13.01.13

Schauspieler

Ben Becker wünscht sich "eigentlich eine Auszeit"

Er liebäugelt mit einer Übersiedlung nach Österreich, aber erst einmal steht der Schauspieler auf der Bühne der Staatsoper. Er singt sogar.

Von Stefan Kirschner
Foto: picture alliance / zb

Mit Ehering statt Totenkopfring: Ben Becker
Mit Ehering statt Totenkopfring: Ben Becker

Den auffälligen Totenkopfring trägt er nicht mehr, dafür einen Ehering: Der Schauspieler Ben Becker hat im vergangenen Jahr seine langjährige Lebensgefährtin Anne Seidel geheiratet. In Österreich, wo es Becker immer wieder hinzieht. Er liebäugelt sogar damit, ins Nachbarland zu übersiedeln.

Momentan aber probt er in seiner Heimatstadt Berlin: Ab dem 15. Januar 2013 ist er für vier Vorstellungen als Pluto in der Operette "Orpheus in der Unterwelt" von Jacques Offenbach zu sehen.

Die Inszenierung von Philipp Stölzl läuft in der Staatsoper im Schiller-Theater. Wir treffen den Schauspieler nach der Probe in der Kantine. Auf dem Weg dorthin singt er ein Lied aus der Operette.

Berliner Morgenpost: Herr Becker, Sie singen auch in "Orpheus in der Unterwelt"?

Ben Becker: Dieses eine Lied. Das reicht mir. Diese Art von Gesang ist ja nicht wirklich meins. Wenn ich den ersten Ton singe, fängt das Publikum an zu lachen. Ich muss mich da sehr konzentrieren, um das durchzuziehen. Aber es soll ja auch komisch sein. Sie haben mich gerade hier auf dem Weg hierher zur Kantine singen gehört; da kann ich das, zu Hause auch, das ist ein bisschen eine Mut-Sache. (Ben Becker zögert etwas) Nee, ich sag das jetzt nicht.

Och, kommen Sie, bitte.

Also, ich finde, ich mach' das schon sehr gut (lacht). Aber es war richtig viel Arbeit.

Es könnte der Beginn einer wunderbaren Zusammenarbeit mit der Opernwelt sein.

Wenn's nach Dr. Flimm geht, ja.

Der Intendant der Staatsoper…

… der liebt das. Er hat mich mit seinem rheinländischen Humor überzeugt und mir Mut gemacht. Wenn ich meinen Gesangspart hinter mir habe, fällt mir ein Stein vom Herzen, dann spiele ich mich frei. Beim Rest des Abends ist dann auch eine gehörige Prise Anarchie dabei. Da ist viel erlaubt, da können wir viel improvisieren. Ich habe auch einen Satz zum neuen Flughafen eingebaut.

Mit Stefan Kurt, Gustav Peter Wöhler und Hans-Michael Rehberg sind noch drei Kollegen vom Sprechtheater dabei.

Das ist das Konzept, dass nur die Hauptdarstellerin eine ausgebildete Opernsängerin ist. Für mich ist diese Produktion an der Staatsoper ganz erfrischend, wenn ich eigene Programme mache, geht es um schwere Sachen, um ernste Themen. Ich beschäftige mich gerade mit Paul Celan, plane zusammen mit dem Klarinettisten Giora Feidman einen Abend über den Dichter. Liebe und Tod, die großen Themen der Kunst, die interessieren mich. Ich hab' zu wenig Zeit, um mich mit Plumperquatsch zu beschäftigen. Vielleicht auch der Grund, warum ich im Fernsehen nicht so stattfinde.

Da machen Sie sich ziemlich rar.

Das ist eine bewusste Entscheidung von mir. Ich nehme es niemandem übel, der es macht. Aber ich kann es mir leisten, darauf zu verzichten. Ich schaue mir das lieber an, als dass ich selbst mitmache.

Wenn Sie Theater spielen, dann treten Sie eher in Hamburg als in Berlin auf. Warum?

Ich liebe das St. Pauli Theater. Und mit meinen eigenen Produktionen gehe ich lieber raus. In Berlin bekommt man so schnell einen auf die Mütze. Da hab ich keine Lust drauf. Aber denken Sie an die Bibel-Lesung, die lief mehrmals im Tempodrom, die Vorstellungen waren ausverkauft. Und ich bin nicht Mario Barth, glücklicherweise.

Meinen Sie nicht, dass Sie auch das Olympiastadion füllen könnten?

Nee, nee, jedem Tierchen sein Pläsierchen.

Welche Bühne würde Sie denn in Berlin reizen?

Das Berliner Ensemble würde mich sehr interessieren. Ich weiß nicht, warum der Peymann noch nicht angerufen hat. Kann er gerne machen. Ich schätze ihn sehr. Ich sehe mich nicht unbedingt bei Castorf oder an der Schaubühne. Aber ich kann nur auf das reagieren, was mir angeboten wird. Im Renaissance-Theater stehe ich immer wieder mal auf der Bühne und ich kann mir vorstellen, dass die Zusammenarbeit mit der Staatsoper fortgesetzt wird. Wahrscheinlich werde ich auch mehr in Österreich machen.

Dort haben Sie auch kürzlich geheiratet. Was schätzen Sie an dem Land?

Künstler haben dort einen anderen Stellenwert. Ich habe vier Jahre bei den Salzburger Festspielen den Tod im "Jedermann" gespielt. Eine Figur, die Furore macht. Die Österreicher mögen mich gern. Kunst ist da viel bedeutender und wichtiger als hier. Ich werde da geliebt, und mittlerweile beruht diese Liebe auf Gegenseitigkeit. Das geht bis zu der Überlegung, nach Österreich umzusiedeln.

Das klingt nach Stadtflucht.

Ich könnte mir vorstellen, für eine Zeit runterzugehen. Aber ich habe hier einige soziale Verpflichtungen, meine Tochter geht auf eine sehr gute Schule, ich möchte, dass sie dort bleibt und nicht in mein Zigeunerleben reingezogen wird. Das ist der Hauptgrund, warum ich mich momentan aus dieser Stadt nicht weg bewege. Eigentlich wäre eine Auszeit mal wieder angesagt.

Hängt das vielleicht mit dem Alter zusammen? Sie gehen auf die 50 zu.

Ich habe mit 18 als Bühnenarbeiter an der Schaubühne aufgehört und mit der Schauspielerei angefangen. Jetzt bin ich 48. Diese 30 Jahre sind eigentlich verflogen. Wenn ich mir überlege, dass ich jetzt noch 25 oder 30 Jahre habe, dann ist es natürlich so, dass ich mich frage: Was fehlt? Was möchte ich noch? Wo will ich hin? Und man reflektiert darüber, was war. Man kommt zu sich und wird auch etwas ruhiger, was den Umgang mit der Außenwelt angeht. Ich komme ja vom Land, also väterlicherseits, bin auf dem Bauernhof groß geworden, und ich merke, dass es mich da wieder hinzieht. Ich habe in Österreich einige Geheimverstecke gefunden. Ich brauche das nicht mehr, dass ich in Berlin vor die Tür gehe und da fährt sofort der D-Zug vorbei.

Dazu passt Ihre Heirat. Es wirkt so, als ob Sie das Familienleben entdecken.

Das musste ich nicht, ich bin immer sehr eng an meiner Familie dran gewesen. Trotzdem kann man ja ab und zu nach draußen laut sein oder mal ein Bömbchen fallen lassen.

Seit der Heirat tragen Sie einen Ehering und nicht mehr den legendären Totenkopfring?

Ja, aber die Tätowierung ist geblieben. Die kannte vorher keiner, weil sie vom Ring verdeckt wurde. Momentan finde ich die Tätowierung verstörender als den Ring, das gefällt mir.

Aber den Ring gibt es noch?

Na klar, der ist nicht weg. Der wird bei mir gehandelt wie der Iffland-Ring. Aber momentan habe ich keine Lust drauf.

Sie treten gewissermaßen in die Fußstapfen Ihres Ziehvaters Otto Sander, haben den Tod im "Jedermann" von ihm übernommen, und Otto Sander hat vor einigen Jahren auch Operette gespielt, den Frosch in der "Fledermaus" an der Komischen Oper.

Otto ist mein größter Lehrer, wie er selber sagt. Der genau guckt, und ich konnte ihm in die Karten schauen, weil ich ihn sehr genau kenne. Meinen Anarchismus habe ich letztlich von ihm. Bei Otto kommt das nur ganz anders rüber – eben wie bei einem englischen Gentleman. Ich musste da als nachfolgende Generation etwas drauflegen. Da kam dann das Enfant terrible, der Punkrocker Becker. Otto ist einer der größten deutschsprachigen Schauspieler unserer Zeit. Wenn man da zur Schule gehen darf und so nah dran ist, dann ist das einfach toll.

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