23.12.12

Ethnologie

Der Weihnachtsmann stammt eigentlich aus China

Morgen kommt der Weihnachtsmann. Aber wer ist das eigentlich? Ein Gespräch mit einem, der es wissen muss: dem Ethnologen Thomas Hauschild.

Von Andreas Rosenfelder
Foto: dpa

Zu Weihnachten gehört der Baum und der Weihnachtsmann: Hier scheint sich der Mann mit dem Wallebart selbst eine Tanne zu sichern
Zu Weihnachten gehört der Baum und der Weihnachtsmann: Hier scheint sich der Mann mit dem Wallebart selbst eine Tanne zu sichern

Jeder hat so seine Vorstellung vom Weihnachtsmann. Aber wo kommen die her? Wir besuchen einen, der es wissen muss: Thomas Hauschild hat das Buch "Der Weihnachtsmann - Die wahre Geschichte" geschrieben. Sein Büro in Charlottenburg liegt im Erdgeschoss. Auf der Kommode ist eine Schlacht aus dem Siebenjährigen Krieg nachgestellt, mit Zinnsoldaten. Die hat ihm seine Großmutter geschenkt, als er noch ein Kind war. Dem Gast bietet Hauschild den Polsterstuhl am Schreibtisch an, "das einzige Erbstück meiner Mutter". Auf dem Tisch stehen Weihnachtsmänner aus Schokolade, außerdem ein chinesischer Glücksgott aus Porzellan, der ihnen verdächtig ähnlich sieht. Wir befinden uns im Reich eines Ethnologen.

Berliner Morgenpost: Das Klischee verlangt, dass sich Ethnologen in ihren Gegenstand hineinversetzen, als Eingeborene unter Eingeborenen leben. Wie geht das beim Weihnachtsmann, den es ja gar nicht gibt?

Thomas Hauschild: Manchmal habe ich schon das Gefühl, ich habe die Maske auf und mich kitzelt der Kunstfaserbart. Vor langer Zeit habe ich einmal Weihnachtsmann gespielt, in einem Kinderheim, in alten Bundeswehrstiefeln.

Berliner Morgenpost: Was haben Sie gelernt?

Hauschild: Die Stiefel dürfen auf keinen Fall wie Straßenschuhe aussehen. Kleine Menschen gucken auf die Füße, die erkennen Erwachsene an den Schuhen. Das machen wir nicht als Erwachsene, außer wir sind Italiener. Die Glaubwürdigkeit hängt an der Kappe und an den Stiefeln.

Berliner Morgenpost: Welche Rolle spielt die Kappe?

Hauschild: Die ist das Erkennungsmerkmal. Die Schuhe sind der Schwachpunkt, die Kappe ist eindeutig. Und das ist auch das Merkmal, das um die Welt wandert, das bei Betriebsfesten in China und anderswo getragen wird.

Berliner Morgenpost: Man darf also nicht spüren, dass der Weihnachtsmann nicht echt ist.

Hauschild:Wenn die Maskerade zu überzeugend ist, ist das auch unheimlich. Wie bei dem berühmten Weihnachtsmanndarsteller im Kaufhaus des Westens in Berlin, der sich wirklich so einen weißen Bart gezüchtet hat. Die Kinder sind aber Figuren gewöhnt, die Maske tragen und Kunstbart. Man kann machen, was man will, als Santa-Darsteller bleibt man immer ein bisschen abgründig.

Berliner Morgenpost: Dass der Weihnachtsmann ins Haus kommt, das gab es doch nur in einem untergegangenen Großbürgertum.

Hauschild:Ich habe auch gedacht, das gibt's nicht mehr. Ich war dann überrascht, dass überall diese großen Dienste sind, die in der Weihnachtszeit Tausende von Terminen machen. Das geht durch alle Schichten. Letztlich braucht man ein bisschen Geld dafür, aber die dreißig Euro haben dann doch eine Menge Leute.

Berliner Morgenpost: Aber der Weihnachtsmann ist ein Fremder. Der dringt in die Familien ein, stört sogar ein bisschen, irgendein verkleideter Student.

Hauschild: Der bringt alles durcheinander. Er entzieht den Eltern die Verantwortung für die Geschenke, zieht die Liebe der Kinder auf sich, aber auch die Angst. Das ist der Sinn vieler Rituale, dass sie erst einmal auflockern, und am Ende finden sich alle in neuen Rollen wieder. Vorher gibt's aufgeregte Leute, die alle Schenker sind. Hinterher gibt es Beschenkte und keinen Schenker.

Berliner Morgenpost: Generationen von Ethnologen sind nach Papua-Neuguinea gefahren, um Schenkrituale zu erforschen. Warum haben die das Weihnachtsfest übersehen?

Hauschild: Diese Beobachtung verschärft sich noch, wenn man bedenkt, dass die Lebensumstände vor hundert Jahren, als die Ethnologie in Gang kam, in Afrika und Europa nicht so verschieden waren. Die sanitären Verhältnisse etwa, das war nicht so ein himmelweiter Unterschied. Es war aber leichter, in Afrika das ganz andere zu vermuten, weil die Entfernungen so riesig waren. Jetzt kommen wir darauf, dass das Eigene eine ziemliche Exotik enthält.

Berliner Morgenpost: Der Konsens unter aufgeklärten Menschen ist, dass der Weihnachtsmann nicht existiert. Trotzdem tut man so.

Hauschild: Das ist postmoderne Religion. Man will religiös sei. Ob man es wirklich ist, ist eine andere Frage.

Berliner Morgenpost: Man will, dass es Weihnachten ist, dass die Kerzen leuchten.

Hauschild: Dann ist es auch einfach da. Und in dem Augenblick gibt's auch einfach den Weihnachtsmann.

Berliner Morgenpost: Der Weihnachtsmann sieht so aus, wie man sich Gott vorstellt: alter Mann, weißer Bart.

Hauschild: Ja. Das ist eine Figur, die bei den Mongolen der Alte Gott heißt. Von dem hat der Weihnachtsmann deutliche Züge. Ewig jung und trotzdem alt, dieses Kindchenschema, das Konrad Lorenz beschrieben hat. Ein Weihnachtsmann hat ein ganz eigenartiges Gesicht, weil die Stirn viel zu hoch ist. Auch das Knubbelige und die dicken Backen: Das ist eigentlich ein Kind, und dieses Kind ist ganz alt und total fröhlich. Es hat keine Angst vorm Sterben. Vielleicht ist der Weihnachtsmann der Vorbote dieses Gottes, von dem Heidegger 1966 gesprochen hat, als er sagte: Vielleicht kann nur noch ein Gott uns retten.

Berliner Morgenpost: Über Götter darf man nicht ungestraft lachen. Der Weihnachtsmann ist eine Witzfigur.

Hauschild: Er kann auch strafen und unangenehm werden. Der hat genug Tiefe, obwohl die Schokoladenindustrie ihn fast kaputt gemacht hätte. Die meisten wissen ja gar nicht mehr, dass der Weihnachtsmann schlägt. Diese Figur hat das Ende der schwarzen Pädagogik überlebt, aber gleichzeitig kommt sie mir vor wie eine Reserve der schwarzen Pädagogik. Wenn es wieder ein bisschen enger wird in der Welt und die Heizungen runtergedreht werden müssen, wer weiß, wie dann wieder die Rute ins Spiel kommt.

Berliner Morgenpost: Religion ist ein wichtiger Schauplatz für globale Konflikte geworden. Seltsamerweise lässt man den Weihnachtsmann bis jetzt in Ruhe.

Hauschild: Es hat immer wieder Versuche gegeben, ihn hinzurichten. 1952 haben französische Bischöfe in Dijon eine Weihnachtsmannverbrennung angeordnet, weil sie das satthatten, dass diese Figur mit ihrem Konsumismus so vordringt in Frankreich. Und letztes Jahr hat es einen Mord gegeben in Tadschikistan, wo ein junger Mann unterwegs war zu Verwandten, um Weihnachtsmann zu spielen. Von Islamisten aufgedrehte Jugendliche haben den erstochen auf offener Straße. Aber in den größten Teilen der Welt ist das eine unangreifbare Figur. Dem flickt man nicht am Zeug.

Berliner Morgenpost: Sie behaupten, dass der Weihnachtsmann in seiner typischen Gestalt aus China kommt. Eine Kränkung für den Westen: Erst wandert die Wirtschaftskraft nach China ab und jetzt auch noch der Weihnachtsmann.

Hauschild: Es ist grauenhaft, aber es ist einfach so. Die Ähnlichkeit mit dem chinesischen Gott des langen Lebens, Shou Xing, ist zu offensichtlich. Shou Xing ist diese Figur mit haushohem Kopf, langen weißen Haaren, knorrigem Stab und roter Robe. In deutschen Chinarestaurants steht er oft im Schaufenster.

Berliner Morgenpost: Wir dachten immer, Coca-Cola hätte den Weihnachtsmann erfunden.

Hauschild: Es gibt chinesische Nationalisten, die das auszubeuten versuchen. Ein Wissenschaftler behauptet, zusammen mit dem Rezept für einen bitteren Kräuterauszug sei auch die Idee von Shou Xing in den Westen gekommen. Das hätte zur Herausbildung von Coca-Cola und der berühmten Santa-Claus-Reklame geführt. Die Idee ist vollkommen irre.

Berliner Morgenpost: Aber der westliche Weihnachtsmann ist tatsächlich eine Kopie?

Hauschild: Es ist ganz deutlich, dass die asiatische Ausprägung älter ist als das Christentum. Wie bei anderen Erfindungen, Schießpulver etwa, geht die Drift von Ost nach West, weil da früher Staatenbildung stattgefunden hat. Wer was kopiert hat, ist egal, auch das chinesische Wirtschaftswunder gehört ja uns allen.

Berliner Morgenpost: Ist der Weihnachtsmann ein Unternehmer? Immerhin verteilt er Waren.

Hauschild: Es gibt einen chinesischen Witz: Was haben Shou Xing und Santa Claus gemeinsam? Antwort: Sie sind Mitarbeiter derselben Firma. Denn sie betreiben Express-Service mit Just-in-Time-Lieferung, und ihre Kunden sind ausschließlich Kinder.

Berliner Morgenpost: Es handelt sich also um einen globalen Konzern?

Hauschild: Grenzüberschreitend, mit Lufttransport, und das schon vor hundertfünfzig Jahren. Fehlt nur der Gewinn.

Berliner Morgenpost: Dann taugt er vielleicht als Symbolfigur für die neue Kapitalismuskritik: Menschlichkeit statt Profit.

Hauschild: In Amerika gibt es diese kernigen, bösen Nikoläuse, Cranky Claus etwa, Irre, die sich hinter der Maske verstecken und Leute ermorden. Der Weihnachtsmann lässt sich nicht in den Dienst von Gutmenschentum stellen. Diese Figur ist einfach spröde. Deswegen hat sie so lange überlebt und wird vielleicht noch manches überleben.

Berliner Morgenpost: Der Weihnachtsmann ist eine Winterfigur. Bei uns heißt es schon lange, dass es keine richtigen Winter mehr gibt. Alle wünschen sich weiße Weihnachten, dann herrscht Tauwetter.

Hauschild: Die Verzauberung findet ja auch wirklich statt, wenn alles mit Schnee bedeckt ist, diese völlige Veränderung der Welt. Aber der Winter kann schnell ins Bedrohliche zurückkippen. Man muss nur an den Winter 1988/89 denken, der extrem hart war und an dem letztlich die DDR zerbrochen ist. Man kann sich auch vorstellen, was passiert, wenn das vorsintflutliche Energienetz in den USA einmal einbricht an Weihnachten. Entweder wir entdecken neue Möglichkeiten der Energieausbeute oder der schonenden Bündelung von Energie, oder wir schaffen es nicht. In beiden Fällen gebe ich dem Weihnachtsmann große Chancen. Einmal aus Nostalgie, wenn es ein neues Energiebarock gibt, in dem sich vielleicht auch die Kriege reduzieren lassen. Wenn wir dagegen in ein hochtechnisiertes Mittelalter zurücksacken, werden die Winterbräuche wieder wichtig werden, als Rückversicherung handfester Natur.

Berliner Morgenpost: Was lehrt uns die Geschichte des Weihnachtsmanns?

Hauschild: Das ist schon ein Gott der Dauer, der eine Hoffnung formuliert: Wollen wir doch mal versuchen, alles so hinzukriegen, dass es weitergeht, auch über unseren Lebenslauf hinaus. Man investiert und kriegt vielleicht gar nichts zurück. Man kann nur hoffen. Man verbirgt sogar ein bisschen, wo die Investition herkommt. Der Geist der Gabe, wie Marcel Mauss das gesagt hat. Da liegt die optimistische Botschaft, aber nicht sehr eindeutig. Und es sind auch keine politischen Lehren daraus ableitbar.

Berliner Morgenpost: Als Ethnologe erforschen Sie Schenkrituale. Hilft das nicht beim Auswählen von Weihnachtsgeschenken?

Hauschild: Nein, ich kriege es auch nicht besser hin. Es geht immer ums Schenken, nicht um die Sache selbst. Deswegen werden Geschenke ja verpackt, damit sie einander gleich sind. Aber mit der Sache, die sich dann entblättert, verrät man etwas von sich. Es hat immer mit einem Risiko zu tun und ist mit einer gewissen Schüchternheit verbunden. Ich habe heute das Geschenk für meine achtjährige Tochter eingepackt und bin beherrscht von dem Gedanken: Wird ihr das jetzt gefallen? Es kann vollkommen missraten. Dieses Risiko einzugehen, dafür steht der Alte.

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