10.01.13

Depressiver Torwart

Streit zwischen Enke und Theater kommt wohl vor Gericht

Das Maxim Gorki Theater hat den umstrittenen Teil der Inszenierung vorläufig auf Eis gelegt. Trotzdem wird es wohl zum Prozess kommen.

Foto: dpa

Teresa Enke sieht ihre Persönlichkeitsrechte verletzt
Teresa Enke sieht ihre Persönlichkeitsrechte verletzt

Wenn jemand ein Theaterstück über die Bundeskanzlerin schreibt, dann sollte sich der Autor genau überlegen, wen er an ihrer Seite auftreten lässt. Besser keine Verwandten, sondern nur andere wichtige Personen. Denn dass Angela Merkel eine Person des öffentlichen Interesses ist, dürfte unstrittig sein. Aber bei ihrem Ehemann Joachim Sauer könnte der Fall anders liegen, obwohl der seine Frau nicht nur auf den Grünen Hügel nach Bayreuth, sondern gelegentlich auch bei politischen Terminen begleitet. Inwieweit für ihn andere Persönlichkeitsrechte gelten, dürfte juristisch eine spannende Frage sein.

Weil aber Fritz Kater in seinem jüngsten Theaterstück "Demenz Depression und Revolution" sich nicht mit der Regierungschefin beschäftigt, sondern einen an Depressionen erkrankten Leistungssportler im Mittelteil der fast vierstündigen Inszenierung in den Fokus rückt, der zwar nicht genannt wird, aber hinter dem sich der frühere Nationaltorhüter Robert Enke verbirgt, der vor drei Jahren Selbstmord beging, wird die Frage möglicherweise stellvertretend vor Gericht behandelt. Falls es zu einem Prozess kommt.

Vieles deutet darauf hin, auch wenn die Gemengelage derzeit noch etwas unübersichtlich erscheint. Moderate Töne wechseln mit Drohgebärden, je nachdem, wer wen wann wie befragt. Klar ist: Keiner der an dieser Auseinandersetzung Beteiligten möchte zu diesem frühen Zeitpunkt mit Äußerungen an die Öffentlichkeit treten, die später vor Gericht gegen ihn verwendet werden könnten.

Aufzeichnung angefordert

Das dürfte ein Grund sein, warum Armin Petras, der Intendant des Maxim Gorki Theaters, Regisseur und Autor (Fritz Kater ist sein schreibendes Alter ego) des Stückes "Demenz Depression und Revolution", momentan keine Interviews geben möchte. Denn Teresa Enke, die Witwe des Fußballers, lässt prüfen, ob sie gegen die Aufführung klagt. Das Theater hat daraufhin erst einmal Entgegenkommen signalisiert und den umstrittenen zweiten Teil vorläufig von der Aufführung ausgenommen. Das geht relativ problemlos, weil die drei Teile inhaltlich nur über eine Metaebene verbunden sind. Enke-Berater Jörg Neblung hat diese Entscheidung des Theaters "wohlwollend aufgenommen".

Dass Teresa Enke die Uraufführung am vergangenen Sonnabend nicht gesehen hat, wie Neblung gegenüber der Morgenpost einräumte, scheint aus ihrer Sicht nicht maßgeblich zu sein. Sie wurde durch die Berichterstattung in den Medien auf das Theaterstück aufmerksam, sagte ihr Anwalt Heiko Klatt. Er habe vom Henschel Verlag Auszüge aus dem Stück angefordert und vom Theater eine Aufzeichnung der Aufführung. Es sei jedoch offensichtlich, dass das Stück eine Grenze überschreite. "Für die Verletzung des Persönlichkeitsrechts reicht die Erkennbarkeit, der Name müsse nicht genannt werden", sagte Klatt. Dass Robert und Teresa Enke sowie deren ebenfalls verstorbene Tochter erkennbar würden, bezweifle wohl niemand.

Vorwurf der Vermarktung

Die postmortalen Rechte in Bezug auf die Person Robert Enke würden bei dessen Angehörigen liegen, sagte Klatt. Damit sei in erster Linie Teresa Enke gemeint. Insbesondere sie müsse es sich nicht gefallen lassen, dass in der Öffentlichkeit Bezug auf sie genommen werde. Sie sei als ganz normale Privatperson zu behandeln: "Frau Enke stand nicht im Tor der deutschen Nationalmannschaft."

Ob normale Theatergänger beim Besuch dieses Stücks über einen depressiven Leistungssportler sofort an Teresa Enke gedacht haben? Jetzt, nachdem das Ganze medial Wellen schlägt, dürfte kaum einer nicht daran denken.

Der Theaterverlag Henschel Schauspiel sieht die Rechte der Angehörigen nicht verletzt. "Demenz Depression und Revolution" sei kein Stück über Enke, es werde lediglich die Geschichte eines Sportlers erzählt, der am Leistungsdruck zerbreche, sagte Andreas Leusink, der Geschäftsführer des Verlages. Ein Vergleich mit Enke liege nahe, der Fußballer werde vom Autor Fritz Kater alias Armin Petras jedoch lediglich "impliziert, statt ihn zu nennen".

Eine absurde Auseinandersetzung

Neben den Persönlichkeitsrechten sieht Enke-Anwalt Klatt möglicherweise auch Urheberrechte verletzt. Er vermutet, dass Armin Petras beim Schreiben seines Stücks auf die Enke-Biographie des Sport-Journalisten Ronald Reng zurückgegriffen habe. An der Biographie habe aber auch Teresa Enke mitgearbeitet, die Rechte für eine Vermarktung lägen bei ihr. Dass Petras beim Verfassen seines Theatertextes recherchiert hat, leugnet er nicht. Am Ende seines Stückes, das der Januar-Ausgabe der Zeitschrift "Theater heute" beiliegt, bedankt er sich in künstlerisch freier Manier bei den "sportbiographen vom Torhüter und vom radfahrer".

Insgesamt eine recht absurde Auseinandersetzung: Denn wer das Stück gesehen hat, wird kaum auf die Idee kommen, dass hier ein Theater einen Schicksalsschlag kommerziell vermarkten möchte. Das wäre ungefähr so, als ob man Elfriede Jelinek oder Kathrin Röggla unterstellen würde, sich auf Kosten von Natascha Kampusch zu bereichern. Beide Autorinnen hatten sich in Stücken mit dem Schicksal des langjährigen Entführungsopfers auseinandergesetzt. Vielleicht schaut sich Teresa Enke die Videoaufzeichnung der Inszenierung doch mal an. Und könnte dann zum Schluss kommen, dass die Arbeit eigentlich ihre eigene unterstützt: Denn mit ihrer Robert Enke Stiftung setzt sie sich für eine Enttabuisierung der Krankheit Depressionen ein. Nichts anderes tut das Maxim Gorki Theater mit dieser Aufführung.

© Berliner Morgenpost 2013 - Alle Rechte vorbehalten
Die Favoriten unseres Homepage-Teams
-
18.05.13Kreuzberg
Karneval der Kulturen 2013 in Berlin – Alles was Sie wissen müssen

Der Karneval der Kulturen hat mit dem obligatorischen Straßenfest am Blücherplatz begonnen. Höhepunkt ist wieder der große Umzug am Pfingstsonntag. Infos zum Fest und die Übersicht der Straßensperrun… mehr...

Die dänische Sängerin Emmelie de Forest hat den ESC gewonnen
08:29Malmö 2013
Eurovision Song Contest - Dänin vorn, Deutschland enttäuscht

Emmelie de Forest war die Favoritin der Buchmacher, und gewann mit ihrem Hippie-Chic tatsächlich den Eurovision Song Contest. Deutschland stürzt mit Euro-Trash-Klängen von Cascada auf Platz 21 von 26. mehr...


Flughafenchef Hartmut Mehdorn will den Airport Tegel bis 2018 offen halten und den BER etappenweise ans Netz gehen lassen. Mit seinen Plänen sind nicht alle Gesellschaftler zufrieden
07:22Hauptstadtflughafen
Was die Aufsichtsratsmitglieder von Hartmut Mehdorn halten

BER-Chef Mehdorn hat sich mit seinen neuen Hauptstadtflughafen-Plänen wenig Freunde gemacht. Besonders die Tatsache, dass er Tegel bis 2018 offen halten will, stößt vielen Politikern sauer auf. mehr...


In der U2 haben am Sonnabend mehrere Männer auf einen schlafenden Jugendlichen eingeschlagen
09:39Kriminalität
Schlägertruppe prügelt in U2 auf schlafenden 17-Jährigen ein

In einer Berliner U-Bahn kam es wieder zu roher Gewalt: Eine Gruppe von mehreren Männern wählte sich willkürlich einen schlafenden Jugendlichen als Opfer, und prügelte wild auf ihn ein. mehr...

Leser-Kommentare Kommentare
Leserkommentare sind ausgeblendet.
Kommentare einblenden
Die Technik der Kommentarfunktion "DISQUS" wird von einem externen Unternehmen, der Big Head Labs, Inc., San Francisco/USA., zur Verfügung gestellt. Weitere Informationen, insbesondere darüber, ob und wie personenbezogene Daten erhoben und verarbeitet werden, finden Sie in unseren Datenschutzbestimmungen

Die Moderation der Kommentare liegt allein bei MORGENPOST ONLINE.
Allgemein gilt: Kritische Kommentare und Diskussionen sind willkommen, Beschimpfungen / Beleidigungen hingegen werden entfernt. Wie wir moderieren, erklären wir in der Netiquette.
blog comments powered by Disqus
 
Top-Thema
title
Start-ups in Berlin

Gründerzeit: Die Serie und das Blog der Berliner Morgenpost.

Video Nachrichten mehr
Der Futiklub Absolutely Ferguson
Zeit für Neues Beckham beendet seine aktive Fußballkarriere
Parlament Bundestag debattiert über Atommüllendlager
Cannes Emma Watson spielt Kriminelle in Coppolas Film
 
Top Bildershows mehr
Jeden Tag

Kopfnoten für Politiker, Manager und Prominente

Willkommen in Berlin

Hurra, ich bin da! Das sind Berlins süße Babys

Fotogalerie

Das sind die Berliner Bilder des Tages

Großeinsatz

Feuer in Berliner Autowaschanlage

 
In eigener Sache
Weitere Morgenpost Angebote