15.12.12

Kunst

Christopher Lehmpfuhl - Berlins moderner Freiluftmaler

Der 40-Jährige malt immer draußen, auch bei Kälte – und mit den Fingern. Berliner Stadtlandschaften sind sein Faible.

Von Gabriela Walde
Foto: VG Bild-Kunst, Bonn 2012, Amin Akhtar

Unterwegs in Berlin-Mitte: Christopher Lempfuhl vor „seinem“ Bode-Museum in der Ausstellung in der Alten Münze
Unterwegs in Berlin-Mitte: Christopher Lehmpfuhl vor "seinem" Bode-Museum in der Ausstellung in der Alten Münze

Die Leute schauen nicht schlecht, wenn Christopher Lehmpfuhl loslegt. Irgendwie cool sieht er schon aus mit seinem blauen Marsmännchenanzug, gesprenkelt mit Farbe.

Nun ja, originelle Leute gibt es zuhauf in Berlin, Lehmpfuhl ist Künstler, er malt mit den Fingern – und zwar immer draußen, auch bei Minusgraden wie dieser Tage. Dabei helfen die hauchzarten Latexhandschuhe kaum gegen die Kälte. Bis minus 20 Grad, erzählt er uns, halte er es aus, auch wenn die Farben dann dick sind. Manchmal mischen sich bei Frost frech Eiskristalle in die Ölschicht. Das schimmert schön.

Berliner Stadtlandschaften sind sein Faible, gewöhnlich nicht gerade die Spezialität junger Kunststars.

25 bis 40 Kilo Farbe pro Bild

So steht er dann vor dem Bode-Museum auf der Museumsinsel, an der Kastanienallee in Prenzlauer Berg oder einfach mittendrin an der Infobox am Schloßplatz. Die Leinwand holt er aus seinem Sprinter, die Eimer mit Farbe neben sich, eine traditionelle Malerpalette nimmt er nicht, er benutzt die Farbe gleich kiloweise. Und zwar heftig und furios, bunte Farbschlieren, ja Massen, dicker oft als Zahnpastastränge, durchziehen seine Bilder. Vier bis fünf Zentimeter hoch, so, als ob die Farbe wie ein wildes Gewächs aus dem Bildgrund wuchern würde. Richtig dreidimensional wirkt das.

Seine Farbbestellungen gehen ganz schön aufs Portemonnaie: Für manche Formate, etwa mit den Maßen 1,80 Meter mal 2,40 Meter, verbraucht der gute Mann immerhin 25 bis 40 Kilo Farbe. Lehmpfuhl bezeichnet sich "als haptischen Freiluftmaler", als modernen Impressionisten, weil er stets draußen malt und seine Werke so plastisch sind, dass man sie wirklich anfassen möchte. In einem Zug malt er durch, "ohne Pause", zwei, drei Stunden dauert es.

Rund 200 Berlin-Bilder zeigt der Berliner, Jahrgang 1972, jetzt in der Alten Münze, sieben Jahre Arbeit stecken da drin. Eine Paradestrecke für die Hauptstadt. Manchmal steigt er in den Himmel, fährt in die oberen Etagen des Allianzgebäudes oder des Springer-Verlages. Berlin liegt ihm zu Füßen, seine Heimatstadt ist seine wandelnde Muse, bietet ihm immer neue Motive. Kaum eine Ecke, wo er mit seinem Sprinter und den Farbeimern noch nicht gehalten hätte: Brandenburger Tor, Museumsinsel, Lustgarten, Leipziger Straße. Auch den Rückbau des Palastes der Republik hat er in einer Serie festgehalten, ein moderner Stadtchronist also.

Aufgefallen ist ihm, dass sich die letzten zehn, fünfzehn Jahre das Licht in Berlin verbessert hat, weil "die Luft sauberer geworden ist." Das sieht man seinen Bildern an, der seltsame Grauschleier ist tatsächlich weg.

In den Jahren hat er ordentlich zugelegt – mit der Farbe und im Format. Die durchscheinenden, feinen Stillleben der Anfangszeit, oft nur groß wie eine Streichholzschachtel, sind nun Vergangenheit. Wie kam er eigentlich darauf, vor Ort zu malen? Wahrscheinlich hatte ein Kommilitone an der Hochschule der Künste Schuld. Der kippte so unendlich viel Terpentin auf seine Leinwand, dass Lehmpfuhl nichts anderes übrig blieb, als nach draußen zu flüchten. Und da blieb er auch, erst mit dem Pinsel, ab 2005 ist er auf die für ihn authentische Fingermalerei übergegangen. Näher dran an der Leinwand ist der da, am Motiv.

Im Studium war Lehmpfuhl ein Außenseiter

Er könnte genauso wenig ein Motiv von einem Foto übernehmen, das wäre ihm schlicht zu künstlich, zu tot. Wenn es regnet, es stürmt, alles fließt ein in seine "Plein Air"-Malerei. Wenn er draußen steht, da fühlt er sich, den Rhythmus dieser Stadt, die er sehr gut kennt – er ist hier geboren.

Sein mit Farbresten überzogenes Malrad steht in einer der Ecke der Ausstellung. Mit dem Drahtesel fuhr er früher durch die Stadt, in der alten Weinkiste auf dem Gepäckträger die Utensilien, 24 mal 36 Zentimeter so die Bildformate, die da verstaut werden konnten. Mit den Transportmöglichkeiten von heute und den finanziellen Mitteln wuchs auch die Bildgröße, heute sind sie halt über zwei Meter groß.

Im Studium war Lehmpfuhl ein Außenseiter. Ganz ernst hätten ihn die anderen Studenten nie genommen. Wer malt schon, und wenn, nicht mal abstrakt, sondern auch noch figurativ? Die Neue Leipziger Malerei um ihren Shootingstar Neo Rauch konnte die Leinwand zwar rehabilitieren, dennoch galt sie gerade in der West-Berliner Szene als spießig, in einer Zeit, wo Video- und Konzeptkunst en vogue waren. Das ist heute nicht viel anders.

Und da stellt sich einer wie Lehmpfuhl hin und sagt doch glatt, seine Vorbilder seien Lesser Ury, Max Liebermann oder Lovis Corinth. Und wenn man genau hinschaut, steckt in Lehmpfuhl auch ein kleiner, wütender Vincent van Gogh. So beschwipst wie bei dem Niederländer taumeln und schwanken zuweilen auch bei ihm die Horizonte und Perspektiven auf der Leinwand. Eine reale Abbildung ist etwas anderes. Er hatte Glück, sein Professor stand felsenfest hinter ihm.

Er verkauft überall

Klar, wenn man so vor der Staffelei steht, kommt man fix ins Gespräch, da mus man halber Psychotherapeut sein, sagt der Künstler. "Die Leute erzählen mir ihr ganzen Leben. Viele vertrauen mir an, dass auch sie malen." Da weiß er dann oft nicht, was er darauf sagen soll.

Manchmal wird er kritisiert, dass er nur das "schöne Berlin" male, all die Highlights, die die Leute so mögen. "Warum darf man Schönheit nicht malen?" fragt er. Diese Motive sind zwar stärker vertreten, aber die urbanen Bruchstellen, die Schmuddelecken fehlen nicht im umfangreichen Oeuvre. "Der Breitscheidplatz war so ein hässlicher Ort, aber da hat sich viel getan", findet er.

Seine touristenfreundlichen Berlin-Bilder verkauft er heute in der ganzen Welt, in Indien, China, Amerika, auch Korea ist dabei, und ja, die Schweiz, sagt er. Die Preise liegen zwischen 1500 und 25.000 Euro.

In den einzelnen Ländern malt er zuweilen vor Ort, "Ich weiß schon, wo es schön ist", sagt er, das klingt ein wenig kokett. Er kennt halt sein Erfolgsmodell: "Die Leute kaufen, was sie kennen!" So einfach kann das Leben manchmal sein. Natürlich nimmt er Auftragsarbeiten an, warum auch nicht, Voraussetzung: "Mir muss das Motiv gefallen!" Einen Schreibtisch würde er sicher nicht malen.

"Berlin Plein Air", Alte Münze Berlin, Molkenmarkt 2. Täglich 12 bis 19 Uhr. Führungen: Sonntags 15 Uhr. Bis 23. 12.2012, Katalog: 78 Euro.

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