19.12.12

Kinostart

Christus ist der letzte große Frauenversteher

Der Messias in einer Beziehungskomödie - geht das? "Jesus liebt mich", das Regiedebüt von Florian David Fitz, beweist: Ja, es geht.

Von Peter Zander
Foto: 2012 Warner Bros.

Romantik am Lagerfeuer: Marie (Jessica Schwarz) hat sich in Jeshua (Florian David Fitz) verliebt
Romantik am Lagerfeuer: Marie (Jessica Schwarz) hat sich in Jeshua (Florian David Fitz) verliebt

Gut sieht er schon aus. Die langen Haare, der Bart, das steht ihm. Aber ein bisschen weltfremd scheint er zu sein. Und dann dieser Name: Jeshua. Wo kommt der eigentlich her? Aus Palästina. O Gott, es wird doch kein Terrorist sein! Und was macht der für komische Sachen? Lädt einen Bettler ins Restaurant ein. Und gibt ihm nicht nur zu essen, sondern wäscht ihm auch noch die Füße. Nicht sehr appetitlich. "Jesus liebt mich" spielt den Ernstfall durch: dass der Heiland wieder auf die Erde kommt. Und stellt uns allen die Frage, ob wir denn auch dafür bereit wären.

Dass Christus zurückkehrt, ist ein Ereignis, das wir ja eigentlich eher zu Ostern feiern. Von daher scheint ein Filmstart am 20. Dezember 2012, nur vier Tage vor Weihnachten, schlecht gewählt.

Andererseits ist laut dem alten Maya-Kalender der 21. Dezember der letzte Tag auf Erden, danach ist Weltuntergang. Da passt so ein Film wieder ganz gut, in dem Jesus an einem Donnerstag auf die Erde kommt, um zu verkünden, dass es sie nur noch bis Dienstag geben wird. Es bleiben nur noch sechs Tage, um ihn zu überzeugen, dass die Menschheit das nicht verdient hat.

Jesus kann auch zurückschlagen

Das war die Ausgangslage von David Safiers Bestseller "Jesus liebt mich". Und ist es nun auch in der gleichnamigen Verfilmung. Sie haben sich ein bisschen entfernt voneinander, die Christen und ihr Messias. Jesus scheint nicht viel mitgekriegt zu haben von den letzten 2000 Jahren. "Wer ist das?", fragt er vor einem Foto des Papstes. Er scheint auch nicht zu wissen, was das überhaupt ist: ein Papst. Die Menschen wiederum sind nicht bereit für den Propheten, scheinen die Zeichen nicht erkennen zu wollen oder zu können. Und so muss eine einzige Frau (sie muss natürlich Marie heißen) den Messias bekehren. Und ihm das Herz öffnen.

Das alles klingt ganz schön blasphemisch. Und wird es nur noch mehr mit dem Reizstarttermin so knapp vor Weihnachten. Der Schauspieler Florian David Fitz scheint sich heiße Eisen förmlich auszusuchen, an denen er sich die Finger verbrennen könnte. In seinem Drehbuchdebüt "Vincent will meer" schrieb er sich einen Mann mit Tourette-Syndrom auf den Leib. Schon damals fragte man sich: Eine Beziehungskomödie mit einem Behinderten - geht das? Die Frage verschärft sich jetzt mit seinem neuen Film noch einmal: Eine Beziehungskomödie mit Jesus Christus - darf man das? Und dann inszeniert sich der Regienovize auch noch gleich selbst als Heiland und Lichtgestalt. Geht noch etwas mehr Hybris?

Ein Händchen für divöse Stars

Doch gemach. Das alles geht erstaunlich gut. Fitz schlängelt sich virtuos an all den Fettnäpfchen, die er sich da selbst in den Weg gestellt hat, vorbei. Nehmen wir nur die Titelrolle: Es gibt neben Goethe oder Hitler keine undankbarere Rolle, keine, an der man leichter scheitern kann. Fitz legt seinen Messias allerdings weder als Karikatur noch als echten Affront, wie Scorseses "Letzte Versuchung Christi". Nur als einen großen Naiven, der mit unschuldigen Augen in die Welt blickt, der stets das Gute sieht und seine Umwelt damit herausfordert. Und so zum letzten großen Frauenversteher wird, zum idealen Mr. Right. Wenn er mal geschlagen wird, kann es allerdings schon passieren, dass er die andere Wange nicht auch noch hinhält, sondern zurückhaut. Das ist aber das Äußerste, was er den Gläubigen zumutet.

Und es ist ja so, dass Fitz auch im übertragenem Sinn ähnlich positiv-unschuldig an sein Metier herangeht. Für das deutsche Kino geht gerade ein ziemlich unspektakuläres, ziemlich enttäuschendes Filmjahr zu Ende. Wenig Neues, wenig Experimentelles. Nun gut, Fitz erfindet auch nicht gerade das Rad neu, wenn er in den ausgelatschten Gefilden der Beziehungskomödie wandelt. Aber er wandelt darin in Jesuslatschen. Er wagt es, die romantische Komödie mit Katholiszismus und Katastrophenfilm zu kombinieren, Wortwitz mit Aphorismen zu kreuzen und den Kleingeist einer deutschen Kleinstadt mit epischen Bildern zu füllen, die die Leinwand verdient haben (und die wir etwa in "Die Vermessung der Welt", in der Herr Fitz auch mitgewirkt hat, aber eben nur als Schauspieler, so schmerzlich vermisst haben).

Vom Glauben abfallen und stehen lassen

Für sein Regiedebüt konnte Fitz eine ganze Riege trefflicher Kollegen gewinnen. Jessica Schwarz spielt die Marie, die sich als Reinkarnation von Maria Magdalena erweist; Henry Hübchen den Erzengel Gabriel, der sich wie im "Himmel über Berlin" sterblich verliebt hat und nun als höchst unorthodoxer Pastor sein Dasein fristet; und Hannelore Elsner die Frau, die ihn vom Glauben abfallen, aber dann stehen ließ.

Das sind alles Stars, die durchaus als divös, als nicht ganz einfach am Set gelten. Und doch scheint der Regisseur sie mit leichter Hand zusammenzuhalten, trotz oder gerade weil er nicht nur hinter der Kamera, sondern mit ihnen auch davor stand. So gut wie bei Fitz hat Jesus lange nicht ausgesehen. Aber ganz uneitel spielt der Regisseur-Autor-Hauptdarsteller niemanden an die Wand, sondern lässt ihnen allen viel Raum.

Vom Schweiger-Bazillus infiziert

Es gibt einen neuen Bazillus im deutschen Kino, und er ist offensichtlich hochinfektiös. Es ist der Til-Schweiger-Bazillus. Schweiger, ohnehin einer der ganz ganz wenigen ganz ganz wirklichen deutschen Filmstars, hat sich irgendwann mit dem Schauspiel nicht mehr zufrieden gegeben, sondern auch noch Drehbuch und Regie übernommen. Dann hat er Matthias Schweighöfer damit angesteckt, wie Schweiger einer der wenigen Erfolgsgaranten im hiesigen Kino , der neben ihm in "Keinohrhasen" und "Zweiohrküken" zu sehen war und in drei Wochen seine zweite Regiearbeit "Schlussmacher" vorstellt.

Und nun wurde auch Florian David Fitz kontaminiert, der neben Schweiger in "Männerherzen" und "Männerherzen 2" zu sehen war und nun ebenfalls auf dem Wege ist, einer der ganz ganz wenigen ganz ganz wirklichen Stars zu werden. In seiner Risikobereitschaft scheint Fitz seine Vor- und Mitkombattanten noch übertreffen zu wollen. Das könnte sich als sehr spannend erweisen, ist doch sein Image noch nicht so festgelegt wie bei den anderen beiden. Der Jesus-Job jedenfalls beweist: Dieser Mann schreckt vor nichts zurück. Für den angeschlagenen deutschen Film ist er ein echtes Geschenk. Und insofern passt sein Debütwerk dann doch ganz gut in die r Weihnachtszeit.

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