02.01.13

Sänger

Max Raabe will den "gehobenen Blödsinn kultivieren"

Der Berliner Max Raabe hat mit Annette Humpe eine neue CD produziert. Im Interview spricht er über das Alter und das kindliche Gemüt.

Von Steffen Rüth
Foto: Gregor Hohenberg

Max Raabe will auch mit seinem neuen Album „Für Frauen ist das kein Problem“ an die Zwanzigerjahre erinnern
Max Raabe will auch mit seinem neuen Album "Für Frauen ist das kein Problem" an die Zwanzigerjahre erinnern

Der Berliner Bariton Max Raabe ist seit einem Vierteljahrhundert mit alten Liedern gut im Geschäft. Vor zwei Jahren hat der Leiter des Palast Orchesters eine Art zweite Karriere begonnen: Mit dem Album "Küssen kann man nicht alleine", das er zusammen mit Annette Humpe komponierte und textete, stand Raabe wochenlang in den Top Ten und durfte sogar bei "Wetten dass…" auftreten. Nun legen die beiden gebürtigen Westfalen – Raabe kommt aus Lünen, Humpe aus Hagen – nach: "Für Frauen ist das kein Problem" heißt die neue CD. In den Konzerten tritt er stilgerecht mit Frack und Fliege auf, zum Interview erscheint er leger in brauner Cordhose und mit grünem Tweed-Jackett.

Berliner Morgenpost: Herr Raabe, Sie treten in Opernhäusern und Philharmonien ebenso auf wie in großen Kongresshallen – wie schaffen Sie das, den Spagat zwischen Hochkultur und Popmusik so locker hinzubekommen?

Max Raabe: Na, Sie sind ja leicht zu beeindrucken. Nur, weil man in einem feinen Haus spielt und sich einen Frack anzieht, macht man ja noch keine Hochkultur. Mit unserem Repertoire geht es uns immer darum, gehobenen Blödsinn zu kultivieren. Wenn wir auf der Bühne einem Stoffhuhn mit der Pfanne auf den Kopf hauen oder zwei Trompeten in die Badewanne stecken, dann ist das einfach unterhaltsam. Manche Leute fragen sich vielleicht, was das soll, aber alle Kinder und Menschen mit kindlichem Gemüt, die quietschen vor Vergnügen.

Wie steht es denn um Ihr eigenes kindliches Gemüt?

Ist vorhanden. Sogar schwer ausgeprägt.

In welchen Situationen merken Sie das?

Gerade vorhin noch. Ich bin durch die Stadt spaziert, es gibt hier solche Straßenpoller, die sich hoch und runterschieben, wenn ein Bus durch will. Als ich sah, wie zwei Kinder auf die Poller sprangen, als sie gerade wieder hochfuhren, musste ich sehr mit mir kämpfen, nicht auf den dritten, noch freien, Poller zu hüpfen.

Sie werden jetzt 50. Wie verträgt sich dieses Alter mit dem Kind im Raabe?

Mich lässt das ganze kalt. Ich fühle mich besser denn je. Mich stört lediglich der Zusatz: Max Raabe "Klammer auf fünfzig Klammer zu". Wenn ich nicht darauf angesprochen würde, wäre mir dieser Tag nicht weiter aufgefallen.

Sie werden den Tag ignorieren?

Ach, ich werde ein paar Menschen zu mir nach Hause einladen. Ich weiß noch, als mein Vater 50 wurde, und alle vorbeikamen: Die Feuerwehrkapelle, der Schützenverein. Meine Mutter trug Schnapsgläschen auf dem Tablett herum, und ich war mir sicher, dass kein Mensch auf der Welt so alt werden kann wie mir mein Vater damals vorkam. Jetzt bin ich selbst so alt.

Im Lied "Für Frauen ist das kein Problem" singen Sie: "Für alles haben sie eine Creme und sehen immer gut aus." Was tun Sie denn für die Schönheit?

Ich habe ein sehr überschaubares Beautyprogramm: Kernseife und Niveacreme. Ich habe meinen Frieden mit meinem Aussehen gemacht. Gottseidank bin ich beruflich eher auf den Abend ausgerichtet, da ich mich erst im Laufe des Tages im wahrsten Sinne des Wortes entfalte. Für Matineen wäre ich gänzlich ungeeignet.

"Für Frauen ist das kein Problem" ist wieder so ein Schlagwort-Satz wie schon "Küssen kann man nicht alleine". Wie kommen Annette Humpe und Sie auf so etwas?

Manchmal verlieben wir uns in einen Satz, oder wir versuchen, ein Stück zu einem bestimmten Thema zu machen. Wir möchten schöne Geschichten erzählen, und zwar mit Sätzen, die alle wasserdicht sind. Wir entwickeln da keinen Liederzyklus, sondern nehmen Polaroids auf.

Was heißt wasserdicht?

Die Aussagen müssen stimmen, und die Wortbilder dürfen nicht schief sein. In "Ich bin nur gut, wenn keiner guckt" wollte ich erst darüber singen, wie ich unbeobachtet vom Fünf-Meter-Brett springe. Aber das hätte nicht gepasst, weil im Schwimmbad immer irgend jemand zuschaut.

Man kann und soll Ihre Songs keinem Geschlecht zuordnen. Singen Sie Unisex-Lieder?

Den Begriff "unisex" mag ich nicht, das klingt so nach David Beckham. Aber es stimmt, ich müsste schwer überlegen, welcher dieser Songs nicht von einer Frau gesungen werden könnte. "Für Frauen ist das kein Problem" schreit sogar nach einer Interpretin. Das Lied ist eine Ode darauf, was Frauen alles können und drauf haben. Das Leben war auch ohne diese Hymne möglich, aber mit dieser Hymne, die es vorher ja nicht gegeben hat, ist es schöner.

Sie singen "will man es genau, dann fragt man eine Frau".

Ist doch eine schöne Aussage. Und es reimt sich. Man darf sich den Satz ruhig auf der Zunge zergehen lassen (lächelt).

Sind Sie ein Mann, der die Frauen versteht?

Nein, ich gehöre zu den Männern, die bei Frauen immer nur Rätsel suchen und finden. Bei seelischen Verwicklungen fällt es mir aber leichter, mich mit weiblichen Freunden auszutauschen als mit männlichen. Mit Männern muss man immer was trinken gehen, und alles wird so nach der Devise "Ist doch halb so schlimm" abgehandelt. Wenn man Freundinnen fragt, sind die Ratschläge in der Regel immer etwas dezidierter.

Dabei wirken Sie nicht wie jemand, der bereitwillig über sein Seelenleben spricht.

Das ist richtig. Es liegt mir viel mehr, das nicht zu tun. Doch wenn… dann mit Freundinnen.

Wann genau stand eigentlich fest, dass Sie ein zweites Album mit Frau Humpe machen?

Als das erste Album fertig war, haben wir schon gesagt, falls die Leute es mögen und falls es gut läuft, dann machen wir noch eins. Wir haben ziemlich nahtlos weitergemacht und uns schon im Sommer 2011 zum Ideenaustausch wiedergetroffen. Annette sagte, dass es nicht einfacher würde bei der zweiten Platte und der Druck größer sei, aber das habe ich gar nicht so empfunden. Ich fand den Druck vor "Küssen" viel größer, da ich mich in dieses Projekt verliebt hatte und mich sorgte, ob die Leute dieses Verliebtsein teilen würden

Der poppige Max Raabe kam sehr gut beim Publikum an.

Es war ja auch nie als Neuerfindung gedacht, sondern immer als Fortführung und Weiterentwicklung. Nicht nur, weil ich parallel das Originalrepertoire weiter singe. Sondern auch, weil ich das, was ich an der Haltung in den Liedern der 20er- und frühen 30er-Jahre schätze, nun auch in meinen eigenen Stücken wiederfinde: Diese kleinen Geschichten, den Humor, den schrägen Blick auf die Welt, die Brüche und die Doppeldeutigkeiten.

Hat sich Ihr Publikum seit dem eigenwilligen Liebeslied "Küssen kann man nicht alleine" verändert?

Es ist jünger geworden. Leute kommen jetzt wegen des Albums ins Konzert und lernen dort ganz beiläufig die alten Stücke kennen.

Es heißt, Sie selbst hätten sich schon als Drittklässler in die Oper verliebt.

Die Liebe zur Oper kam erst mit 16 oder 17. Als kleines Kind fand ich es wahnsinnig toll, als ich zum ersten Mal ein Sinfonieorchester hörte. Diese Ansammlung von Stimmen, die alle auf den Punkt kommen, dieser himmlische Radau, das hat mich mitgerissen.

Wurden Sie in der Schule schräg angeguckt wegen Ihrer Vorlieben?

Nein. Ich war kein schratiger Einzelgänger, der sich abgekapselt hätte in seiner eigenen, musikalischen Welt. Ich hatte genug Interessen mit den anderen gemeinsam. Ja, ich hatte Freunde. Danke der Nachfrage (lacht).

Sie treten immer wieder in Nordamerika auf, auch in Israel, Russland oder Skandinavien waren Sie. Sind Sie ein Weltstar?

Ach, nein. Nur weil jemand in vielen Ländern der Welt erfolgreich Konzerte gibt, ist er noch lange kein Weltstar. Das muss auch nicht sein. Ich habe hier alles, was ich brauche.

Das Album "Für Frauen ist das kein Problem" erscheint am 11. Januar

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