21.12.12

Berliner Schaubühne

Nicolas Stemann zersägt den Sinn des Lebens

Regisseur Nicolas Stemann tritt in "Gefahr-Bar" mit seinen Musikern, aber ohne Schauspieler auf - Weltuntergang inklusive.

Von Stefan Kirschner
Foto: dapd

Regisseur Nicolas Stemann tritt in der Schaubühne mit seiner Band „Gefahr-Bar“ auf
Regisseur Nicolas Stemann tritt in der Schaubühne mit seiner Band "Gefahr-Bar" auf

Nicolas Stemann gehört zu den gefragtesten und erfolgreichen Regisseuren Deutschlands. In diesem Jahr hat er sich etwas rar gemacht, aber jetzt zum Jahresende doch wieder Lust bekommen. An der Schaubühne tritt Stemann, der im Mai mit seinem "Faust"-Marathon beim Berliner Theatertreffen war, gemeinsam mit seiner Band auf.

Unter dem Titel "Gefahr-Bar" geht es auch um den Untergang und die Zukunft der Kultur verbunden mit der Frage: "Ist das noch Verzweiflung oder kann das weg? Beziehungsweise: Kann man das verkaufen?" Die Schaubühne kündigt die Premiere gegenüber Journalisten außerdem als "voraussichtlich lustigen und skurrilen Unterhaltungsabend mit Anspruch" an. Mit Nicolas Stemann sprach Stefan Kirschner.

Berliner Morgenpost: Herr Stemann, was erwartet die Zuschauer?

Nicolas Stemann: Was steht denn in der Mitteilung des Theaters? Das würde mich interessieren. (Stemann versucht auf den E-Mail-Ausdruck zu schauen, der vor dem Interviewpartner liegt)

Ich zeige es Ihnen später, okay? Ich würde es gern von Ihnen hören.

Eine Mischung aus Popkonzert, Lesung und Kunsthappening. Ein Abend, bei dem Musik im Zentrum steht. Wir wollen ein Unterhaltungsprogramm machen. Es wird ein Grundgerüst geben, aber wir werden jede Vorstellung anders gestalten. Wir wollen offen bleiben für Sachen, die aktuell passieren. Die Premiere ist am 22. Dezember, einen Tag nach dem Weltuntergang.

Ganz schön mutig.

Von daher werden wir uns an diesem Abend mit dem Weltuntergang des Vortages beschäftigen.

Könnte der die Premiere gefährden?

Das werden wir sehen. Eigentlich ist das ja eine No-Win-Situation (lacht): Wir bereiten uns darauf vor, ein Programm zum Weltuntergang zu machen. Wenn er stattgefunden hat, wird das Programm ausfallen, wenn er nicht stattgefunden hat, liegen wir mit unserem Programm daneben. Aber das ist Berufsrisiko.

Reicht das für einen Staats-Theaterabend?

Also wenn der Weltuntergang ausfällt, können wir in unserem Programm darauf reagieren. Ansonsten kreist das Programm thematisch um die Hochkultur, der Abend könnte eine Art Satyrspiel zum Ende der Hochkultur werden.

Weltuntergang und das Ende der Hochkultur...

… hängen möglicherweise zusammen. Wir haben nichts gegen die Hochkultur, aber für einen Unterhaltungsabend ist das ein tolles Sujet. Es gibt viele interessante Sachen zu sagen und zu entdecken, die bislang vielleicht noch nicht gesagt oder noch nicht entdeckt worden sind. Ein unterhaltsamer Abend über möglicherweise gar nicht so unterhaltsame Themen. Woran klammern sich Menschen? Was unterscheidet uns von Tieren, die ja keine kulturellen, sondern Naturwesen sind: Was haben die uns voraus beziehungsweise, was fehlt ihnen, weil sie keine Kultur haben? Wenn man über diese Dinge nachdenkt, merkt man, dass diese ganzen kulturellen Bestrebungen der Menschen etwas sehr Rührendes haben. Das geht bis hin zur Religion. Was hält so ein Leben zusammen? Angesichts der Tatsache, dass es vergänglich ist, bedroht. Was für merkwürdige Strohhalme haben Menschen, um ihren Leben einen Sinn zu verleihen. Das hat eine wahnsinnige Fallhöhe – und entsprechend gibt es für uns einiges zu zersägen mit der "Gefahr-Bar".

Knüpfen Sie mit dieser neuen Produktion an Ihren Liederabend im Deutschen Theater an?

Nach dem Deutschen Theater und Köln, dort kam im Frühjahr der "Demografischen Faktor" raus, ist das jetzt der dritte Vorstoß, ein musikalisches Unterhaltungsprogramm im Rahmen eines Stadttheaters zu machen. Diesmal aber ist der Rahmen kleiner, wie eine Combo-Auskopplung von einer Big-Band. Wir stehen nur zu dritt auf der Bühne, die beiden Musiker Thomas Kürstner und Sebastian Vogel, und ich, dazu noch Claudia Lehmann für das Video, die auch hin und wieder mitspielt. Wahrscheinlich kommt spontan auch noch ein Schauspieler als Gast dazu. Aber wenn man texte für Schauspieler schreibt, bekommt das eine eigene Dynamik, man übernimmt als Regisseur auch Verantwortung; mit einer kleinen Besetzung ist das alles viel einfacher, schließlich sind wir eine Band. Wir müssen uns ums nichts anders kümmern als um unserer Material. Das schafft eine sehr leichte, angenehme, spielerische Probenatmosphäre. Die Schauspieler, die dazu kommen, sollen nicht zu viel Zeit haben, sich vorzubereiten.

Auch der DT-Liederabend wirkte phasenweise improvisiert.

Das gefällt mir, wenn man das nicht dekodieren kann, wenn die Grenzen verwischen. Das man nicht unterscheiden kann, was meinen die auf der Bühne ernst, was ironisch.

Sie haben sich in diesem Jahr dem Theaterbetrieb etwas entzogen.

Ich wollte Dinge produzieren, die nicht sofort ins Theater fließen. Es sind viele Lieder und Texte entstanden, dieser Materialberg dient auch als Steinbruch für die "Gefahr-Bar". Wir haben hier kein großes Budget, das entspricht dem Geist der Veranstaltung. Die Schaubühne hat den Abend recht kurzfristig ins Programm genommen.

Verbindet die Schaubühne mit ihrem Engagement nicht die Hoffnung, dass Sie demnächst auch eine klassische Theater-Inszenierung abliefern?

Ach, ich glaube, einige Theater wünschen sich mal wieder eine "richtige" Inszenierung von mir. Ich will auch gar nicht ausschließen, dass ich wieder Produktionen mache, an denen ich in erster Linie als Regisseur beteiligt bin. Aber im Moment treiben mich andere Sachen um, ich will andere Wege gehen und ausprobieren. Das habe ich bei meinen letzten Inszenierungen, an denen ich klassisch als Regisseur beteiligt war, ja auch schon getan, bei "Faust" stand ich auch selbst auf der Bühne. Ich freue mich schon darauf, in einigen Jahren einfach Ibsen oder Tschechow zu inszenieren – und alle Schauspieler haben den Text vorher gelernt. Und ich sage ihnen, in welchen Tempo sie das sprechen sollen, so hab ich zwar nie gearbeitet, aber das stelle ich mir ganz toll vor, nur Regisseur zu sein. Aber im Moment bin ich auf einem anderen Weg: Ich bin als Musiker in meine eigenen Inszenierungen reingewachsen, jetzt stelle ich mich mit Musikern auf die Bühne. Das ist noch Theater, aber sehr viel vermittelter. Aber vielleicht ist das auch gar kein Theater mehr. Auch das wäre ja interessant.

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