15.01.13

Film

"Ist Rache immer die Lösung für alles, Mister Tarantino?"

Quentin Tarantino über seinen Western "Django Unchained", seine Liebe zu Deutschland und seine Pläne, bald seinen Beruf aufzugeben.

Von Peter Zander
Foto: REUTERS

Gerade bekam sein Western zwei Golden Globes: Regisseur Quentin Tarantino
Gerade bekam sein Western zwei Golden Globes: Regisseur Quentin Tarantino

"Django Unchained" heißt der neue Film von Quentin Tarantino, den er kürzlich in Berlin vorgestellt hat. Der Regisseur beschäftigt sich darin mit der Sklaverei. Bei der Pressekonferenz wurde er gefragt, ob man die Sklaverei in den USA mit dem Holocaust vergleichen könne. Tarantino: "Ja. Amerika ist für zwei Holocausts in seinem Land verantwortlich: für die Ausrottung der indianischen Ureinwohner und für die Versklavung von Afrikanern, Jamaikanern und Westindern in der Zeit des Sklavenhandels." Der Regisseur fügte hinzu, er wisse, dass diese Worte Deutschen seltsam vorkämen. Im Gespräch mit der Berliner Morgenpost erklärt er, was er mit seinem neuen Film bezweckt.

Berliner Morgenpost: Herr Tarantino, wir Deutsche sind sehr beeindruckt, wie viel Deutsch in Ihrem Western "Django Unchained" gesprochen wird. Wie kam es dazu? Ist das der Einfluss von Christoph Waltz?

Quentin Tarantino: Ich weiß nicht, ob ich, wenn ich Christoph nie begegnet wäre, je auf die Idee gekommen wäre, eine Figur wie diesen deutschen Kopfgeldjäger im Wilden Westen zu erfinden. Ich weiß nicht mal, ob das eine bewusste Entscheidung war. Es ist wohl so, dass Christoph inzwischen so in meiner künstlerischen DNA drinsteckt, dass mir das einfach aus dem Füller floss. Ganz von allein. Vielleicht steckt auch ein wenig Deutschland in mir. Als ich "Inglourious Basterds" drehte, war ich für sechs Monate hier bei Ihnen in Berlin. Das ist ein Teil meines Lebens. Und ich glaube, ich hab auch ein bisschen was mitgekriegt bei Ihnen. Ich habe mich in den "Basterds" mit dem deutschen Faschismus beschäftigt, so wie ich mich jetzt in "Django" mit dem amerikanischen Faschismus beschäftige.

Sehr schwierig, den Begriff auf beide Phänomene anzuwenden. Warum gibt es eigentlich nicht mehr Filme über Sklaverei in den USA?

Weil Amerika Angst hat. Man will sich mit Sklaverei nicht befassen Das mag in Deutschland befremdlich klingen, weil Ihr alle dazu gezwungen seid, euch wieder und wieder mit der Schande eurer Nation zu beschäftigen. Auch andere Nationen haben sich mit den Sünden der Vergangenheit auseinandergesetzt. Amerika aber ist es gelungen, darüber hinwegzugleiten. Sogar in der Schule – man lernt mehr über den Gold Rush als über Sklavenhandel.

Ist das Kino der Ort, um der Gerechtigkeit, auch abseits der historischen Realitäten, doch noch zum Sieg zu verhelfen?

Ja, das glaube ich. Und ich denke da nicht nur ans Kino im Speziellen, sondern ans Geschichtenerzählen ganz allgemein. Romane können das tun, Groschenromane oder Comics. Das ist etwas, was fiktive Geschichten mir über die Geschichte beibringen können. Historische Settings können Opfern der Geschichte einen Traum von Rache schenken. Eine Art späte Satisfaktion.

Aber ist Rache die einzige Lösung von Problemen der Welt?

Aber das ist doch kein Film über Rache.

Ach nein?

Nein. Wenn mein Django auf die Ranch Candyland reitet, ist es nicht sein Plan, jeden auf dieser Plantage niederzuschießen...

... was er aber dennoch tut.

Aber eigentlich will er nur seine Geliebte befreien. Ich will jetzt nicht Erbsen zählen, aber das ist der Plot. Er wäre halt nur nicht so gut. Würde der Plan aufgehen und die beiden zusammen in den Sonnenuntergang reiten, wäre das nicht so zufriedenstellend. Django braucht das Fanal, das dann kommt, um als Held, als Ikone dazustehen. Um auf ihre Frage zurückzukommen, ob Rache die Lösung ist: Im echten Leben: nein. Im Genrekino? Ja, da ist die Antwort ganz oft ja.

Ist Rache der rote Faden, der sich durch Ihr Oeuvre zieht?

Nein, ist es nicht. Es ist der Topos in meinen Martial-Arts-Filmen. Okay, es ist auch der Topos in meinem Kriegsfilm. Mit dem Western sind das jetzt drei Filme. Aber das war nicht der Topos von "Reservoir Dogs" und nicht von "Jackie Brown". Der Grund, warum ich "Basterds"und "Django" gemacht habe, ist, dass ich Menschen aus dem 21. Jahrhundert damit eine Katharsis, einen befreienden Moment gebe. Damit meine ich nicht nur Juden oder Afroamerikaner. Ich denke, wir alle schauen, wenn wir diese Filme sehen, durch deren Augen. Als ich mit "Inglourious Basterds" durch die Welt reiste, haben alle gesagt: Hoho, möchte mal wissen, was die Deutschen dazu sagen. Aber ich habe den Film ja hier gedreht, ich wusste, wie man ihn aufnehmen würde. Und war dann so etwas wie ein kleiner Botschafter für Sie. Ich konnte sagen: Wenn es derzeit irgendwen auf der Welt gibt, der Fantasien hat, wie man Hitler tötet, dann sind das die letzten drei Generationen der Deutschen.

Und wie reagieren die Zuschauer in den USA nun auf "Django Unchained"?

Ganz ähnlich. Das Publikum, auch das weiße, ist auf Seiten von Django. Sie sind nicht auf der Seite der Südstaatler, nicht auf der Seite von Leonardo DiCaprio. Und sie sind dankbar für die kathartische Befreiung am Ende.

Darf man so etwas als Unterhaltungsfilm inszenieren?

Aber ich will doch unterhalten. All meine Filme sind Unterhaltungsfilme. Nicht Entertainment wie bei einem Magier in einem Nachtclub. Ich möchte cineastische Momente kreieren, möchte, dass das Publikum meine Filme liebt. Aber dazu gehört auch, sowas aufs Tapet zu bringen. Wenn es um Brutalität an den Sklaven geht, sehen Sie Dinge, die Sie gar nicht sehen wollten. Aber das muss man halt zeigen, das muss weh tun, sonst hab ich mein Ziel verfehlt. Und dann gibt es Gewalt, die unterhaltend ist, die Spaß macht, weil es Katharsis ist. Das ist alles eine Frage des Gleichgewichts. Ich möchte, dass Sie am Ende Bravo rufen, wenn Django das Blutbad anrichtet.

Und funktioniert es, rufen alle Bravo?

Jetzt ja. Ich habe den Film mal in einem Stadium gezeigt, wo er noch nicht ganz fertig war. Aber so konnten wir ihn nicht zeigen, wir mussten was rausschneiden, beim Mandingo-Kampf und bei der Hundeszene, das war anfangs noch heftiger.

Ich finde das immer noch ziemlich heftig.

Sie war noch härter. Aber das hätte das Publikum zu sehr traumatisiert. Die wären so geschockt gewesen, dass ich am Ende nicht mehr den Zuspruch bekommen hätte, den ich brauchte. Ich musste das also ein wenig zurückfahren.

Sie werden 50, gelten aber immer noch als der junge Wilde, der das Filmbusiness aufmischt. Fühlen Sie sich selber so?

Sagen wir mal so: Ich fühl mich mit meinem Werk noch von niemandem überholt. Ich sehe nicht, dass irgend jemand das tut, was ich tue. Ich will jetzt nicht sagen, dass sie es sollten oder müssten. Aber ich schon, ich muss. Ich wollte meine Filme immer genau so machen, wie ich sie mache. So sollen sie aussehen. Ich strebe jetzt keine neue Phase in meiner Karriere an, wo mein Verhalten sich komplett ändern würde. Ich möchte all meine Werke als ein Oeuvre verstehen. Ich will mein Lied auf meine Art singen. Wenn du mit Rock'n'Roll anfängst, musst du damit enden. All meine Platten wären Rock'n'Roll.

Rock'n'Roller können ja richtig alt werden. Sie geben aber immer wieder zu verstehen, dass Sie so lange gar nicht mehr filmen wollen. Sie wollen mit 50 in Rente gehen. Heißt es zumindest immer.

Ich denke schon, jetzt kommen meine letzten zehn Jahre. Als Filmemacher.

Warum? Verspüren Sie zuviel Druck?

Ach was. Druck hatte ich immer. Das würde ich gar nicht anders haben wollen, das gehört dazu. Ich möchte, dass Sie alles von mir erwarten. Diesen Erwartungsdruck halte ich gerne aus. Ich hoffe, dass die Leute von mir denken, wie man über Bob Dylan in den Sechzigern gedacht hat oder von Ernest Hemingway zu seiner Zeit.

Und was machen Sie dann in Ihren Sechzigern? Die Beine ausstrecken?

Niemals. Ich bin doch Schreiber. Vielleicht schreibe ich Kurzgeschichten. Bücher über Filme. Vielleicht Theaterstücke. Schauen wir mal.

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