22.12.12

Kino

Wie Jesus bei Eiseskälte durch Berlin wandelt

Florian David Fitz legt mit "Jesus liebt mich" sein Regiedebüt vor und spielt darin auch die Titelrolle. Wir sind mit ihm spazieren gegangen.

Von Peter Zander
Foto: Reto Klar

Die „Jesus“-Haare sind wieder ab: Florian David Fitz lächelt trotz eisiger Temperaturen vor dem Bode-Museum
Die "Jesus"-Haare sind wieder ab: Florian David Fitz lächelt trotz eisiger Temperaturen vor dem Bode-Museum

Heute treffen wir uns mit Jesus. Aber er scheint sich mit Petrus gerade nicht so gut zu verstehen. Jedenfalls ist es eisig kalt, und aus dem wolkenverhangenen Dezemberhimmel fällt etwas Graupelschnee. Aber Florian David Fitz kann schlechtem Wetter, dazu später mehr, Gutes abgewinnen. Als wir, überpünktlich, am Samstagmorgen auf der Monbijoubrücke ankommen, ist Florian David Fitz, noch pünktlicher, schon da.

In seinem neuen Film "Jesus liebt mich" kommt er, als Christus, zurück auf die Welt, um zu sehen, ob sie schon bereit ist für die Apokalypse. Für den Film hat er sich die Haare und einen Bart wachsen lassen. Und, soviel darf man auch als Mann sagen: Nie sah er besser aus. Die Haare sind inzwischen wieder ab, der Bart ist deutlich gestutzt.

Narbe vom Geländerrutschen

Heute trägt Fitz einen Kapuzenpullover, und als er sich die Kapuze überzieht, ist er kaum noch zu erkennen. Zu sehen sind noch seine Bartstoppeln, unter die sich - Fitz ist gerade 38 geworden - ein paar erste graue Härchen verirrt haben, und die Nase mit der markanten Narbe, die nicht etwa von einer schlagenden Verbindung stammt, sondern vom Geländerrutschen in der Kindheit, das in einer Glasscheibe endete.

Einen Spaziergang an der Spree hat der Schauspieler vorgeschlagen. Hier, nur wenige Fußschritte vom Bodemuseum entfernt, hat er mal für eine Folge der Krankenhauskultserie "Doctor's Diary" gedreht. Die Ecke hat er bis dahin noch nicht gekannt, sie war ein blinder Fleck auf seiner Berlin-Karte. Deshalb wollte er sie sich entdecken. Und ist mit "dem Simon" hier entlangspaziert.

Zwei Münchner in Berlin

"Der Simon", das ist Simon Verhoeven, der mit Fitz "Männerherzen" Teil Eins und Zwei gedreht hat. Der Simon ist, wie der Fitz, eigentlich Münchner, der sich jedoch berufsbedingt ziemlich häufig in Berlin aufhält. Sie haben einfach ein bisschen "geschnackt" über das Leben, das könne man nämlich sehr gut mit Verhoeven: übers Leben schnacken. Schon komisch, dass die beiden sich dafür extra in Berlin treffen müssen. Sie wollten einfach mal testen, wie weit man am Ufer entlanglaufen kann. Und waren überrascht: Der Weg führt bis Charlottenburg.

"So weit", schmunzelt Fitz, "sind wir aber nicht gekommen. Simon wäre ja fast mal Profifußballer geworden, hat sich aber diverse Verletzungen zugezogen und läuft deshalb nicht gern so weit." Sardonisches Grinsen: "Sind wohl erste Abnutzungserscheinungen." Wir werden heute allerdings auch nicht so weit gehen. Zu kalt.

100 Quadratmeter Berlin

Längst haben wir die Friedrichstraße überquert und schlendern den Schiffbauerdamm entlang, vorbei am Berliner Ensemble Richtung Spreeufer. Und obwohl es Samstag ist, sind wir fast die einzigen auf der Straße. Immer noch entdeckt sich Fitz die Stadt gern. Quasi seine zweite Heimat. Als er "Doctor's Diary" drehte, immerhin drei Staffeln lang, hat er sich immer eine Produktionswohnung gemietet, und immer dieselbe. Hotels mag er nicht auf lange Zeit. Also hat er möbliert gewohnt: "Ich bin ganz gut darin, mit ein paar wenigen Sachen ein Zuhause herzustellen." 100 Quadratmeter Altbau in Prenzlauer Berg.

Wir sollen aber bitte bloß nicht schreiben, wo genau das sei. Denn es gäbe immer "so Leute", die das sofort nachrecherchieren würden. Wir sind da jetzt an einem wunden Punkt angelangt. Schon zwei Mal nämlich hat eine offensichtlich verwirrte Frau dem Schauspieler vor eben dieser Wohnung aufgelauert. Sie hat auch wiederholt sein Management kontaktiert und behauptet, sie sei von ihm schwanger.

Ärger mit einer Stalkerin

Und, besonders obskur: Bei der Berlin-Premiere von Detlev Bucks Kehlmann-Verfilmung "Die Vermessung der Welt" im Oktober stand sie plötzlich am roten Teppich, mit einem kleinen Jungen, der ihm eine Karte mit einem aufgeklebtem Milchzahn überreichte. "Scheiße", entfuhr es dem verblüfften Star, "was will die denn hier?" Ruhm hat offensichtlich seinen Preis.

Der Fall ging gerade durch die Medien. Fitz, hieß es da ziemlich aufgeregt, werde gestalkt. Das ist ihm ziemlich peinlich. "Mich hat diese mediale Aufrgegung sehr erstaunt", sagt er dazu nur knapp: "Dadurch wurde es größer, als es eigentlich ist. Denn so schlimm war es nicht." Mehr will er dazu auch nicht sagen. Aber würde er ernsthaft überlegen, nach Berlin zu ziehen, wenn er sich hier bedrängt fühlen würde?

"Ich mach's verkehrt herum, nicht?"

Ja, er sucht hier gerade nach einer Zweitwohnung. Fitz ist ja so etwas wie ein Fossil: Früher musste, wer im deutschen Film was sein wollte in München leben. Heute muss man dafür in der Hauptstadt wohnen. "Ja, ich mach's verkehrt herum, nicht?", findet er selbst. Er ist aber nicht des Berufs wegen nach München gezogen, er ist ja da aufgewachsen. Und das sei auch ganz schön: In Berlin treffe er immer Leute aus dem Business, dass sei dann immer nur "semi-privat". In München, das gibt er zu, trifft man niemanden mehr. Das habe auch was Schönes. Dennoch sucht er jetzt nach einer festen zweiten Bleibe in Berlin. Das Nomadendasein liegt ihm nicht so.

Florian David Fitz, Jahrgang 1974, gehört zu dem Münchner Fitz-Clan um seine Cousine zweiten Grades, Lisa Fitz, und den Cousin Michael, ebenfalls Schauspieler. Er gehört nicht zu dem Berliner Fitz-Clan um Peter Fitz und dessen Sohn, der auch Florian heißt. Wegen ihm hat sich der Münchner Florian den David zugelegt, als Unterscheidungsmerkmal. Heute ärgert er sich ein bisschen darüber. Er ist ja auch längst der Bekanntere. Aber jetzt muss er dazu stehen.

Festspiel für Fitz

Gerade ist Hauptsaison für Fitz. Er hat, wie man so sagt, einen Lauf. Erst war er als Mathematiker Carl Friedrich Gauß in Detlev Bucks Kehlmann-Verfilmung "Die Vermessung der Welt" zu sehen. Gerade ist er in dem Trickfilm "Hüter des Lichts" als Synchronsprecher für Jack Frost zu hören. Wie passend: der Mann, der den Winter bringt. Schon hat er seinen nächsten Film abgedreht, mit dem bezeichnenden Titel "Da geht noch was". Und jetzt kommt, vier Tage vor Heiligabend, "Jesus liebt mich" ins Kino, in dem Fitz nicht nur die Titelrolle spielt - sondern erstmals auch Regie geführt hat.

Es war wein weiter Weg bis hierher. Lange hat Florian David Fitz kleine bescheidene Partien spielen müssen. Und hat eine Weile August Diehl beneidet, für alle Rollen, die dem angeboten wurden. Aus Frust hat sich Fitz dann einfach hingesetzt und selbst ein Drehbuch geschrieben. Natürlich mit dem Hintergedanken, die männliche Hauptrolle zu spielen. Wobei er darauf nicht insistiert hätte, wenn das dem Projekt geschadet hätte. Dann aber kam alles auf einmal. Erst die Krankenhausserie "Doctor's Diary", die schnell zum Kult wurde und in der er als Dr. Marc Meyer das Arschloch und Charmeur zugleich war.

Millionenerfolg dank Dauerregen

Und dann "Vincent will meer", sein Drehbuch, das tatsächlich mit ihm verfilmt wurde. Als der ins Kino kam, im April 2010, passierte das kleine Wunder, weshalb Fitz sich noch heute über schlechtes Wetter freuen kann. "Am Starttag waren es 20 Grad, da geht keiner ins Kino, da wollen alle den ersten Frühling genießen." Aber dann hat es sechs Wochen lang geregnet. Und bald hatten eine Million Zuschauer den Film gesehen. Erfolg, sagt er, da mag noch ein bisschen der Mathematiker in ihm stecken, sei Arbeit, Fortüne plus Wetter.

Beim Deutschen Filmpreis 2011 war Fitz gleich zwei Mal nominiert. Als Drehbuchautor. Und als Schauspieler. Gewonnen hat er den Darstellerpreis, "das war mir auch der wichtigere, das ist ja mein eigentlicher Beruf." Aber dann bekam "Vincent will meer" völlig überraschend auch noch die Goldene Lola für den Besten Film. "Fick die Henne", sagte der damals 36-Jährige vor laufender Kamera. "Das wäre der Moment für eine klassische Florian-Rede gewesen." Was wäre denn eine klassische Florian-Rede? "Die Leute zu fragen: Jetzt wollt ihr alle, dass ich den Preis kriege, aber liebt Ihr mich auch noch nächstes Jahr?"

Ein Hauch von Größenwahn

Seitdem kommen Angebote, die auch an August Diehl gehen könnten. Es kam auch das Angebot, Jesus zu spielen. Fitz hat dafür auch wieder am Drehbuch mitgeschrieben, eine Adaption des Romans von David Safier. Am Ende hat er auch die Regie übernommen. Sich selbst in der Hauptrolle zu inszenieren, und gleich noch als Messias: Ist das ein Hauch von Größenwahn? Fitz lacht. "Schon viele haben Jesus gespielt", sagt er, "und es werden auch noch viele Jesus spielen." Das Ganze sei ja auch nur eine liebevolle Parodie, in der Jesus übrigens nicht nur die andere Wange hinhält, sondern auch mal zurückhaut.

Ob Weihnachten dafür der richtige Starttermin ist? "Gott sei Dank geht so was bei uns", meint er. "Da mögen sich einige Leute aufregen, aber da rollen keine Köpfe." Er spielt auf den Mohammed-Film an, der vor kurzem zu einem Aufschrei bei Islamisten führte. Fitz ist ganz froh, dass "wir laizistisch geprägt sind und die Aufklärung hinter uns haben." Glaube dürfe nicht erzwungen werden, wenn die Leute dennoch glaubten, sei das umso wertvoller. Der Islam sei einmal wesentlich liberaler gewesen als das Christentum, das sei aber schon lange her. "Ich bin froh, dass unsere Religion Humor heute aushält."

Die Gretchenfrage

Nun müssen wir natürlich eine Frage stellen, die sich jeder Christus-Darsteller gefallen lassen muss. Die Gretchenfrage: Wie hältst du's mit der Religion? Nein, er schüttelt den Kopf, nicht in dem Sinn, dass er an einen ordnenden Gott glaube, mit dem er reden könne. "Aber ich mag den Gedanken, dass es ein Schicksal gibt und alles einen Sinn hat." Früher, ja, da sei er in die Kirche gegangen.

afür hätten die Eltern schon gesorgt. Die betreiben zwar ein Hotel und konnten selbst nie gehen. Aber sie haben sonntags immer daheim angerufen und geprüft, ob die Kinder auch auf dem Weg seien. "Anfangs sind wir auch noch brav hin, später wurden die Besuche aber immer kürzer, kamen wir nur bis zum Spielplatz. Am Ende gingen wir nur noch zur Kommunion hing, um nicht lügen zu müssen."

Die Ideen kommen beim Gehen

Wir sind jetzt kurz vor dem Hauptbahnhof und überlegen, ob wir rechts abbiegen und uns am Hamburger Bahnhof bei einem Tee aufwärmen sollen. Aber dann entscheiden wir uns dagegen: Frische Luft tut gut. Und als wäre es abgesprochen oder als säße Fitz noch immer auf dem Regiestuhl, reißt plötzlich der Himmel auf und wirft ein paar Sonnenstrahlen ab. Also gehen wir über die Fußgängerbrücke und laufen auf der anderen Seite der Spree zurück. Ist Fitz ein Spaziergänger? "Klar, ich hab ja einen Hund." Der ist allerdings heute nicht mit dabei.

Als Kind habe er das Spazierengehen oder Wandern mit der Familie so gehasst wie den Kirchgang. Heute ist er lieber in Bewegung als lang zu sitzen. "Wenn ich etwa beim Drehbuchschreiben festhänge und nicht weiter weiß, dann gehe ich joggen. Bewegung hilft, Denken ist ein physischer Prozess. Wenn man im Fluss ist, fällt einem mehr ein."

Das Gerede um den Frauenschwarm nervt ihn

Jetzt nimmt Fitz die Kapuze ab, endlich können wir ihm direkt in die Augen sehen. Die Haare sind ein bisschen verstrubbelt, das stört ihn aber nicht. Er überlegt nicht gern, wie er aus dem Haus gehen kann, obwohl das immer häufiger nötig wäre. In München ist er diesen Sommer mal barfuß zum Paketdienst gelaufen, er läuft gern barfuß, aber dann hat ihm in seiner eigenen Straße ein Kameramann mit dickem Objektiv aufgelauert. Ein tiefer Eingriff in seine Privatsphäre. Und die ist ihm heilig.

Das ganze Gerede, ob er Single ist und wen er auf welcher Party busselt, dazu möchte er am liebsten gar nichts sagen. Auch nicht zu dem Etikett, das an ihm klebt: der Frauenschwarm. "Sobald ich darüber rede, ist das wieder ein Thema. Nee, nee, das will ich nicht." Er habe sich freigeschwommen. "Und die Frauen wollen mich ja auch nicht nur als Dr. Marc Meier sehen. Das ist denen auf Dauer auch zu wenig."

Manchmal sieht er "gekotzt" aus

Wird er denn angesprochen auf der Straße? Fitz beißt die Zähne zusammen und nickt zaghaft. "Wenn du unterwegs bist, erkennt man so einen Rhythmus. Du gehst vorbei und merkst, da verstummt ein Gespräch. Du gehst weiter und hörst, jetzt wird gekichert oder getuschelt. Dann haben sie dich erkannt. Und dann kommt manchmal jemand und fragt nach einem Autogramm." Oder nach einem Foto. "Ja, seit es Handys gibt, ist es für alle anstrengender geworden. Aber die meisten sind sehr nett."

Wir passieren gerade den Reichstag, erstmals auf der ganzen Strecke sind auch ein paar andere Passanten auf der Straße und wie auf ein Stichwort gucken sich zwei ältere Damen um mit so einem Blick, den auch wir sofort als einen erkennenden identifizieren. Sie verstummen aber nur, mehr trauen sie sich nicht. Fitz grinst erleichtert. Eigentlich sei das ja auch okay, sogar ganz nett, wenn die Leute etwas mit ihm verbinden. Und die Leute würden es auch verstehen, wenn man mal "wie gekotzt" aussieht und nicht fotografiert werden möchte.

Der Bammel vor dem Filmstart

Wir kommen langsam zum Bodemuseum zurück. Es ist ein guter Tag für Florian David Fitz. Das Wetter war nicht so gut - das bringt ihm ja zuweilen Glück. Er war in Bewegung. Und wurde fast nicht erkannt. Nun gibt es nur noch dieses leise Unwohlsein, wie wohl der Film ankommen wird. Als Schauspieler dreht man ein paar Wochen an einem Film. Als Regisseur baue man Jahre daran, wie an einem Haus, und am Ende weiß man nicht, ob da auch jemand reingehen will.

Diese Ungewissheit wird ihm ein bisschen auf die Festtagsstimmung schlagen. Was kann da eigentlich noch kommen, nachdem man sich selbst als Messias inszeniert hat? Ein Achselzucken. Ob er noch einmal Regie führen will, darüber denkt er jetzt noch nicht nach: "Warten wir erst mal ab," lacht er, "kann ja sein, dass sich das keiner anschaut und keiner will, dass ich weitere Filme drehe."

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