27.12.12

Filme über Sklaverei

Duell - Spielberg und Tarantino treten gegeneinander an

Beide Kultregisseure haben einen Film über die Abschaffung der Sklaverei gedreht. Sie könnten aber unterschiedlicher nicht sein.

Von Peter Zander
Foto: BMO

Steven Spielberg lässt die Vernunft siegen: In „Lincoln“ mit Daniel Day-Lewis und Sally Field stellt er die Abschaffung der Sklaverei historisch genau nach (ab 24.1., l.). Quentin Tarantino dagegen lässt in „Django Unchained“ die Waffen sprechen. Jamie Foxx macht Jagd auf Sklavenhalter (ab 17.1., r.)
Steven Spielberg lässt die Vernunft siegen: In "Lincoln" mit Daniel Day-Lewis und Sally Field stellt er die Abschaffung der Sklaverei historisch genau nach (ab 24.1., l.). Quentin Tarantino dagegen lässt in "Django Unchained" die Waffen sprechen. Jamie Foxx macht Jagd auf Sklavenhalter (ab 17.1., r.)

In einem Western würden sie sich direkt gegenüberstehen. Die Hutkrempen würden tiefe Schatten über ihre Gesichter werfen, die Augen würden sich zu schmalen Schlitzen verengen, durch die sie sich fixieren würden, die Finger nervös am Colthalfter spielen. Auf der einen Seite stünde der 66-Jährige mit dem silbrigen Bart, korrekt gekleidet und ohne jeden Schweißtropfen, auf der anderen Seite der 49-Jährige mit sicher heraushängendem, durchnässtem Hemd und fahrigen Bewegungen. Steven Spielberg gegen Quentin Tarantino.

Einen solchen Besetzungs-Coup bleibt uns Hollywood schuldig. Aber dennoch sind die beiden so unterschiedlichen Kultregisseure gerade gegeneinander angetreten. Beide haben einen Film über eines der dunkelsten Kapitel der amerikanischen Geschichte, die Sklavenhaltung, gedreht. Das ist natürlich reiner Zufall. Und Spielberg und Tarantino aneinander zu messen, hieße natürlich, Äpfel mit Birnen vergleichen.

7:5 bei den Golden Globes

Und doch starteten Spielbergs "Lincoln" und Tarantinos "Django Unchained" in den USA innerhalb von drei Wochen, bei uns kommen sie im Abstand von acht Tagen in die Kinos (am 24. und 17. Januar). Und so konkurrieren die beiden Filme dann doch direkt miteinander an. An den Kinokassen. Bei den Golden Globes, wo sie mit sieben ("Lincoln") und fünf Nominierungen ("Django Unchained") als Favoriten gelten. Und auch bei den Oscars, deren Nominierungen am 10. Januar bekannt gegeben werden, werden sie sich unweigerlich in die Quere kommen.

Dabei könnten die beiden Werke unterschiedlicher nicht sein. "Lincoln" ist nicht etwa, wie der Titel es vermuten lässt, ein Biopic, eine Filmbiographie also, die das ganze Leben des 16. Präsidenten der USA rekapituliert; der Film handelt lediglich von seinen letzten vier Monaten – und seinem wichtigsten Anliegen: die Abschaffung der Sklaverei. Dazu musste die Verfassung um einen 17. Zusatzartikel erweitert werden, für diesen Beschluss aber brauchte es eine klare Zweidrittelmehrheit im Repräsentantenhaus. Und die war, in den letzten Tagen des amerikanischen Bürgerkrieges durchaus nicht wahrscheinlich.

Zwei Kindheitsträume erfüllt

"Lincoln" funktioniert über weite Strecken also wie ein Politthriller. Wie man versucht, 20 Stimmen von wankenden oder gar gegnerischen Politikern zu erhaschen. Oder, wie es einmal markant heißt, die "größte Entscheidung des 19. Jahrhunderts mittels Korruption" zu erlangen. Daniel Day-Lewis stellt diesen Lincoln genau so dar, wie man ihn sich aus zahlreichen Abbildungen vorstellt. Er lässt alle früheren Darsteller derselben Rolle verblassen.

Und dem pulitzer-preisgekrönten Drehbuchautor Tony Kushner gelingt es, das ganze Wesen dieses Mannes in eine Spanne von nur wenigen Wochen zu komprimieren. Die Amtsanmaßung, alles, was seinem Ziel entgegenstand, auszuhebeln, was tatsächlich diktatorische Züge aufwies; aber auch das Drama in den eigenen vier Wänden, als sein Sohn in den Bürgerkrieg ziehen will, in dem er schon zwei Söhne verloren hat.

Kein Film, ein Staatsakt

Spielberg erfüllte sich damit einen Kindheitstraum. Seit er im Alter von vier Jahren erstmals vor der Statue im Lincoln Memorial sah, habe er über "diesen Mann auf dem Stuhl nachgedacht", ließ der Regisseur verlauten. Wohl gerade deshalb ist "Lincoln" nicht bloß ein Film geworden. "Lincoln" ist ein Staatsakt. Alle Bilder, meisterhaft ausgeleuchtet von Spielbergs Dauerkameramann Janusz Kaminski, wirken wie erlesene Gemälde, jeder Dialog wie in Stein gemeißelt. Es geht diesem Epos ein wenig wie dem deutschen Hitler-Drama "Der Untergang": Alle Zitate sind garantiert belegt und von Historikern verbürgt; darüber hinkt indes ein wenig die filmische Dramaturgie. Und wenn am Ende jeder, aber auch wirklich jeder Abgeordnete im Kongress mit Namen aufgerufen wird und sein "Ja" oder "Nein" verkündet, dann werden die zweieinhalb Stunden des Films doch ziemlich lang.

Für die US-Amerikaner ist dies eine Geschichtslektion, an der kein Schulkind vorbeikommen wird. Für den europäischen Zuschauer aber sind die vielen Fakten und Figuren doch eher verwirrend. zu detailreich und bedeutungsschwer. Die Schwarzen bleiben dabei, das ist nicht ohne Ironie, lediglich Statisten. Warum der Präsident unbedingt die Sklavenhaltung beenden wollte, das kann uns auch Herr Spielberg nicht wirklich verraten. In einer Schlüsselszene mit seiner (natürlich schwarzen) Dienerin gibt sein Lincoln zu, dass er "deine Leute" gar nicht kenne. Und letztlich nichts von ihnen wisse.

Western mit vielen deutschen Worten

Von ganz anderem Kaliber ist da Tarantinos "Django Unchained". Auch Tarantino hat sich damit einen Kindheitstraum erfüllt: einmal einen Western zu drehen. Der Filmmaniac kann wahrscheinlich gar keine eigenen Filme drehen. All seine Werke sind letztlich Remakes trashiger Kinoware aus den wilden sechziger, siebziger Jahren. Selbst sein bislang größer Hit "Inglourious Basterds" war nur die Mainstream-Veredelung eines billigen Italo-Werks von 1978.

Und auch "Django" ist kein Unbekannter. Sergio Corbuccis Spaghettiwestern von 1966 wurde so etwas wie ein Synonym auf das ganze Genre. Kaum ein Italo-Western, der danach nicht einen Django im Titel trug, auch wenn gar keiner darin vorkam. Tarantino aber dreht mit einer einzigen kleinen Besetzungs-Idee den ganzen Film in eine andere Richtung und auf eine politische Ebene: indem sein Kopfgeldjäger Django (Jamie Foxx) ein Schwarzer ist, der – zwei Jahre vor dem Bürgerkrieg, sechs Jahre also vor der Zeit, in der "Lincoln" spielt – Jagd auf weiße Sklaventreiber macht. Großer Vorzug gegenüber Spielberg: Hier entscheiden nicht Weiße über das Schicksal der Schwarzen, hier nimmt ein Schwarzer das selbst in die Hand.

Sklavenhalter, die Nazis von gestern

Wie üblich, ist Tarantino dabei nicht zimperlich. Sein entfesselter "Django" ist einmal mehr eine einzige Gewaltorgie, in der das Blut nur so spritzt. Und einmal mehr kombiniert er diese schwer erträglichen Exzesse mit köstlichem Dialogwitz, wenn Django von einem deutschen Kopfgeldjäger namens Dr. King Schultz (eine Paraderolle für Christoph Waltz) ins Gewerbe eingeführt wird.

Man muss diesen Film unbedingt im Original sehen, weil nicht nur Waltz' Pferd Fritz heißt, sondern wahnsinnig viel deutsch gesprochen wird und einer Sklavin mit dem absonderlichen Namen Broomhilda erklärt wird, auf welcher teutonischen Sage dies beruht. Die Nibelungen im amerikanischsten aller Filmgenres unterzubringen, das kann wohl nur einem Tarantino einfallen. Es ist aber auch mal schön, wenn ein Deutscher in einem US-Film nicht der Bösewicht ist, sondern auf der richtigen Seite steht.

Eine Überwindungsfantasie

Gerade durch die Besetzung mit Christoph Waltz freilich wird die konzeptionelle Ähnlichkeit zu "Inglourious Basterds" überdeutlich. War jener Film eine blutrünstige Nazi-Überwindungsfantasie, in der Juden sich bitterlich an Hitler und seinen Schergen rächten, so bestraft hier ein ehemaliger Sklave eine halbe Nation für den faulen Grundstock ihres Wohlstands, die Ausbeutung und Malträtierung der Schwarzen. Eine Aufarbeitung und Bewältigung historischer Traumata, die so politischen Kontent erhält und doch mit jeder Fiber liebevolles Trashkino ist. Und auch nicht mehr sein will.

Man sieht: "Lincoln" und "Django" haben wenig miteinander zu tun. Der eine versucht, mit historischer Genauigkeit eine Zeit wiederauferstehen zu lassen, die der andere mit aller Leidenschaft in den Orkus der Geschichte schleudert. Beide Filme aber können wunderbar nebeneinander bestehen. Im Zweifel sollte man sich Tarantinos dreiste Satire allerdings erst nach der bierernsten Geschichtsstunde von Spielberg anschauen. Dann funktioniert der Western auch als Erholung von der großen Kunstanstrengung.

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