10.01.13

Depressiver Torwart

Streit zwischen Enke und Theater kommt wohl vor Gericht

Das Maxim Gorki Theater hat den umstrittenen Teil der Inszenierung vorläufig auf Eis gelegt. Trotzdem wird es wohl zum Prozess kommen.

Von Stefan Kirschner
Foto: dpa

Teresa Enke sieht ihre Persönlichkeitsrechte verletzt
Teresa Enke sieht ihre Persönlichkeitsrechte verletzt

Wenn jemand ein Theaterstück über die Bundeskanzlerin schreibt, dann sollte sich der Autor genau überlegen, wen er an ihrer Seite auftreten lässt. Besser keine Verwandten, sondern nur andere wichtige Personen. Denn dass Angela Merkel eine Person des öffentlichen Interesses ist, dürfte unstrittig sein. Aber bei ihrem Ehemann Joachim Sauer könnte der Fall anders liegen, obwohl der seine Frau nicht nur auf den Grünen Hügel nach Bayreuth, sondern gelegentlich auch bei politischen Terminen begleitet. Inwieweit für ihn andere Persönlichkeitsrechte gelten, dürfte juristisch eine spannende Frage sein.

Weil aber Fritz Kater in seinem jüngsten Theaterstück "Demenz Depression und Revolution" sich nicht mit der Regierungschefin beschäftigt, sondern einen an Depressionen erkrankten Leistungssportler im Mittelteil der fast vierstündigen Inszenierung in den Fokus rückt, der zwar nicht genannt wird, aber hinter dem sich der frühere Nationaltorhüter Robert Enke verbirgt, der vor drei Jahren Selbstmord beging, wird die Frage möglicherweise stellvertretend vor Gericht behandelt. Falls es zu einem Prozess kommt.

Vieles deutet darauf hin, auch wenn die Gemengelage derzeit noch etwas unübersichtlich erscheint. Moderate Töne wechseln mit Drohgebärden, je nachdem, wer wen wann wie befragt. Klar ist: Keiner der an dieser Auseinandersetzung Beteiligten möchte zu diesem frühen Zeitpunkt mit Äußerungen an die Öffentlichkeit treten, die später vor Gericht gegen ihn verwendet werden könnten.

Aufzeichnung angefordert

Das dürfte ein Grund sein, warum Armin Petras, der Intendant des Maxim Gorki Theaters, Regisseur und Autor (Fritz Kater ist sein schreibendes Alter ego) des Stückes "Demenz Depression und Revolution", momentan keine Interviews geben möchte. Denn Teresa Enke, die Witwe des Fußballers, lässt prüfen, ob sie gegen die Aufführung klagt. Das Theater hat daraufhin erst einmal Entgegenkommen signalisiert und den umstrittenen zweiten Teil vorläufig von der Aufführung ausgenommen. Das geht relativ problemlos, weil die drei Teile inhaltlich nur über eine Metaebene verbunden sind. Enke-Berater Jörg Neblung hat diese Entscheidung des Theaters "wohlwollend aufgenommen".

Dass Teresa Enke die Uraufführung am vergangenen Sonnabend nicht gesehen hat, wie Neblung gegenüber der Morgenpost einräumte, scheint aus ihrer Sicht nicht maßgeblich zu sein. Sie wurde durch die Berichterstattung in den Medien auf das Theaterstück aufmerksam, sagte ihr Anwalt Heiko Klatt. Er habe vom Henschel Verlag Auszüge aus dem Stück angefordert und vom Theater eine Aufzeichnung der Aufführung. Es sei jedoch offensichtlich, dass das Stück eine Grenze überschreite. "Für die Verletzung des Persönlichkeitsrechts reicht die Erkennbarkeit, der Name müsse nicht genannt werden", sagte Klatt. Dass Robert und Teresa Enke sowie deren ebenfalls verstorbene Tochter erkennbar würden, bezweifle wohl niemand.

Vorwurf der Vermarktung

Die postmortalen Rechte in Bezug auf die Person Robert Enke würden bei dessen Angehörigen liegen, sagte Klatt. Damit sei in erster Linie Teresa Enke gemeint. Insbesondere sie müsse es sich nicht gefallen lassen, dass in der Öffentlichkeit Bezug auf sie genommen werde. Sie sei als ganz normale Privatperson zu behandeln: "Frau Enke stand nicht im Tor der deutschen Nationalmannschaft."

Ob normale Theatergänger beim Besuch dieses Stücks über einen depressiven Leistungssportler sofort an Teresa Enke gedacht haben? Jetzt, nachdem das Ganze medial Wellen schlägt, dürfte kaum einer nicht daran denken.

Der Theaterverlag Henschel Schauspiel sieht die Rechte der Angehörigen nicht verletzt. "Demenz Depression und Revolution" sei kein Stück über Enke, es werde lediglich die Geschichte eines Sportlers erzählt, der am Leistungsdruck zerbreche, sagte Andreas Leusink, der Geschäftsführer des Verlages. Ein Vergleich mit Enke liege nahe, der Fußballer werde vom Autor Fritz Kater alias Armin Petras jedoch lediglich "impliziert, statt ihn zu nennen".

Eine absurde Auseinandersetzung

Neben den Persönlichkeitsrechten sieht Enke-Anwalt Klatt möglicherweise auch Urheberrechte verletzt. Er vermutet, dass Armin Petras beim Schreiben seines Stücks auf die Enke-Biographie des Sport-Journalisten Ronald Reng zurückgegriffen habe. An der Biographie habe aber auch Teresa Enke mitgearbeitet, die Rechte für eine Vermarktung lägen bei ihr. Dass Petras beim Verfassen seines Theatertextes recherchiert hat, leugnet er nicht. Am Ende seines Stückes, das der Januar-Ausgabe der Zeitschrift "Theater heute" beiliegt, bedankt er sich in künstlerisch freier Manier bei den "sportbiographen vom Torhüter und vom radfahrer".

Insgesamt eine recht absurde Auseinandersetzung: Denn wer das Stück gesehen hat, wird kaum auf die Idee kommen, dass hier ein Theater einen Schicksalsschlag kommerziell vermarkten möchte. Das wäre ungefähr so, als ob man Elfriede Jelinek oder Kathrin Röggla unterstellen würde, sich auf Kosten von Natascha Kampusch zu bereichern. Beide Autorinnen hatten sich in Stücken mit dem Schicksal des langjährigen Entführungsopfers auseinandergesetzt. Vielleicht schaut sich Teresa Enke die Videoaufzeichnung der Inszenierung doch mal an. Und könnte dann zum Schluss kommen, dass die Arbeit eigentlich ihre eigene unterstützt: Denn mit ihrer Robert Enke Stiftung setzt sie sich für eine Enttabuisierung der Krankheit Depressionen ein. Nichts anderes tut das Maxim Gorki Theater mit dieser Aufführung.

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