17.01.13

Zeitplan kritisch

Staatsoper – Nach dem BER droht Berlin weitere Blamage

Der Zeitplan für die Sanierungsarbeiten ist laut Senator Müller außerordentlich kritisch, die geplante Wiedereröffnung 2015 ungewiss.

Foto: dapd

Ein Arbeiter hackt in der Staatsoper in Berlin mit einem Minibagger den Boden im Zuschauersaal auf (Archivfoto vom 25. Mai 2011).
Ein Arbeiter hackt in der Staatsoper in Berlin mit einem Minibagger den Boden im Zuschauersaal auf (Archivfoto vom 25. Mai 2011).

Manche Dinge sind anders als gedacht. Mit diesen Worten endete am Mittwochabend im Deutschen Theater die Premiere des Stücks "Das Himbeerreich". Gestern hatten wohl einige Kulturpolitiker ein Déjà-vu-Erlebnis im Abgeordnetenhaus, als Stadtentwicklungssenator Michael Müller (SPD) auf eine Anfrage recht emotionslos in der Plenarsitzung einräumte, dass der bereits zweimal verschobene Eröffnungstermin für die Staatsoper gefährdet sei. Der aktuelle Zeitplan für den Fortgang der Sanierungsarbeiten sei außerordentlich kritisch. Der Zeitpuffer für die Arbeiten komme an seine Grenzen. Es wäre dann die dritte Verschiebung, beim anderen Großprojekt, dem neuen Großflughafen in Schönefeld, ist die bereits verkündet worden. Für Verschwörungstheoretiker hängen beide Projekte ohnehin zusammen; auf jeden Fall eint sie, dass sie verlässlich dafür sorgen, dass Berlin sich in aller Welt blamiert.

Es wird bereits darüber gespottet, ob es nicht besser wäre, gleich ein neues Opernhaus auf dem Areal des künftigen Großflughafens zu errichten. Dann müssten die verantwortlichen Politiker nicht ständig alle Ausreden zweimal erfinden. Auch für die Opposition hängen beide Projekte zusammen. Sabine Bangert, die kulturpolitische Sprecherin der Grünen, fordert für das Projekt Staatsopern-Sanierung zwar noch nicht die Einrichtung eines Untersuchungsausschusses, den es beim Flughafen bereits gibt, aber sie erwartet endlich Transparenz – wie beim Airport. "Die Fakten müssen endlich auf den Tisch, die Probleme und Schwierigkeiten benannt werden. Nicht scheibchenweise, sondern komplett", sagt Bangert. Auch diese Vorgehensweise erinnert an den Flughafen. Sie glaubt nicht daran, das angesichts der von Müller angedeuteten Verschiebung um knapp ein Jahr auf Sommer 2016 die geschätzten Baukosten von 288 Millionen Euro reichen. Derzeit seien nicht einmal alle Bauunterlagen geprüft, eine Diskussion im Parlament steht noch aus. Ursprünglich ging man von Kosten in Höhe von gut 240 Mio. Euro aus, der Bund beteiligt sich mit einem Festkostenzuschuss in Höhe von 200 Mio. Euro, eine Erhöhung gebe es nicht, betonte Kulturstaatsminister Bernd Neumann (CDU) kürzlich. Eine klare Ansage an Berlin.

Ein Gesamtensemble

Ursprünglich sollte die Sanierung 2013 abgeschlossen sein, die Arbeiteten starteten im September 2010 – und werden jetzt mutmaßlich doppelt so lange dauern. Die Sanierung umfasst nicht nur das historische Opernhaus Unter den Linden, sondern das Gesamtensemble der Staatsoper als Teil des Forum Fridericianum. Im ursprünglichen Kostenplan aufgeschlüsselt waren das Operngebäude selbst (rund 129 Millionen Euro), davon rund 50 Millionen Euro die Bühnentechnik, das neben stehende Intendanzgebäude (rund 28 Millionen Euro), das Probenzentrum im ehemaligen Magazingebäude mit den neuen Probensälen (rund 57 Millionen Euro) sowie das unterirdische Verbindungsbauwerk zwischen Probenzentrum und Operngebäude (rund 25 Millionen Euro). Etwas ein Drittel des Magazingebäudes wurde aus Kostengründen abgetrennt und zur Fremdvermietung angeboten. Inzwischen haben Stardirigent Daniel Barenboim und sein Gründungsdirektor Michael Naumann das Projekt einer Akademie für jungen Musiker aus dem Nahen Osten vorgestellt. Die dafür nötigen Baukosten in Höhe von 20 Millionen Euro hat der Bund bereits bewilligt. Da dieses Bauprojekt mit der Staatsopern-Sanierung verbunden ist, wird auch hier mit einer Verspätung zu rechnen sein.

Daniel Barenboim, der Generalmusikdirektor der Staatsoper, hatte sich für den sanierten Opernsaal eine längere Nachhallzeit gewünscht. Deshalb wird die Decke des Innenraumes um vier Meter angehoben, das Raumvolumen von 6500 auf 9500 Quadratmeter vergrößert. Damit soll nach akustischen Berechnungen die Nachhallzeit von rund 1,1 auf 1,6 Sekunden erhöht werden. Kritiker der Sanierung sehen diesen künstlerischen Anspruch mit großem Unverständnis. Darüber hinaus wird regelmäßig der Bau des unterirdischen Tunnels zwischen dem Opernhaus und dem Magazingebäude kritisiert. Durch ihn sollen die vorbereiteten Kulissen direkt zur Bühne und nicht wie zuvor über die Straße transportiert werden. Dieser unterirdische Tunnel sorgte für einigen Wirbel, als Senatsbaudirektorin Regula Lüscher mitteilte, dass überraschend entdeckte mittelalterliche Holzpfähle in 17 Metern Tiefe die Abdichtung erschweren.

Der Regierende Bürgermeister Klaus Wowereit (SPD) verwies jetzt im Abgeordnetenhaus darauf, dass der Tunnel seinerzeit bei den Planungen für technisch machbar gehalten worden sei. Nach heutiger Sicht hätte man vielleicht anders geplant und gebaut. Doch jetzt sei keine Änderung mehr möglich. Wo heute die Staatsoper und das Intendanzgebäude stehen, führte früher der Festungswall entlang. Mit dessen Bau war bereits 1658 begonnen worden, aber die Stadt wuchs schneller als gedacht. Der Wall wurde wieder abgetragen, 1742 an der Stelle die Hofoper eröffnet. Jetzt kämpfen die Planer mit dem Untergrund. Mit der Verdopplung der Betonsohle auf drei Meter wurde die Verschiebung auf 2015 begründet. Offenbar haben die Bauherren generell das Grundwasser-Problem in Mitte unterschätzt. Von einer Wanne, in die das Opernhaus gestellt werden muss, ist mittlerweile die Rede. Ebenso von Problemen am Bühnenturm. Überhaupt soll die Bausubstanz mürber sein als gedacht. So weit die bislang bekannten Gründe, es werden wohl weitere folgen.

Barenboim war ungehalten

Noch im letzten Sommer zeigten sich Stardirigent Daniel Barenboim und Intendant Jürgen Flimm auf einer eigenen Pressekonferenz ungehalten über die Verschiebung auf Oktober 2015. Gestern wollte Intendant Flimm keinen Kommentar über die neuerlich drohende Verschiebung abgeben. Noch liegt die Nachricht nicht verbindlich auf dem Tisch. Im Haus scheint man aber bereits seit Regula Lüschers Orakel im Dezember auf das neue Eröffnungsdatum in 2016 eingestellt zu sein. Unter den Mitarbeitern herrscht darüber einiger Unmut. Bekanntlich residiert das Staatsopern-Ensemble für die Zeit der Sanierung im Schiller-Theater. Weil es dort über deutlich weniger Sitzplätze verfügt als im Stammhaus, macht das Opernhaus pro Jahr vier Millionen Euro Verlust. Die werden bislang vom Senat ausgeglichen.

Es hat bereits politische Signale gegeben, dass es auch für eine weitere Verlängerung so sein wird. Darüber hinaus liegen die Verluste für die Staatsoper vor allem im Planerischen, große Künstler müssen vier bis fünf Jahre vorher verpflichtet werden, und im Image, denn nicht jeder internationale Starkünstler will ins kleine Schiller-Theater kommen. Kurzum: Jedes weitere Jahr in Charlottenburg kostet die Staatsoper ein Stück ihres Glanzes.

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