13.12.12

Konzert

Heaven 17 lassen in Berlin den C-Club vibrieren

Zeitreise in Berlin: Heaven 17 kamen in den C-Club, um ihr Album "The Luxury Gap" nach 29 Jahren erstmals auf einer Bühne zu präsentieren.

Von Patrick Goldstein
Foto: picture-alliance / Jazzarchiv

Die britische Elektropop- und New Wave-Band mit Sänger Glenn Gregory
Die britische Elektropop- und New Wave-Band mit Sänger Glenn Gregory

Im Fond einer silberfarbenen Limousine, am Ende einer langen Reise durch die Londoner Nacht will es in einer Arte-Dokumentation aus dem zurückliegenden Frühling die eine 80er-Jahre-Ikone nun aber doch mal klipp und klar von der anderen wissen: "Denkst du je daran, aufzuhören?", fragt Ultravox-Sänger Midge Ure. "Könnte ich mir gar nicht leisten", erwidert Glenn Gregory und es ist dem kahl geschorenen Frontmann von Heaven 17 anzusehen, dass er sich diese Frage wohl schon tausendmal gestellt hat.

Wer sehr bösartig ist, könnte damit jeden den Diskurs über Sinn und Unsinn, über Kunst und Kommerz im Tourverhalten jener 80er-Bands abwürgen, die mit vampirischer Rastlosigkeit durch die großen, meist aber eher kleinen Hallen der Welt geistern.

Gut 700 Berlinern allerdings war am Mittwoch solcherlei Gedankenakrobatik herzlich egal. Sie kamen in den C-Club, um dabei zu sein, wenn Heaven 17 nach 29 Jahren erstmals ihr Album "The Luxury Gap" auf die Bühne bringen würden.

Heaven 17 zwischen Reinhard Mey und James Brown

Am Anfang steht der Schock. Ganz nach Art ihrer Idole, von Roxy bis Bowie, gaben sich H17 auf (Schallplatten!-)Covern in Gatsby-Look oder S&M-Leder stets als kühle Pop-Intellektuelle, auf der Ekstase-Skala zwischen Reinhard Mey und James Brown etwa in Höhe Kraftwerk angesiedelt. Live im C-Club verschiebt sich dagegen alles in Richtung Liza Minnelli: große Stimme, tolle Musik und beim Vortrag kräftig aus der Las-Vegas-Schublade bedient.

Der Sound-Mix stimmt von der ersten Sekunde an, ein wunderbarer Nebeneffekt der verhältnismäßig kleinen Halle. Bei Album-Titel drei kann Glenn Gregory dann die Arbeit einstellen. "Let me go" singt das Publikum einfach mal von Anfang bis Ende allein. Oasis-Feeling.

Am Keyboard verdreht Martyn Ware, H17-Hirn, Ausnahme-Produzent und Gründer der Human League, nun alle paar Minuten ungläubig die Augen. Der Studio-Nerd fühlt sich als Zuschauer Nummer eins seiner siebenköpfigen Band, und fasst es sichtlich nicht: Die nachtschwarze Elastik-Stimme der Backingsängerin Kelly Barnes bei Northern Soul-Breitseite "Temptation", ein Slap- Bass-Stakkato von Julian Crampton, das große Balladen-Finale des Albums "The best kept secret", nach deren Ende das Publikum erst wieder wagt, normal zu atmen.

Nach dem Konzert ist vor dem Konzert

Das Stück verklingt, aber das Unerwartete ist geschehen. Die Live-Performance hat das Studio-Produkt getoppt. Ab sofort ist "Luxury Gap" ein Versprechen, gegeben 1983. Und erst heute Abend eingelöst. Dies hier ist keine Retro-Tour. Dies hier ist Ehrensache.

Sie galten Anfang der 80er schon als Visionäre. Was wie das irre Geflirre aus Sci-Fi-B-Movies klang, unterlegten H17 mit Philly- oder Disco-Beats und komponierten Melodien, die sowohl Diana Ross als auch R2-D2 auf den Leib geschrieben schienen. Die Band war integer und wusste, wovon sie in ihren funkigen Sozialreportagen erzählte: Martyn Ware, Ian Craig Marsh (der inzwischen fehlt) und Glenn Gregory hatten sich am eigenen Schopf aus jenem Dreck gezogen, in dem ihre Väter arbeiteten. Wer in den Sozialbauwohnungen und vergammelnden Reihenhaus-Siedlungen auf den sieben Hügeln Sheffields aufwuchs, der schlief abends mit dem bodenerschütternden Rhythmus monströser Fallhammer aus den Hallen im Tal ein. "Kreativität oder Stahlwerk" lauteten Thatcher-Englands Alternativen. Letzte Ausfahrt Dancefloor.

Entsprechend vibriert der C-Club, als Gregory/Ware in Teil zwei des Abends eine Weltraum-Soul-Revue ihres Frühwerkes abliefern. Bei "Being boiled" gibt das Publikum unisono mit erhobenen Armen den Beat, Ware lässt in "You've lost that loving feeling" einige Koloraturen von Marvin-Gaye'scher Qualität vernehmen und als Gregory "Party fears two", sein bewegendes Requiem für Billy Mackenzie singt, rollt Ware wieder mit den Augen.

Nach dem Konzert ist dann gleich wieder vor dem Konzert. Fünf Studioalben folgten 1983 noch dem Luxury Gap. Gregory und Ware werden wieder touren. Ganz bestimmt. Sie haben keine andere Wahl.

© Berliner Morgenpost 2014 - Alle Rechte vorbehalten
P.S.: Sind Sie bei Facebook? Dann werden Sie Fan von der Berliner Morgenpost.
Die Favoriten unseres Homepage-Teams

Top-Thema
title
Die besten Berlin-Videos

Das sind die Youtube-Favoriten der Redaktion.

Video Nachrichten mehr
Liebes-Nachhilfe Flirten wie ein Silberrücken
William und Kate Hip-Hop-Crashkurs für die Royals
Chaos Panik in indischer Stadt durch verirrten Leopard
Xbox-One vs PS4 Microsoft muss knappe Niederlage hinnehmen
Top Bildershows mehr
Jeden Tag

Kopfnoten für Politiker, Manager und Prominente

Willkommen in Berlin

Hurra, ich bin da! Das sind Berlins süße Babys

Fotogalerie

Das sind die Berliner Bilder des Tages

Reisetipps

Zehn spannende Events weltweit im Mai

In eigener Sache
Weitere Morgenpost Angebote