09.01.13

Neuer Tarantino-Film

Für Christoph Waltz kann es nicht mehr besser werden

Im Berliner Hotel de Rome sprach der Schauspieler über "Django Unchained", seine zweite Zusammenarbeit mit Quentin Tarantino.

Von Peter Zander
Foto: 2012 Sony Pictures Releasing GmbH

Wort- und waffengeübt: Christoph Waltz als deutschstämmiger Kopfgeldjäger Dr. King Schultz in Quentin Tarantinos „Django Unchained“
Wort- und waffengeübt: Christoph Waltz als deutschstämmiger Kopfgeldjäger Dr. King Schultz in Quentin Tarantinos "Django Unchained"

Für seinen SS-Oberst in Quentin Tarantinos "Inglourious Basterds" bekam Christoph Waltz vor drei Jahren einen Oscar. Danach zog der bis dahin in Deutschland weilende Österreicher nach Hollywood, um richtig durchzustarten. Gestern war er wieder mit Tarantino in Berlin, um ihren zweiten gemeinsamen Film, den Western "Django Unchained" vorzustellen. Wir wären im Hotel de Rome allerdings beinahe an Christoph Waltz vorbeigelaufen. Weil der Schauspieler mit seinen ungewohnt kurzen Haaren und schwarzer Brille kaum wiederzuerkennen ist. Die Berliner Morgenpost hat mit ihm gesprochen.

Berliner Morgenpost: Herr Waltz, Sie sehen ja völlig anders aus. Ist das schon für Ihren nächsten Film?

Christoph Waltz: Erstens sehe ich nicht anders aus. Und zweitens war's für meinen letzten Film. Weil ich seh' schon wieder anders aus als in meiner letzten Rolle, da war ich nämlich ganz kahl.

Waren Sie denn froh, diesen Wallebart nach "Django" wieder los zu sein?

Ja freilich, unbedingt. Das ist zwar eine Weile ganz angenehm, so was zu tragen, weil man sich nicht drum kümmern muss. Aber dann zwickt das zuweilen und ist auch sonst hinderlich.

Einmal in einem Western mitzuspielen, zu reiten und zu schießen, wurde da ein Kindertraum für Sie wahr?

Aber ja. Wobei ich nie so den Bezug zu amerikanischen Western hatte. Sondern tatsächlich zu den Italowestern. Also genau denen, auf die Quentin jetzt Bezug nahm. Das war genau meine Zeit; als die Spaghettiwestern ins Kino kamen, war ich so 13, 14. Und jeder zweite trug den Django im Titel, auch wenn er im Film gar nicht vorkam. Das war wie eine Marke.

Dies ist Ihre zweite Zusammenarbeit mit Quentin Tarantino. Und in diesem Western wird ganz viel Deutsch gesprochen. Wie groß war Ihr Einfluss aufs Drehbuch?

Das kann ich Ihnen genau sagen, wie groß der war: null.

Aber Sie waren doch schon in die Entwicklung des Drehbuchs miteinbezogen.

Naja, ich habe Quentin vorgelesen. Ich hab's allerdings schon getan, während es im Entstehen war. Da liegt der feine Unterschied. Aber das heißt noch lange nicht, dass ich mich irgendwie hineingemischt hätte. Weil: Ich wäre ja blöd. Ich will ja die Tarantino-Geschichte und nicht meinen alten Käse. Man kann sich auch zurückhalten und muss nicht immer seinen Senf dazugeben. Ich mach das natürlich auch aus Respekt vor der Kunst. Aber ich mach's vor allem aus Egoismus: Ich will Quentins Geschichte. Ich finde es tausendmal interessanter, was wer anderer sagt, als ihm meine eigene Meinung aufs Auge zu drücken. Weil meine Meinung hab ich eh.

Und wenn Tarantino fragt?

Wenn er fragt, sag ich, was ich denke. Aber er fragt gar nicht so oft.

Aber diese ganze Walküre-Geschichte, dass man in dem Western plötzlich die Geschichte von Brünnhilde erzählt bekommt, die ist doch auf Sie zurückzuführen?

Das ist eine andere Geschichte.

Wie haben Sie Tarantino die Nibelungen nahegebracht?

Ich habe Quentin mit in die Oper genommen. In Los Angeles hatte man gerade den gesamten Ring als Zyklus gespielt, das kommt dort nicht so oft vor. Aber bei der "Götterdämmerung" konnte er nicht, bei "Rheingold" wollte er nicht. Bei "Walküre" kam er dann mit, da fehlte ihm aber die Vorgeschichte. Ich hab sie ihm kurz vor dem Vorspiel noch schnell erzählt. Dann ging's los. Quentin wurde immer stiller. Und rückte immer weiter vor. Ich dachte schon, jetzt schläft der ein. Aber er wurde immer bedächtiger. Er hat plötzlich die Analogien zu unserem Film gesehen. Die waren mir gar nicht so klar.

Also haben Sie doch das Drehbuch beeinflusst!

Nee nee. Nicht ich. Wagner! Bedanken Sie sich bei Richard. Das Lustige war, dass die Sklavin in seinem Western schon Broomhilda hieß. Das ist aber eine wunderbare Beschreibung, wie er arbeitet. Er schreibt solche Sachen und plötzlich – huch, passen da lauter Bezüge und Analogien zusammen. Vielleicht weiß er das gar nicht.

Wie war das für Sie, erneut mit Quentin Tarantino zu drehen?

Na wie sieht's denn aus? Sieht's so aus, als hätte ich keinen Spaß gehabt? Es kann nicht viel besser werden. Wenn einem so ein Angebot auf einem silbernen Tablett serviert wird, kann man vor Freude und Seligkeit eigentlich nur in die Knie gehen, alles andere wäre hybrid bis zur Unmöglichkeit. Der Gipfel ist ja schon erreicht, wenn man mit jemanden, der auch noch ein Freund ist, so was machen kann. Da kann man eigentlich nichts mehr wollen.

Es kann nicht besser werden, heißt das nicht auch: Es kann jetzt nur noch schlechter werden?

Das kommt auf das Ausmaß Ihrer Neurose an. Aber ja, es kann immer schlechter werden! Egal ob man nun mit Tarantino arbeitet oder mit Bully Herbig. Ich habe es ja – wie soll ich es ausdrücken? – lange genug miterlebt. Nur weil es mir jetzt gerade gut geht, wäre es verwegen zu behaupten, dass müsse ewig so sein. Ich würde jedem Teenager abraten, irgendwelche Hoffnungen auf Beständigkeit zu geben. In irgendeiner Richtung!

Es gibt schon ein deutliches Davor und Danach in Ihrer Karriere, verbunden mit "Inglourious Basterds". Gewöhnt man sich an dieses Nachher nicht Normalzustand.

Na, ganz die Norm ist es nicht. Erstens habe ich nicht vergessen, wie's mir früher ging. Und zweitens sehe ich, wie es um mich herum anderen, völlig gleichwertig begabten, womöglich sogar noch besseren, erfahreneren Schauspielern als mir geht. Das vergesse ich nicht.

Ist das ein speziell deutsches Problem?

Naja, dass jetzt nur auf den deutschen Kulturkreis oder die Sprache herunterzubrechen, wäre auch wieder zu einfach und à la longue nicht sehr hilfreich. Sie haben völlig Recht, nämlich insofern: Wir haben in Deutschland wirklich herausragende Talente und finanzielle Möglichkeiten, von denen der Rest der Welt träumt. Und doch gelingt es uns nicht, die PS auf die Straße zu kriegen. Das ist schon einen Gedanken wert. Ich kann mich erinnern, wie Kanzler Schröder damals der Meinung war, man müsste Eliteuniversitäten haben. Und dafür einen diesbezüglich lächerlichen Geldbetrag an ein paar Institutionen hinschmiss, in der Hoffnung, dass daraus eine Eliteuniversität würde. Wenn Sie sich andere Eliteuniversitäten in Europa anschauen, dann kommen sie aus dem Schämen gar nicht mehr heraus. Cambridge gibt es beispielsweise seit dem 13. Jahrhundert, und nur zum Zweck der Bildung. Das sind 800 Jahre, das macht man anderswo daraus. Nicht ein paar Euro. Ich glaube, dasselbe ist übertragbar auf unser Kulturleben. Und speziell auf den Film.

"Inglourius Basterds" war eine Nazi-Überwindungsfantasie. In gewisser Weise ist "Django" jetzt dasselbe für die Sklaverei. Wird der Film die Diskussion über das Thema in Amerika verändern?

Eine interessante Frage. Sie müssen dabei eines bedenken: Unterhaltung bedeutet in Amerika etwas ganz Anderes als bei uns. Wir haben diese strikte Trennung zwischen Unterhaltung und Seriosität, da wird das U teilweise verachtet oder gar verurteilt. Das entspricht nicht meinen Vorstellungen, ich würde aber dem, was wir Unterhaltung nennen, auch nie dieses Maß an Ernsthaftigkeit oder Seriosität zuordnen, das es in Amerika hat. Ich war einmal bei einem Abendessen mit sehr wichtigen Persönlichkeiten der Unterhaltungsindustrie zugegen, da ging mir plötzlich mir auf, dass diese Menschen, die wir Unterhaltungs-Bosse nennen würden, Macht haben, politischen Einfluss. Die sitzen mit Barack Obama am Tisch und diskutieren politische Probleme. Okay, bei uns sitzt vielleicht auch der Intendant vom ZDF mit dem Ministerpräsidenten von Rheinland-Pfalz zusammen. Aber in den USA geht es um etwas, was exorbitante ökonomische Ausmaße annehmen kann.

Im ZDF wäre das Thema Sklaverei in einer Italowesternparodie wohl unmöglich.

Entertainment hat in Amerika einen völlig anderen Stellenwert in der Kultur. Umso mehr muss man behaupten, dass dem Entertainment dort eine Verantwortung innewohnt. Ob die jetzt in dem Ausmaß bei "Django Unchained" wahrgenommen wird, wie es unserer Ansicht nach sein müsste, da bin ich mir nicht sicher. Aber bei Quentin ist es so eindeutig ein Kunstwerk, so eindeutig ein ästhetischer Ansatz, dass man das nie mit einer vermeintlichen Realität verwechseln kann. Es ist Licht auf Fläche. Es ist eine Realität, aber eine ästhetische.

Vor drei Jahren bekamen Sie für "Inglourious Basterds" einen Golden Globe. Jetzt sind Sie für "Django Unchained" wieder für einen nominiert. Bereiten Sie sich darauf vor?

Aber sicher. Ich schau, dass mein Hemd gebügelt ist.

Sie treten in diesem Jahr gegen Leonardo DiCaprio an, der für denselben Film nominiert ist. Blockiert man sich da gegenseitig?

Sehen Sie, das ist eine ganz verkehrte Terminologie, wenn Sie mir gestatten. Ich trete gegen niemanden an. Okay, man ist gemeinsam nominiert, in derselben Kategorie, und nur einer kann die Statue erhalten. Aber ich sehe das nur als sportiven Wettbewerb an, im Gegenteil. Ich fände es prima, wenn Leo den Globe bekäme. Das Vergnügen, das er mir bereitet hat während der Arbeit, ist sowieso nicht in Gold aufzuwiegen. Ein Globe macht da keinen Unterschied.

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