17.12.12

Kosten und Zeitplan

Sanierung der Berliner Staatsoper sorgt für Misstöne

Die Staatsoper wird immer teurer. Bei der Suche nach den Schuldigen werden am liebsten Klaus Wowereit und Daniel Barenboim genannt.

Von Jens Anker und Volker Blech
Foto: dpa/DPA

So sieht es im Saal der Staatsoper Unter den Linden Mitte 2011 aus. Statt Sitz an Sitz türmt sich der Beton im Parkett. Das Haus muss saniert werden.

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Die Sanierung der Berliner Staatsoper Unter den Linden wird deutlich teurer als geplant, zieht sich länger hin und sorgt für viele Misstöne, kurz: die Opernbaustelle ist neben dem Flughafenneubau ein weiteres Berliner Desaster. Und sogleich beginnt das Schönreden und die Suche nach dem Schuldigen, oder besser gesagt, vorsorglich versuchen die Beteiligten, es selber möglichst nicht zu sein.

Die heiße Phase der Schuldzuweisungen ist eingetreten, seit Senatsbaudirektorin Regula Lüscher in der vorigen Woche mitteilen musste, dass die Gesamtkosten auf 287,9 Millionen Euro steigen werden. Bislang wurde verschleiernd an den ursprünglich geplanten 242 Millionen Euro festgehalten.

Vorsorglich hat Frau Lüscher darauf hingewiesen, dass auch der bereits zweimal verschobene Eröffnungstermin in Gefahr sei. Möglicherweise gleich im Januar, wenn der inzwischen ausgewechselte Projektsteuerer seine neuen Pläne auf den Tisch legt, wird wohl die Verschiebung auf Oktober 2016 bekannt gegeben. Die Senatsbaudirektorin hat beiläufig der Staatsoper, die auf das Projekt zu viel Druck ausgeübt habe, eine Mitschuld an der ganzen Misere gegeben.

Jürgen Flimm, seit 2009 Berater und seit 2010 Staatsopern-Intendant und somit rein zeitlich ein Unschuldiger, hat sich von Amtswegen dagegen gewehrt. Man sei doch immer "wie die Lämmlein mitgegangen", scherzte er im Interview mit der Berliner Morgenpost. Er verwies darauf, das eine weitere Verschiebung wieder viele komplizierte Gespräche mit Sängern und Regisseuren erfordere. "Das können sich die Baufachleute natürlich nicht vorstellen", so Flimm, "was wir für Planungsvorläufe brauchen."

Aber Flimm hat sich mit seinem auskunftsfreudigen Auftritt zugleich schützend vor seinen schweigsamen Generalmusikdirektor Daniel Barenboim gestellt. Dass der argentinisch-israelische Stardirigent seine eigenen Vorstellungen von dem Sanierungsprojekt hat, wissen alle Beteiligten. Dazu gehört, dass Barenboim möglichst schnell wieder in das repräsentative Stammhaus zurück will, denn die kleinere Ausweichspielstätte Schiller-Theater bringt auf Dauer nur künstlerischen und Imageverlust.

Das will natürlich keiner der Opernmacher öffentlich kommentieren, im politischen Raum kursieren immer nur die jährlich vier Millionen Euro Einnahmeverluste, die letztlich die öffentliche Hand nachlegen muss. Die Staatsoper ist ein Paradebeispiel dafür, wie schwer es heutzutage ist, künstlerische, bauspezifische und finanzielle Ansprüche in Übereinstimmung zu bringen.

Barenboim wünscht sich schnelle Rückkehr ins Stammhaus

Genau das ist das Problem des Regierenden Bürgermeisters und nebenbei Kultursenators Klaus Wowereit. In einem 2008 stattgefundenen Spitzengespräch zwischen ihm und der damaligen Bausenatorin Ingeborg Junge-Reyer (beide SPD) wurde auch die Verkürzung der Sanierungszeit von ursprünglich fünf auf drei Jahre diskutiert.

Dabei habe Wowereit den Wunsch der Nutzer, sprich: Barenboims Wunsch einer schnellen Rückkehr, geäußert. Die Entscheidung lag aber bei den Fachleuten der Bauverwaltung, heißt es abweisend aus der Senatskanzlei. Die Bauverwaltung wiederum verweist darauf, die Risiken einer Verkürzung benannt zu haben. "Was ist daran verwunderlich, dass ein Nutzer sein Haus nutzen will?", sagte Intendant Flimm am Sonntag und betonte, dass deshalb doch keiner Druck ausgeübt habe.

Nach Auffassung der Berliner Grünen tragen Klaus Wowereit und Daniel Barenboim die Verantwortung für die Verzögerungen am Bau und die Kostensteigerungen. "Die Anhebung des Daches war ein Wunsch Barenboims", sagte die kulturpolitische Sprecherin der Fraktion, Sabine Bangert. Damit soll die Nachhallzeit im Saal um 0,4 Sekunden verlängert werden. "Die Nachhallzeit war ein besonderer Wunsch von Barenboim", sagt Bangert.

"Senatsbaudirektorin Regula Lüscher hat wegen der Risiken beim Tunnelbau und der Dachanhebung immer vor Überraschungen gewarnt." Deswegen finde sie es "schäbig", dass Wowereit die Verantwortung in die Verwaltung für Stadtentwicklung und die damalige Senatorin Ingeborg Junge-Reyer (SPD) abschieben wolle. "Wowereit war damals und ist heute der verantwortliche Kultursenator", sagt Bangert. Die Sanierung komme vom Umfang her einem Neubau gleich.

Nach Ansicht der Kulturpolitikerin ist ein weiterer Anstieg der Kosten zu befürchten. Auch Frau Lüscher hat bereits angedeutet, dass es wahrscheinlich nicht bei den 46 Millionen Euro Mehrkosten bleiben wird. Bangert meint, die Bauunterlagen seien noch nicht geprüft, viele Probleme noch nicht gelöst. "Bei der Statik des Bühnenturms droht das nächste Problem", so Bangert.

Die Sanierung liegt doch eigentlich im Plan

Bei der Sanierung der Staatsoper seien sich sowohl die Kulturverwaltung und die Staatsoper einig gewesen, das Vorhaben möglichst schnell zu realisieren, sagt ein damals Beteiligter heute. Sich den Sonderwünschen des Generalmusikdirektors zu entziehen, sei nicht einfach. Der Tunnelbau sei darüber hinaus als vernünftige und preiswerte Lösung angesehen worden. Die jetzigen Mehrkosten wären ebenfalls angefallen, wenn man sich schon damals mehr Zeit gelassen hätte und von höheren Kosten ausgegangen wäre.

Im Umkehrschluss hieße das: Die Sanierung liegt doch eigentlich im Plan. Sie hat im Herbst 2010 begonnen und soll - soweit ja noch der offizielle Stand - 2015 abgeschlossen sein.

Das war also die realistische Planung, die alle verschwiegen haben? Und jetzt ist alles im Lot? Mitnichten. Das liegt an den unterschiedlichen Wahrnehmungen von Bauprojekten. Für Irritationen sorgte Barenboim etwa bei der letzten Verschiebung. Er schlug sofort vor, das Opernhaus einfach am 3. Oktober 2014 zu eröffnen und anschließend zu Ende zu sanieren.

Für Barenboim steht eine bespielbare Bühne des Opernhauses im Mittelpunkt, der Tunnel für den Kulissen-Transport und das Intendanzgebäude sind für den Dirigenten letztlich Nebenschauplätze. Bauplaner wollen hingegen lieber Baustellenschilder und Gerüste aufstellen und sofort den Baugrund großflächig aufreißen. Jeder hat seine Ablaufpläne im Kopf.

Hinzu kommt, dass Daniel Barenboim im früheren Magazingebäude eine Musikakademie einrichten möchte. In ihr sollen vorrangig junge Musiker aus dem Nahen Osten ausgebildet werden. Auch ein kleiner Konzertsaal ist geplant. Das Projekt ist schon an die Sanierung der Staatsoper gebunden. Der Bund hat kürzlich 20 Millionen Euro für die Akademie bewilligt.

Der Baugrund ist an vielen Problemen schuld

Unbenommen ist für alle Beteiligten, dass der Baugrund der Staatsoper voller Risiken steckt und als Hauptschuldiger gilt. Das Opernhaus wurde auf dem erst wenige Jahr zuvor zugeschütteten Wassergraben der Stadtbefestigung errichtet.

Inzwischen wurden in 17 Metern Tiefe Holzpfähle gefunden, die die Abdichtung erschweren. Das drückende Grundwasser führt dazu, dass das Opernhaus in eine Wanne gestellt werden muss. Auch einen Tresor hat man entdeckt. Normalerweise werden solche Risiken eingeplant, was aber nicht funktioniert, wenn die Zeitpläne mit heißer Nadel gestrickt sind.

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