16.01.2013, 20:54

Film Quentin Tarantinos Mantra ist Schwatzen und Schießen


Zwei wie Pech und Schwefel: Der deutsche Kopfgeldjäger Dr. King Schultz (Christoph Waltz, l.) bringt dem Sklaven Django (Jamie Foxx) sein Metier bei

Foto: Sony Pictures / dapd

Zwei wie Pech und Schwefel: Der deutsche Kopfgeldjäger Dr. King Schultz (Christoph Waltz, l.) bringt dem Sklaven Django (Jamie Foxx) sein Metier bei Foto: Sony Pictures / dapd

Von Peter Zander

Der Meister des Pulp diskutiert die historische Schuld der Sklaverei als bissige Pferdeoper: „Django Unchained“

Im Western wird geritten und geschossen. So einfach ist das. Manchmal wird auch geküsst, aber das ist die Ausnahme. Die Frau vertritt ja immer das städtische, geregelte, geordnete Prinzip; die weite Prärie aber ist das letzte Derivat, in dem der Mann noch Mann sein darf. Was in einem Western ganz und gar nicht geht, ist reden. Dinge ausdiskutieren, das wäre ja wieder das ewig-weibliche Prinzip. Stattdessen zählt, wer schneller zieht und mehr Pferdestärke unterm Sattel hat. Das gilt erst recht für den Spaghettiwestern.

Der Italo-Bastard des Genres war immer etwas schmutziger als das amerikanische Original, hier wurden auch die hehren Ideale in den Dreck gezogen. Vor allem aber wurde hier nicht nur nicht geredet, es wurde immer und unentwegt geschwiegen. Sequenzen lang konnten die Leones und Corbuccis den Wind rauschen und die Grillen zirpen lassen. Der Held aber war immer der große Schweiger, der nur bärbeißig auf seinem Tabak kaut.

Entfesselter Trash

Insofern ist es pure Ironie, wenn nun ausgerechnet Quentin Tarantino einen amerikanischen Italo-Western dreht. Mit den Themen (und den Melodien) von damals. Tarantino liebt Trashfilme aus den Sixties. Er ist ein fundierter Kenner noch der unbekanntesten Italo-Pferdeopern, wie mal eine Retrospektive auf dem Filmfestival in Venedig zeigte, die er präsentierte. Tarantino macht in all seinen Filmen eigentlich nichts anderes, als alte Trash-B-Movies zu großen Star-Filmen zu entfesseln.

Mit der Besonderheit indes, dass er sie mit seinen brillanten Dialogen ausstattet, die so geschwätzig wirken und in ihren Tiraden doch so viel Wahrheit entlarven. Das war schon das Erfolgsgeheimnis bei "Inglourious Basterds": diese Diskrepanz zwischen den sehr langen Dialogen und den dann sehr expliziten Gewaltdarstellungen. Schwatzen und schießen: Das scheint geradezu Quentin Tarantinos Mantra zu sein.

Selbst die urdeutschen Nibelungen kommen vor

Aber nun verortet er die Schwatzbasen eben ins Universum der großen Schweiger. Da machen Kopfgeldjäger keinen kurzen Prozess, sondern palavern erst lange und umständlich und weltanschaulich; sogar die deutschen Nibelungen werden dabei erörtert. Und auch wenn der Ku-Klux-Klan ein paar Schwarze jagt, kann man noch lange (und hinreißend komisch) diskutieren, wer eigentlich die Löcher in die Masken geschnitten hat und warum man so eigentlich nichts sehen kann. Tarantino macht ausgerechnet den Western zum Konversationskino.

Aber das ist nur die eine geniale Idee. Die andere ist es, durch eine einfache kleine Besetzungsvolte eine ganz neue Geschichte zu erzählen. Der Django geisterte durch viele Italo-Western, Franco Nero wurde als solcher berühmt (und hat hier natürlich einen Gastauftritt). Aber Django war immer ein Weißer.

Christoph Waltz zum Niederknien

Bei Tarantino wird er zu einem schwarzen Sklaven (Jamie Foxx), der von einem deutschen Kopfgeldjäger (Christoph Waltz in einer Rolle zum Niederknien) erst befreit und dann in sein Metier eingeführt wird. Ein schwarzer Kopfgeldjäger, der auf weiße Sklavenhalter Jagd macht, und das ein paar Jahre vor dem amerikanischen Bürgerkrieg: So was traut sich wohl nur ein Tarantino.

Natürlich ist das im Grunde dieselbe Struktur wie bei den Basterds: Wieder eine Rache-Überwindungsfantasie zur Bewältigung historischer Traumata, nur dass hier nicht Juden Nazis in die Luft jagen, sondern geknechtete Schwarze blasierte Südstaaten-Plantagenbesitzer in Stücke schießen. Und diesmal wird ziemlich lange geredet und dann ziemlich lange geschossen; die Balance ist nicht so fein austariert. Und dennoch hat Tarantino einmal mehr Trash zu großem Kino veredelt. Und den Italo-Western ganz nebenbei wieder in die amerikanische Prärie heimgeholt.

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