmeile in Erinnerung an den Beginn des Mauerbaus vor 50 Jahren. Foto: Maja Hitij/dapd

Das Interesse an Berlins Vergangenheit und ihren Brüchen nimmt weiter zu. Die zentrale Dokumentation zur Mauer quer durch die Stadt in der Bernauer Straße hat im vergangenen Jahr mehr als 700.000 Interessierte angezogen, noch einmal fast zehn Prozent mehr als 2011, dem 50. Jahrestag des Mauerbaus. Sogar fast 20 Prozent mehr Besucher hat die Dokumentation Topographie des Terrors gezählt: Etwa 948.000 Menschen suchten das frühere Gestapo-Gelände auf. 2011 waren noch 804.000 Interessierte gezählt worden.

Der Besucherzuwachs bei diesen zentralen Dokumentationsstätten für Staatsverbrechen der totalitären Regime in Deutschland ist außergewöhnlich, stellt aber nicht grundsätzlich eine Ausnahme in Berlin dar: Auch die anderen Geschichtsorte sind 2012 gut nachgefragt worden; Einbrüche waren nirgends zu verzeichnen. Offensichtlich verteilen sich die Besucherströme nicht anders, sondern das Interesse nimmt deutlich zu.

Das Deutsche Historische Museum verzeichnete sogar einen Zuwachs von 21 Prozent gegenüber 2011: Mit 880.000 Besuchern nach zuvor 740.000 kann der neue Präsident Alexander Koch zufrieden sein. Das Gleiche gilt für den erst im September 2011 als Ausstellung eröffnete "Tränenpalast". In das frühere Ausreisekontrollgebäude der DDR-Grenztruppen und der Stasi am Bahnhof Friedrichstraße kamen fast 200.000 Besucher.

Besucher haben großes Interesse an der DDR

Trotz seiner Lage weitab vom Stadtzentrum zählte auch das frühere zentrale Untersuchungsgefängnis der DDR-Staat in Hohenschönhausen 351.000 Besucher, rund 10.000 mehr als 2011 zuvor. Beide Werte liegen deutlich über der Kapazitätsgrenze der historischen Räume und sind kaum mehr zu steigern. Bemerkenswert ist auch, dass die Vorjahreszahl übertroffen wurde, obwohl die Stammgebäude derzeit zu einer modernen Gedenkstätte ausgebaut werden. Hier wird noch in diesem Jahr auch eine eigene Dauerausstellung eröffnet werden.

Auf hohem Niveau stabilisiert hat sich der "Ort der Information" unter dem Holocaust-Mahnmal. Mit 468.500 gezählten Besuchern hat die Zahl zwar nur minimal zugelegt. Da die Stiftung Denkmal detaillierte Auswertungen veröffentlicht, kann man ablesen, dass die besucherstärksten Monate Juli, August und Mai waren. Nach einem deutlichen Einbruch auf 14.500 Interessierte im November verdoppelte sich diese Zahl im Dezember fast.

Auch das private DDR-Museum am Berliner Dom verzeichnete einen Besucherzuwachs: Nach 492.756 Interessierten 2011 kamen im Jahr darauf sogar 504.564 Menschen und damit erstmals innerhalb eines Jahres mehr als eine halbe Million.

Gedenkstätten-Chefs fühlen sich bestätigt

Unter den Leitern der Gedenkstätten führen solche Zahlen zu großer Zufriedenheit. Uwe Neumärker, Direktor der Stiftung Denkmal für die ermordeten Juden Europas, sagte der Morgenpost: "Der Ort der Information verzeichnete 2012 die höchsten Besucherzahlen seit Eröffnung und bestätigt so die allgemeine Tendenz eines dauerhaft großen, sogar steigenden Interesses an Zeitgeschichte." Auch Axel Klausmeier, Chef der Stiftung Berliner Mauer, sieht den Zustrom als Bestätigung: "Der Zulauf gerade von jungen und internationalen Besuchern und damit auch das Interesse an der Auseinandersetzung mit der SED-Diktatur ist riesengroß." Das von Land und Bund getragene dezentrale Gedenkstättenkonzept gehe voll auf.

Ebenfalls zufrieden ist die Stiftung Topographie des Terrors. Direktor Andreas Nachama ließ mitteilen: "Einerseits profitiert das Dokumentationszentrum von der steigenden Zahl der Berlin-Besucher aus aller Welt. Es ist aber spürbar, dass das Interesse an historischen Themen im Bereich des Kulturtourismus steigt." Wenn die Zeitzeugen nicht mehr sprechen könnten, dann würden die authentischen Orte der Geschichte an Bedeutung gewinnen.

Hubertus Knabe, der Chef der Stasiopfer-Gedenkstätte Hohenschönhausen, nutzte die Bilanz allerdings auch zu Kritik: "Das Interesse an der DDR nimmt weiter zu – paradoxerweise aber vor allem bei denen, die selbst nicht betroffen sind." Deshalb müssten Berlin und Brandenburg mehr tun, damit die SED-Diktatur nicht aus dem Blickfeld gerät: "Vor allem Jugendliche sollten besser über die Folgen des Kommunismus aufgeklärt werden."

Die Gründe für die Konjunktur der Zeitgeschichte in Berlin sind nicht erforscht. Die Konjunktur dieses Themas, die sich ja nicht auf auf Einheimische und deutsche Besucher, sondern ebenso auf Touristen aus Europa erstreckt, hält seit inzwischen fast 20 Jahre an und führt zu ständig steigenden Besucherzahlen auch bei neu hinzugekommen Einrichtungen. Ein möglicher Grund könnte sein, dass sich gerade in Berlin als der Hauptstadt des Dritten Reiches und später als dem heißesten Punkt des Kalten Krieges europäische Zeitgeschichte bündelt. Die historische Herkunft aber ist in Zeiten der Globalisierung mehr denn je ein Faktor der Identitätsfindung geworden.

Im vergangenen September haben zwei weitere, direkt benachbarte Erinnerungsstätten eröffnet: das Panorama "Die Mauer" des Künstlers Yadegar Asisi auf dem Areal des früheren DDR-Ausländerübergangs Friedrichstraße, besser bekannt als "Checkpoint Charlie", und genau gegenüber die "Blackbox Kalter Krieg". Für beide neuen Einrichtungen gibt es noch keine aussagekräftigen Besucherzahlen.

Wenn der Senat zustimmt, könnte vielleicht noch in diesem Jahr ein weiterer bisher aber fast unbekannter authentischer Ort hinzukommen: Im früheren Ost-Berliner Polizeipräsidium in der Keibelstraße existiert noch der Anfang der 1950er-Jahre gebaute Zellentrakt. Genutzt werden kann dieser Flügel kaum; die Robert-Havemann-Gesellschaft hat ein Konzept für eine museale Nutzung erarbeitet. Ein echtes DDR-Gefängnis keine 150 Meter vom Alexanderplatz würde sicher viele zehntausend Interessierte anziehen.

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