10.01.13

Film

So tüftelt und tickt Kultregisseur Martin Scorsese

Boxschuhe und Babyfotos: Im Berliner Museum für Film und Fernsehen wird die weltweit erste Ausstellung über den Kultregisseur gezeigt.

Von Peter Zander
Foto: Harry Ransom Center / The University of Texas at Austin

Der Meister bei der Arbeit: Martin Scorsese und sein Kamerateam bei den Dreharbeiten zu „New York New York“ 1977
Der Meister bei der Arbeit: Martin Scorsese und sein Kamerateam bei den Dreharbeiten zu "New York New York" 1977

Nein, er kam nicht selbst vorbei. Martin Scorsese schneidet noch an seinem jüngsten Film "The Wolf of Wall Street". Aber irgendwie reinschauen wollte er dann doch. So ließ er eine Videobotschaft abspielen. In der er sich müht, das Wortungetüm Deutsche Kinemathek halbwegs auszusprechen ("Deudsche Kinämätäk"). Und wie gerührt er sei, dass er hier in einem Haus ausgestellt werde, das von den Nachlässen einer Marlene Dietrich und eines Fritz Lang lebe. Als ob Scorsese nicht selbst eine lebende Filmlegende wäre! Dem Museum für Film und Fernsehen Berlin aber ist damit ein wahrer Coup gelungen: Es kann die erste Ausstellung präsentieren, die jemals zu dem amerikanischen Kultregisseur kuratiert wurde.

Erste Filmskizzen mit elf Jahren

Und dabei kann das Museum auf eine wahre Schatzkammer zurückgreifen. Scorsese ist nicht nur einer der begnadetsten Vertreter des New Hollywood, er ist auch ein ausgesprochener Sammler und Jäger. Einer, der nicht nur Materialien aus eigenen Filmen hortet, sondern sich auch für die Bewahrung des Filmerbes einsetzt. Und also auch jede Menge Fremdartikel hütet. Die Stiftung Deutsche Kinemathek durfte ins Allerheiligste, durfte in sein Büro in Manhattan, wo nicht nur die aktuellen Filme geschnitten werden, sondern auch die Sammlung gehütet wird.

Und sie durften mitnehmen, was immer sie wollten. Dass das Museum in Europa und also weit weg ist, sollte sich dabei als hilfreich erweisen: Würde Scorsese in New York ausstellen, und Interessenten fänden sich dort jederzeit, stünde er, so seine Befürchtung, unter einem Rechtfertigungszwang: Warum wird dieser Filmkünstler berücksichtigt, aber jener nicht? Berlin hatte da durchaus einen Standortvorteil.

Kleiner Wermutstropfen

Es gibt nur einen kleinen Schönheitsfehler: Scorsese ist am 17. November 70 Jahre alt geworden. Zu diesem Jubiläum sollte eigentlich auch die Ausstellung eröffnen. Aber ach, die Mittel des Museums waren für jenes Jahr bereits aufgebraucht. So musste man das, was als großes Präsent gedacht war, ins neue Jahr verschieben. Das Arsenal-Kino im selben Haus aber zeigt sein Begleitprogramm, die große Retrospektive seiner Filme, bereits seit Anfang Dezember und nur noch bis Mitte Februar.

Das aber ist der einzige Wermutstropfen. "Martin Scorsese", so der schlichte Titel dieser Schau, ist eine der besten Filmausstellungen der letzten Jahre. Weil hier ein Oeuvre nicht bloß biographisch abgearbeitet und mit Fotos bebildert wird, sondern weil hier ein seltener und spannender Einblick in eine Werkstatt ermöglicht wird: So tüftelt, so tickt Scorsese.

Wir lernen den privaten Scorsese kennen. Fotos als Baby und als Vater. Die Ahnengalerie seiner italienischen Vorfahren. Und wie all das, das Familiäre, die Geschichte der Einwanderung und auch der italienische Familien-"Ersatz" Mafia in sein Werk Einzug fanden. Zu sehen ist auch das erste Storyboard, das er je konzipiert hat: als Elfjähriger, als er mit Fieber im Bett lag! Bild für Bild malte er da einen Sandalenfilm aus dem antiken Rom, den er im Kopf hatte: "The Eternal City". Als "Marsco"-, also Martin-Scorsese-Produktion, mit Vorspann und allem drum und dran. Schon als Knirps wusste Scorsese, dass und was er einmal machen wollte!

Ewige Kulisse New York

Dann spielt natürlich New York eine große Rolle. Nicht nur Woody Allan ist auf ewig mit dieser Metropole verwurzelt. Scorsese ist hier aufgewachsen, hat hier Film studiert und auch die meisten Filme gedreht. In einem Stadtmodell sind seine Drehorte mit Stecknadeln markiert, so dass man verfolgen kann, wie er die ersten Filme noch in seinem unmittelbaren Kiez, in Little Italy drehte, und wie sich dann der Radius in konzentrischen Kreisen immer weiter auswuchs.

Schließlich sitzt man fast buchstäblich in seinem Büro. Und wird anhand von Storyboards, Drehbüchern mit persönlichen Notizen und Filmausschnitten gewahr, wie genau er seine Filme konzipiert und wie raffiniert Kamera, Schnitt und Musik dabei ineinander greifen. Dass er bei dem Soundtrack seiner Filme vor allem auf eigene Vorlieben zurückgreift, zeigt seine Sammlung alter Single-Platten, die zum Soundtrack seines Lebens wurden und die man in einer Musikecke, in der man sich auf Liegesäcke fläzen kann, in einer Musikecke zu hören kriegt.

Von da aus geht es dann weg vom Filmregisseur hin zum Filmbewahrer. Also zu den Schätzen anderer Regisseure. Da hängen wertvolle Originalplakate alter Klassiker, sind die echten Ballettschuhe aus "Die roten Schuhe" zu sehen. Und eine große Korrespondenz mit Filmemachern wie Andrzej Wajda, Akira Kurosawa und Leni Riefenstahl belegt, wie sich Scorsese 1980 für die Bewahrung des Farbfilms einsetzte. Mit Erfolg: Kodak arbeitete daraufhin an einer verbesseren Haltbarkeit des Farbmaterials. Ganz zuletzt landet man in einem dunklen Raum, in dem auf vier Leinwänden eine zwölf Minuten lange Bild- und Toncollage aus seinen Werken irrlichtert. Und man buchstäblich eintaucht in die Welt des Martin Scorsese.

Scorsese spricht den Audioguide

Rund 600 Exponate und 200 Minuten sind auf 650 Quadratmetern zu erleben. Zu den Highlights zählen wohl Robert De Niros Boxerhose und Boxhandschuhe aus "Wie ein wilder Stier", Leonardo DiCaprios abgewetzte Kleidung aus "Gangs of New York" oder Cate Blanchetts Abendkleid als Katharine Hepburn in "The Aviator". Die Exponate stammen nicht nur aus Scorseses eigener Kollektion. Auch seine langjährige Kostümbildnerin Sandy Powell steuerte Leihgaben bei. Und Robert De Niro, der selber sammelt und sich vertraglich zusichern lässt, dass er all seine Filmkostüme nach Drehschluss erhält.

Auch wenn er gestern nicht selbst vorbei kommen konnte zur Ausstellungseröffnung, ist Scorsese doch präsent: Mit seinem langjährigen Kameramann Michael Ballhaus hat er zum Teil die Audioguides besprochen. Und besteht nicht doch die Hoffnung, dass der Meister einmal selbst vorbeischauen wird? "Gucken wir mal", sagt Nils Warnecke, der die Schau mit Kristina Jaspers kuratiert hat. Und Rainer Rother, der Chef des Museums, spricht verschmitzt von einer Fotoüberwachung an den Kassen: "damit Scorsese nicht unerkannt hier reinschaut".

Museum für Film und Fernsehen, Potsdamer Str.2, Mitte. Tel.: 300 90 30. Di-So 10-18 Uhr, Do 10-20 Uhr. Bis 12. Mai 2013.

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