16.12.12

Berliner Bühne

Was Barrie Kosky mit der Komischen Oper vorhat

Der neue Intendant hat einen guten Start an der Komischen Oper in Berlin. Im Interview gesteht er seine Liebe zur Operette.

Von Volker Blech
Foto: Gunnar Geller

Der Aufräumer: Barrie Kosky hat als neuer Intendant einiges an der Komischen Oper verändert. Mit ersten Erfolgen: Die Besucherzahlen sind deutlich gestiegen.
Der Aufräumer: Barrie Kosky hat als neuer Intendant einiges an der Komischen Oper verändert. Mit ersten Erfolgen: Die Besucherzahlen sind deutlich gestiegen.

Auch junge Wilde werden einmal erwachsen: Barrie Kosky, der 1967 in Australien geboren wurde und beinahe ein Skandalregisseur geworden wäre, macht seit September 2012 als Intendant der Komischen Oper in Berlin eine gute Figur.

Leidenschaftlich bricht er mit Leitlinien des Hauses - nicht alle Opern müssen mehr in deutscher Sprache aufgeführt werden. Darüber hinaus will er die jüdische Operettentradition des legendären Metropol-Theaters an die Behrenstraße zurückholen. Es beginnt am 23. Dezember mit Emmerich Kálmáns "Die Bajadere".

Berliner Morgenpost: Die Auslastungszahlen der Komischen Oper sind tatsächlich etwas angestiegen, seit Sie im Amt sind?

Barrie Kosky: Sie sind deutlich gestiegen. In den ersten hundert Tagen kamen wir auf 79 Prozent. Im Jahr davor waren es 64 Prozent.

War es Glück oder was haben Sie alles richtig gemacht?

Immer wenn ein neuer Intendant anfängt, gibt es zwei Möglichkeiten: Entweder beginnt es mit viel frischer Luft und die Menschen spüren das oder das Ganze wird eine Katastrophe. Der Erfolg besteht in der Kombination von Stücken, Konzerten und ungewöhnlichen Projekten. Wir haben es immerhin vier Jahre voraus geplant. Der 12-Stunden-Auftakt mit der Monteverdi-Trilogie war ein Paukenschlag. Die Kinderoper "Ali Baba" ist bummvoll. Die Kinder schreien vor Freude in den Vorstellungen. Und unsere neue "Zauberflöte" im animierten Stummfilmsujet hat für einen neuen Rekord am Hause gesorgt: In nur drei Tagen waren die zehn Vorstellungen ausverkauft.

Was liegt denn im Moment in der Berliner Opernluft, das die Leute bei Ihnen suchen?

Die Leute wollen sinnliche Geschichten, große Emotionen haben, sie wollen keinen dramaturgischen Schlag auf den Kopf bekommen. Das Publikum dürstet nach Theater. Das ist aber nicht mit dem zu verwechseln, was man im Fernsehen oder im Kino zu sehen bekommt. Im Theater wollen die Leute überrascht sein, weinen und lachen können. Wenn das Publikum nach drei Stunden die Komische Oper Berlin wieder verlässt, müssen wir es berührt und unterhalten haben.

Definieren Sie bitte den Begriff Unterhaltung?

Meine Definition ist keine deutsche Definition. Die deutsche Idee von Unterhaltung ist pervers. Unterhaltung ist für mich kein Genre und die Unterscheidung in E- und U-Kultur eine fatale Fehlentwicklung, die das Nachkriegsdeutschland kennzeichnet. Shakespeare wollte mit seinen Tragödien auch unterhalten. Das war wichtig, damit das Publikum den Weg ins Globe Theatre fand. Und so steckt in jeder Tragödie etwas Komödie und umgekehrt. Unterhaltung bedeutet nicht, dass kein tiefsinniger Gedanke drinstecken darf. Im Gegenteil.

Dient die Komische Oper jetzt zuerst der Unterhaltung?

Die Komische Oper dient dem Musiktheater. Es geht zuerst um die Qualität der Musik und der Geschichte. Das gehört zum Spektrum des Musiktheaters wie es uns Felsenstein vererbt hat. Wir machen Oper, Operette, neue Formate und Musicals hier am Hause, aber nicht Andrew Lloyd-Webber. Wir machen die Stücke, die zur großen Tradition des Musiktheaters gehören. Das sind Künstlernamen wie Monteverdi, Mozart, Tschaikowski, aber auch Leonard Bernstein oder Cole Porter.

Welche Theatertradition steckt in Ihrer Seele?

Meine Seele ist sehr jüdisch und Kafka mein Lieblingsautor. Kafka hat sich im Staatstheater und in der Oper immer gelangweilt. Seine Liebe gehörte dem ostjüdischen Vaudeville-Theater, er war befreundet mit dem polnischen, später in Treblinka ermordeten Schauspieler Jizchak Löwy. Kafka wusste, dass er in dieser volkstümlichen Mischung alle Emotionen zwischen Lachen und Weinen an einem Abend haben konnte. Diese über Jahrhunderte entstandene Mischung ist mir nahe. Es erinnert mich an meine polnische Familie aus Warschau, die später nach England ging, sie alle waren jüdische Theatermenschen – Schauspieler, Autoren, Clowns, Komponisten.

Aber Sie haben doch keine gequälte Kafka-Seele?

Nein. Aber jeder zeitgenössische Jude kann sich mit Kafka identifizieren. Es hat etwas mit der Heimatlosigkeit zu tun. Kafka lebte zwischen zwei Kulturen. Er meinte, dass er mit einem Fuß in seiner jüdischen Vergangenheit stehe und mit dem anderen nach vorne gehen wolle. Im Übrigen halte ich die deutsche Rezeption von Kafka für völlig falsch. Kafka war eigentlich ein tiefsinnig trauriger Clown, er hat mit Freunden seine Stücke gelesen und gelacht.

Jetzt lassen Sie eine Operette von Emmerich Kálmán, "Die Bajadere", aufführen?

Kálmán ist ein Genie. Er ist für mich eine Identifikationsfigur. Er ist ein Exilkomponist, in seiner Biografie stehen Budapest, Wien, Paris, Berlin, New York. Wir haben gesagt, in unserer ersten Saison stellen wir drei jüdische Exilkomponisten vor: Emmerich Kálmán, Kurt Weill und Paul Abraham. Alle Drei war Vertreter einer Kultur, die in Europa verloren ging.

Und was verbindet Ihre Seele mit Kálmán?

Seine Musik ist sensationell. Ich liebe Kálmán seit meiner Kindheit. Meine ungarische Großmutter war ein großer Fan. Meine erste Schallplatte war eine ungarische Aufnahme von "Gräfin Mariza". An Kálmán liebe ich diese Verbindung von Zigeunermusik, jüdischem Klezmer, Wiener Walzer und Berliner Jazz. Später kam das amerikanische Element hinzu.

Das klingt schwärmerisch, aber sind Operetten-Handlungen nicht zu oberflächlich und meist verlogen?

Aber nein. Sie sind wie Soufflés, manchmal möchte man diese leichten Speisen am Ende eines Abends haben. Operetten verbreiten gute Laune, wenn sie leicht, aber nicht dumm sind. Ich gebe zu, das Genre der Wiener Operette ist manchmal grenzwertig. Aber man darf nicht vergessen, Operetten waren immer für einen Star gemacht. Der Komponist hat dann für Fritzi Massary oder Richard Tauber ein neues Stück gemacht.

Welche Operetten mögen Sie, welche nicht?

Ich bin kein Fan von Franz Lehar. Die Musik ist mir zu klebrig und zu wenig sexy. Mein Favorit ist Paul Abraham, ich liebe freche jazzige Geschichten. Dann folgen Kálmán und Oscar Straus.

In Deutschland werden die Zwanzigerjahre gern als Goldene verklärt. Es ist schon auffällig, dass sich gerade Theaterleute heute gerne auf diese Boheme-Idylle berufen. Wollen Sie diesen Trend an der Komischen Oper bedienen?

Nein, für mich gehören die Zwanziger- und beginnenden Dreißigerjahre zusammen. Es gab eine Explosion der Künste, gerade in Berlin. Das hatte mit Autoren, der Bildenden Kunst, mit der Musik zu tun. Mich hat immer interessiert, was wäre gewesen, wenn die Nazis nicht an die Macht gekommen wären? Die ganzen jüdischen Künstler wirkten hier in Berlin und eben nicht in Paris oder New York. Das hatte seine guten Gründe. Denen gehe ich als Künstler in den Werken nach. Aber an irgendeiner Nostalgie bin ich nicht interessiert. Ich kann auch nur daran erinnern, dass Walter Felsenstein, der Gründer der Komischen Oper Berlin, das Musical "Anatevka" nach dem jiddischen Roman "Tewje, der Milchmann" von Scholem Alejchem aufgeführt hat. Es gab über 1000 Vorstellungen und war ein Publikumshit. Ich habe gesagt, ein Drittel unseres Repertoires muss diese Genres bedienen. Es knüpft an Felsenstein und an die davor liegende Zeit des Metropol-Theaters an. Viele Zuschauer erwarten das. Deswegen werden wir aber kein Operettentheater. Zwei Drittel gehören dem Opernrepertoire.

Intendanten haben ihre Baustellen. Staatsopernchef Jürgen Flimm muss sich gerade damit herumärgern, dass sein Ensemble nicht vom Schiller-Theater zurück in die sanierte Staatsoper ziehen kann, weil es immer wieder zu Bauverzögerungen kommt. Ursprünglich sollte die Eröffnung 2013 sein, jetzt droht 2016. Geplant war, dass die Komische Oper gleich im Anschluss ins Schiller-Theater zieht, damit auch Ihr Haus saniert werden kann. Liegt das Projekt jetzt auf Eis?

Ich habe große Sympathie für Jürgen im Moment. Das muss ein Albtraum sein. Andauernd muss er alles umplanen, mit Regisseuren und Sängern über die Verschiebungen reden. Wir warten ab, bis die Staatsoper fertig ist. Ich lasse im Moment den Spielplan 2016/17 noch ein bisschen in der Luft. Natürlich brauchen wir die Sanierung der Bühne und der Klimaanlage, aber wir werden deswegen keinen Streit anzetteln. Wir haben hier in den nächsten drei Spielzeiten genug zu tun.

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Operette in Berlin
  • Konzertant

    Emmerich Kálmáns

    „Die Bajadere“ hat am 23. Dezember 2012 konzertante Premiere an der Komischen Oper. Es folgt Kurt Weills „Der Kuhhandel“ am 18. und 22. Januar 2013.

  • Große Premiere

    Intendant Barrie Kosky inszeniert Paul Abrahams Jazz-Operette „Ball im Savoy“, die 1932 in Berlin uraufgeführt wurde. Die Premiere ist am 9. Juni 2013. Dagmar Manzel und Helmut Baumann spielen die Hauptrollen.

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