06.01.13

Fernsehkritik

Trotz Historie fehlt dem Adlon-Film die Atmosphäre

Das ZDF hat die Geschichte der Berliner Luxusherberge verfilmt. In dem Dreiteiler spielen alle Stars mit, die das deutsche TV zu bieten hat.

Von Manuel Brug
Foto: Kempinski

Der Quadriga auf dem Brandenburger Tor über die Schulter geschaut: das Hotel Adlon am Pariser Platz im Abendlicht.

8 Bilder

Warum eigentlich nicht einzig die Adlons? Eine Mainzer Aufsteigerfamilie im kaiserlichen Berlin. Für deren 17-Millionen-Reichsmark-Unternehmung einer neuen Luxusherberge am Pariser Platz sich Wilhelm II. höchtsderoselbst verwandte. Und das nicht nur, weil er sich hier mit La Belle Otéro und anderen Edelkurtisanen verlustieren konnte und die Bäder so viel schöner waren als im alten Stadtschloss. Unter den Linden 1: Donnerwetter, tadellos. Mit allem technischen Schnickschnack. 1907 pünktlich eröffnet – und nicht anderthalb Jahre verspätet, wie justament in unserer tristen Gegenwart das Waldorf Astoria als jüngste Berliner Fünf-Sterne-Plus-Absteige.

Das wäre doch genau der Stoff, aus dem TV-Träume sind. Glanz und Gloria, die große, glitzernde Welt an der Spree zu Gast. Immer drücken freilich die Schulden. Louis, der Sohn von Gründer Lorenz, lässt sich scheiden. Hedda hat ihn bezirzt. Louis Junior flirtet mit dem Stummfilmvamp Pola Negri.

Den Krieg überlebt das Adlon als Märchenschloss

Die Nazis mögen das Haus nicht, ihnen ist da zu viel internationales Flair; sie saufen lieber im Kaiserhof. Dann gibt es Tote und Tragik, den Krieg überlebt das Adlon als fast unzerstörtes Märchenschloss zwischen den Endkampfruinen. Es wird nun als Lazarett genutzt, und im Keller dreht man sich im letzten Tanz auf dem Vulkan. Bis das legendäre Weinlager, wahrscheinlich durch plündernde Russen, in Brand gerät.

Im unbeschädigten Seitenflügel trotzt später die DDR der deutschen Teilung mit einem bescheidenen Beherbergungsbetrieb im Schatten der Mauer, der erst 1984 abgerissen wird. Aber 1997 steht das zweite Adlon im Stil der neuen Prächtigkeit wieder am Platz, freilich als Fälschung, wie vieles im nostalgiesüchtigen Nachwende-Berlin.

Rein und raus, auf und ab im Fahrstuhl der Geschichte

Ist das nicht genug Historie? "Menschen im Hotel", rein und raus, auf und ab im Fahrstuhl der Geschichte. Eine von Vicky Baum bis hin zu amerikanischen Serien und "Hotel Sacher, Portier" abgelutsche Metapher, doch seit wann zählt im deutschen Fernsehen Originalität?Für einen zehn Millionen Euro teuren, 103 Sprechrollen und 2000 Komparsen aufbietenden, 285 Minuten langen Event-Dreiteiler aus dem Hause Oliver Berben reicht das offenbar nicht. Da muss noch mehr Herz und Schmerz, Drama und Getöse, Politik und Pathos rund um den berühmten Elefantenbrunnen in der Lobby her, den man angeblich sogar beim Wiederaufbau im Bauschutt gefunden hatte.

Trotz eines eindrucksvollen, nicht nur in Alterskautschukmaskenüberzeugenden Staraufgebots und Uli Edel als solidem Konfektionsarrangeur auf dem Regiestuhl geht es einem mit der TV-Fiktion wie mit der echten Kopie: Sie atmet nicht, hat kaum Aura. Die Proportionen sind schief, weil zu viel hineingequetscht wurde, innerhalb der historischen Traufhöhe noch ein weiteres Geschoss samt ausgebautem Dach Platz finden musste.

So bewegen sich jetzt durch die in Babelsberg erst nachgebaute und dann abgefackelte Hotelhalle, die auch real immer Kulisse für große Auftritte war und heute noch in neuer Form wie ein Filmset wirkt, nicht nur Wilhelm Zwo, Thomas Alva Edison und Josephine Baker, sondern neben den Adlons auch die Mitglieder der fiktiven Familie Schadt. Die hat das Drehbuchdatum untrennbar mit dem des Hotels verwoben, die zentrale Frauenrolle Sonja wird sogar "Das Phantom vom Adlon" gerufen.

Dabei: Josefine Preuß aus "Türkisch für Anfänger"

Sofia ist einer der Gründe, sich "Das Adlon. Ein Hotel, zwei Familien, drei Schicksale", anzusehen, obwohl der Spannungsbogen über fünf Generationen, vier deutsche Staatsformen und zwei Weltkriege nur schwer zu halten ist.

Zum Glück hat die Miniserie neben vielen Stars dieses zum Hinschauen verführende Gesicht, das der 26-jährigen Josefine Preuß. Die kennt man unter Umständen schon, als Comedy-Girl aus "Türkisch für Anfänger", doch hier, wo ihr im Alter zwischen 15 und 55 Jahren mit Kolportagewucht deutsche Geschichte in die faszinierend wandlungsfähigen Züge geschrieben wird, begegnet man einer so wirkungsmächtigen wie disziplinierten jungen Schauspielerin, die in manchen, gern auch verletzlichen Momenten den Mäuschencharme der jungen Volksbühnen-Muse Kathrin Angerer aufblitzen lässt und am Ende sogar innig anrührt.

Wirklich gut in seiner Zurückhaltung ist auch Wotan Wilke Möhring als Sofias lange verleugneter, weil nicht standesgemäßer Vater, der vom Adlon-Pagen zum dem Wohl der Gäste zuliebe sogar sein Leben opfernden Concierge aufsteigt. Am Ende des an Sofias hölzern-hysterisch auf die Familienehre bedachten Schwiegereltern (Sunnyi Melles, Thomas Thieme) schwer tragenden und damit schwächsten ersten Teils wird ihre bereits gealterte Mutter, die sich mit einer lesbischen US-Fotografin (sapphische Karikatur: Christiane Paul) nach Amerika abgesetzt hat, von Anja Kling übernommen. Sie macht nicht viel, aber was sie macht, das sitzt.

Heino Ferch ist natürlich auch dabei

Der zunächst unterbeschäftigte Heino Ferch als Patron Louis gewinnt mit den Plastikfalten an Kontur, während die wie stets den Fernseher zum Strahlen bringende Marie Bäumer als seine zweite Frau Hedda nur Twenties-Roben vorführen und Tanztee-Gigolos auswählen darf.

Rosemarie Fendel ist altersabgeklärt in dieser Geschichte von drei Töchtern ohne anwesende Mutter die 93-jährige Sofia im bemüht angeklebten Epilog; ein lauterer Ken Duken ist deren große Liebe. Er spielt den Part, der hier noch fehlt, den des rebellischen Juden.

"Im Adlon wird man nicht nur übernachten; im Adlon darf man auch sein", so die Maxime von Louis, die durch den Film allerdings nicht wirklich beglaubigt wird.

"Downton Abbey" ist das nicht

Es wird, anders als in der viel raffinierter übliche Unten-oben-Klischees durchspielenden englischen Serie "Downton Abbey", kaum hinter Oberflächen geblickt, nicht hinter die der Charaktere noch die des Hotels. Das bleibt flauer Hintergrund. Denn schon folgt der nächste welthistorische Hakenschlag, der auch persönliche Folgen haben muss.

Die Moral ist schlicht: Mag draußen vor der Drehtür die Welt in Trümmer gehen, drinnen halten sie zusammen, die Menschen als Hotel sind eine durch den als Mantra gemurmelten Namen "Adlon" aneinandergeschweißte Schicksalsgemeinschaft. Selbst der böse Nazi Jürgen Vogel kommt zur Götterdämmerung des Dritten Reiches hierher zurück und sorgt dafür, dass das "Adlon" wie Walhall brennt. Mehr große Fernsehoper geht nicht.

ZDF, 6., 7. und 8. Januar 2013, jeweils 20.15 Uhr

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