22.12.12

Film

Was Regisseur Ang Lee Berlin zu verdanken hat

Oscar-Preisträger Ang Lee verrät, warum sein neuer Kinofilm "Life of Pi - Schiffbruch mit Tiger" seine bislang größte Herausforderung war.

Von Peter Zander
Foto: dpa

Zwei in einem Boot: Nach einem Schiffbruch sieht sich der junge Patel (Suraj Sharma) in einem Rettungsboot mit einem wilden Tiger wieder
Zwei in einem Boot: Nach einem Schiffbruch sieht sich der junge Patel (Suraj Sharma) in einem Rettungsboot mit einem wilden Tiger wieder

Das Buch galt, mal wieder, als unverfilmbar. Sitzt darin doch ein Junge ganz allein auf dem weiten Ozean mit einem wilden Tiger im Boot.

Ang Lee hat sich dennoch daran gemacht. Der Erfolgsregisseur ("Sinn und Sinnlichkeit", "Brokeback Mountain") hat daraus ein knallbuntes Märchen gemacht und dabei sein eigenes Spektrum mit 3D und digitalen Effekten erweitert.

"Life of Pi" feierte Premiere in Berlin und kommt am 2. Weihnachtsfeiertag in die Kinos. Die Berliner Morgenpost hat mit dem taiwanesischen, in Amerika lebenden Oscar-Preisträger gesprochen.

Berliner Morgenpost: Sie haben "Life of Pi – Schiffbruch mit Tiger" hier in Berlin vorgestellt. Was bedeutet das für Sie? Sie wurden hier ja für das Weltkino entdeckt.

Ang Lee: Berlin ist tatsächlich die Stadt, die mich auf die Weltkarte gebracht hat. Ich habe hier meinen allerersten Film vorgestellt, 1992. Das war "Tui Shu", der sonst nie außerhalb Taiwans gezeigt wurde. Er lief damals im Forum, da haben ihn aber auch nicht viele gesehen. Es war entsetzlich kalt, es schneit immer in Berlin. Aber es war mein erstes Festival, und ich war überwältigt.

Berliner Morgenpost: Ihr nächster Film "Das Hochzeitsbankett" lief hier dann schon im Wettbewerb – und gewann den Goldenen Bären.

Lee: Und ich hatte solchen Schiss. Ich hatte einen Film in Amerika gedreht, der nur für ein taiwanesisches Publikum gedacht war. Ich hatte keine Ahnung, ob das sonst irgendjemand versteht und, es war ja eine Komödie, ob irgendjemand darüber lachen würde. Und dann dieser Erfolg. Das hat mein Leben verändert.

Berliner Morgenpost: Sie sind dann aber nur noch einmal zur Berlinale gekommen, mit "Sinn und Sinnlichkeit". Danach nie wieder. Wieso?

Lee: Ganz ehrlich? Ich fühlte mich nicht ganz behaglich.

Berliner Morgenpost: Aber dafür gab's doch gleich noch mal einen Goldenen Bären.

Lee: Stimmt. Ich sollte dankbar sein. Ich sollte wirklich einmal zur Berlinale zurückkehren.

Berliner Morgenpost: Herr Lee, es gibt Regeln im Filmbusiness, die besagen: Drehe niemals mit Kindern. Und: Drehe niemals mit Tieren. Sie haben beides gemacht.

Lee: ... und dann auch noch auf engstem Raum. Es ist wirklich schwierig, so etwas an den Mann zu bringen. Besondern, wenn Tom Hanks nicht mitspielt. Aber ich schätze, genau das hat mich herausgefordert.

Berliner Morgenpost: Und als wäre das nicht schon genug, haben Sie auch noch in 3D gedreht. Obwohl der Stoff nicht gerade nach solchen Effekten schreit.

Lee: Seit hundert Jahren war Kino immer eine flache Leinwand. Das war für mich unheimlich spannend: Wie verändert 3D unsere Wahrnehmung? Nehmen wir Filme jetzt anders wahr? Wir sind erst am Anfang, diese Sprache zu lernen und zu begreifen. Ich traute ganz oft meinen eigenen Augen nicht. Aber Lernen bedeutet ja eigentlich, neue Fragen zu stellen. Die Antworten sind dabei gar nicht so wichtig. Eigentlich war ich ein wenig wie dieser Junge: Ich trieb ganz allein in einem weiten Ozean voller Fragen. Und musste sehen, dass ich nicht untergehe.

Berliner Morgenpost: Muss man quasi noch mal von vorn anfangen, wie ein Erstklässler, der das Alphabet lernt?

Lee: Man muss zumindest alles in Frage stellen. 3D bietet uns scheinbar mehr Realität. Aber obschon die Dinge plastischer wirken, können wir sie nicht berühren. Damit werden sie eigentlich abstrakter als vorher. Das war anfangs nicht einfach, so zu arbeiten. Ich hatte immer das Gefühl, ich könnte meinen eigenen Augen nicht trauen.

Berliner Morgenpost: Wim Wenders hat nach "Pina" gesagt, er könne nur noch in 3D filmen. Wie ist es bei Ihnen? Ist das Ihre neue künstlerische Ausdrucksweise?

Lee: Ich denke schon. Nach diesem Film fühle ich mich weit sicherer mit dieser Technik. Aber die Sprache ist noch immer neu für mich. Ich weiß jetzt zwar, wie ich das machen muss, aber ich habe noch keine Ahnung, wie die Leute darauf reagieren werden. Das wird wohl noch eine Zeit lang brauchen. Und bislang ist das Vertrauen in diese Technik noch nicht sehr ausgeprägt.

Berliner Morgenpost: Ihr Film hat keinen Platz für Tom Hanks. Sie haben aber auch keinen jüngeren Nachwuchsstar besetzt, sondern einen unbekannten Inder. Noch ein Risiko?

Lee: Manchmal ist es riskanter, jemanden zu besetzen, der schon mehr definiert ist. Ich wollte, dass sich das Publikum mit diesem Jungen identifiziert. Und nicht den Schauspieler in einer Rolle bewundert. Pi sollte letztlich jeder von uns sein.

Berliner Morgenpost: Der Tiger ist komplett im Computer entstanden. Ihr armer Hauptdarsteller hatte also gar nichts auf diesem Boot, was er anspielen konnte.

Lee: Ich habe versucht, so weit wie möglich reale Elemente zu benutzen, bevor ich Computeranimation eingesetzt habe. Aber wir könnten den Jungen natürlich nicht mit einem echten Tiger ins Boot setzen.

Berliner Morgenpost: "Schiffbruch mit Tiger" handelt von spirituellen Themen. Ist es nicht ironisch, dass wir uns jetzt nur über Technik unterhalten?

Lee: Aber die Technik stellt ja unsere Wahrnehmung auf eine neue Probe. Das passt eigentlich ganz gut zu diesem Film. Meine Lebenserfahrung sagt mir: Die Realität, das macht eigentlich keinen Sinn. Am Ende ist doch alles Chaos. Wir versuchen, dem Ganzen Sinn zu geben. Wir drehen Filme, wir erzählen Geschichte, wir gehen in die Kirche. Wir wiegen uns in der Illusion, alles mache Sinn. Wir sind nicht allein, nicht verloren, nicht verrückt. Ich finde, genau darum geht es in diesem Film. Um die andere Seite der Realität. Wir wissen nie, ob uns der Erzähler damit nicht einen Bären aufbindet.

Berliner Morgenpost: Quentin Tarantino, mit dem Sie neulich bei einem Roundtable saßen, sagte, dass er digitale Aufnahmen wie digitale Projektionen leidenschaftlich ablehne. Wie stehen Sie dazu?

Lee: Macht Tarantino nicht nur Filme über Filme? Vielleicht hat er auch einfach einen Fetisch, was Filme angeht. Aber ob das nun Zelluloid ist oder nicht: Wir gehen noch immer auf spirituelle Reisen, sind bildersüchtig und identifizieren uns mit den Figuren. Ob wir das nun Film nennen oder anders. Das hat sich nicht verändert. Es spielt also keine Rolle, wie sich das Medium ändert.

Berliner Morgenpost: In dieser Frage scheint es eine Kluft zwischen Filmemachern zu geben.

Lee: Das ist wie beim Fotografieren. Da gibt es auch Menschen, die noch immer digitale Fotos ablehnen. Oder was sehe ich hier beim Interview? Hier ein hochmodernes digitales Aufnahmegerät und daneben ein altes, analoges. Ich verstehe die Trauer über das Verschwinden von Film. Ich teile sie. Ich mag ja noch nicht mal digitalen Schnitt. Schon seit meinen ersten Filmen liebe ich es, Zelluloid zu berühren, den Filmstreifen in Händen zu halten. Aber das kommt wohl nicht mehr so häufig vor. Was tun? Sollen wir jetzt aufhören, Geschichten zu erzählen? Ich kann nichts anderes. Ich muss weiter Filme drehen. Also habe ich keine andere Wahl, als die neue Filmsprache zu erkunden und mir anzueignen.

Berliner Morgenpost: Sie suchen ja immer nach neuen Herausforderungen, springen vom Western zum Kostümfilm, vom Martial-Arts- zum Comicfilm. Ist das so etwas wie Ihr Leitfaden: immer Neues auszuprobieren?

Lee: Im Grunde bin ich, wie soll ich's nennen? Geschichtenerzähler? Bleiben wir beim Filmemacher. Ich begreife meine Karriere als eine Art verlängertes Filmstudium. Ich lerne immer weiter, und die Produzenten bezahlen mich dafür, dass ich weiter lerne. Wenn ich immer dieselben Genres machen würde, würde mich das vielleicht langweilen. Aber nur etwas Neues zu machen, das ist es auch nicht. Der Stoff, das Material, das muss mich schon emotional ansprechen. Ich denke, ich bin ein sehr neugieriger Mensch.

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