13.12.12

Staatsoper

Jürgen Flimm - "Ich bin weder Baggerführer noch Architekt"

Schlechte Nachrichten für die Staatsoper Unter den Linden: Die Sanierungskosten steigen um fast 46 Millionen auf 288 Millionen Euro.

Foto: dpa

Sanierungsfall: Ein ferngesteuerter Bagger zerkleinert im Zuschauersaal der Staatsoper Unter den Linden den steinernen Fußboden. Die Bauarbeiten ziehen sich hin
Sanierungsfall: Ein ferngesteuerter Bagger zerkleinert im Zuschauersaal der Staatsoper Unter den Linden den steinernen Fußboden. Die Bauarbeiten ziehen sich hin

Die Sanierung der alten Staatsoper Unter den Linden droht sich um ein weiteres Jahr hinzuziehen. Senatsbaudirektorin Regula Lüscher sprach von einer "sehr kritischen Terminsituation". Noch wird an der Eröffnung 2015 festgehalten. Dagegen steigen die Baukosten von 242 auf 288 Mio. Euro.

Volker Blech sprach mit dem Staatsopern-Intendanten Jürgen Flimm über die Folgen für seinen Opernbetrieb.

Berliner Morgenpost: Müssen Sie als Intendant angesichts explodierender Sanierungskosten und einer sich abzeichnenden weiteren Verschiebung der Wiedereröffnung nicht wütend sein?

Jürgen Flimm: Das bin ich aber nicht. Ich bin ja auch für die Kosten nicht verantwortlich, weder im Erstellen noch im Genehmigen. Man muss jetzt erst einmal abwarten, was auf den Tisch kommt und im Abgeordnetenhaus beschlossen wird. Was die Verschiebung betrifft, die ist ja noch gar nicht da. Wenn man genau hinhört, hat die Senatsbaudirektorin gesagt: "Es kann zu Komplikationen führen".

Ist das Orakel von möglichen Komplikationen nicht schon die politische Vorbereitung auf eine weitere Verschiebung?

Oder es entsteht ein Wunder und dann klappt's.

Haben Sie schon mit Daniel Barenboim über die neue Situation gesprochen?

Ja, das habe ich. Aber wir sind noch ganz gelassen. Es gibt den schönen jüdischen Spruch: Man soll keinen Vorschuss auf Zores nehmen, weil sonst das Leben komplett unerträglich wird. Wir ärgern uns also erst, wenn es so weit ist.

Wie haben Sie es diesmal erfahren, dass es Komplikationen gibt?

Das wussten wir doch schon, aber es war nie so dezidiert geäußert worden. Es war aber schon klar, das wir jetzt in eine schwierige Phase einmünden. Es gibt jetzt im Januar ein Gespräch mit den neuen Projektsteuerern und dann wollen wir schauen, wie viel Zeit die noch brauchen für die Sanierung.

Jetzt ist das Grundwasser Schuld. Jeder kleine Häuslebauer weiß um die Probleme?

Jetzt fragen Sie mich, als wäre ich der Chef von Hochtief oder vom Bauamt. Das müssen Sie andere fragen. Ich bin weder Baggerführer noch Architekt. Ich nehme mal an, dass die Planer das immer wussten, weil das Grundwasser nie ein Thema war. Wir wissen heute von Tresoren und von 17 Meter tiefen Holzpfählen, was die damals nicht wissen konnten. Aber das das Grundwasser ein Problem ist, das wussten natürlich alle von vornherein.

Ein ewiges Streitthema ist der Tunnel, der das Magazin mit dem Opernhaus verbinden soll. Durch den tiefen Tunnel sollen künftig die Kulissen unterirdisch bewegt werden. Erklären Sie doch bitte den Sinn oder Unsinn dieser Baumaßnahme?

Der Tunnel kostet nur ungefähr ein Zehntel der Gesamtkosten. Insofern kann daran nicht die ganze Sanierung genesen. Es gehört zu den langen Planungen, dass der Tunnel zu den logistischen Verbesserungen gehört. Irgendwann fahren die Bühnenbildteile aus dem alten Magazingebäude per Fahrstuhl hinunter in den Tunnel, dann unter der Straße hinüber ins Opernhaus, wo sie in einen einen größeren Raum kommen, montiert werden und dann auf die Bühne geschoben werden. Wenn es funktioniert, ist es eine Maßnahme, die die Frequenz der Vorstellung stark erhöhen kann. Die ganzen Arbeiten, die irgendwo auf der Hinterbühne gemacht werden müssen, finden dann unterirdisch statt. Das ist eine sinnvolle Sache.

Es ist kein Luxus?

Nein. Es ist eine notwendige Investition. Zuvor haben sich doch viele Leute geärgert, dass die Straße immer mit den Bühnenbildcontainern zugestellt war.

Die Senatsbaudirektorin hat die ganze Misere unter anderem auch damit begründet, dass die Staatsoper so viel Druck auf die ganzen Planungen macht.

Das verstehe ich überhaupt nicht, wir sind ja bislang wie die Lämmlein mitgegangen. Wir haben keinen Druck gemacht. Wir haben nur darauf hingewiesen, wie kompliziert die Planungen für unseren laufenden Opernbetrieb sind. Wir müssen schließlich drei bis vier Jahre im Voraus planen. Falls es zu einer weiteren Verschiebung käme, was ich nicht hoffe, dann müssten wir die vierte Eröffnungsspielzeit planen. Das können sich die Baufachleute natürlich nicht vorstellen, was wir für Planungsvorläufe brauchen. Wie viele komplizierte Gespräche mit Sängern und Regisseuren das erfordert. Ich kann mich nicht ans Telefon setzen, den Jonas Kaufmann anrufen und ihm sagen, komm doch dann und dann mal vorbei. Das ist unmöglich, die Stars sind auf Jahre voraus ausgeplant. Wenn die Senatsbaudirektion das als Druck empfindet, ja, dann ist es wirklich ein Druck. Wir haben Verträge und stehen selber unter einem Sorgfaltsdruck. Ich muss diesen Betrieb schützen, Daniel Barenboim muss seine Musik und unser Geschäftsführer Ronny Unganz die Finanzen schützen. Dafür sind wir da.

Jedes Jahr, dass das Staatsopern-Ensemble im kleineren Ausweichquartier Schiller-Theater verbringt, führt zu weiteren Defiziten. Reden wir immer noch von jährlich vier Millionen Euro?

Ja, wir haben jedes Jahr vier Millionen Euro Einnahmeverlust. Unser Budget besteht ja aus zwei Teilen, den Subventionen und unseren Einnahmen. Und wenn wir weniger einnehmen als an der Staatsoper, weil wir im Schiller-Theater weniger Sitzplätze haben, dann haben wir ein Problem.

Gibt es aktuell Signale vom Kultursenator Klaus Wowereit oder seinem Staatssekretär Andre Schmitz, weitere Einnahmeverluste auszugleichen?

Ja, es gibt Signale. Das ist auch sehr erfreulich.

Es heißt immer, dass auch Ihr Intendantenvertrag an die Rückkehr in die Lindenoper gekoppelt ist?

Nein, wir haben den Vertrag einmal verlängert, weil es 2015 losgehen sollte. Das fand ich gut, weil ich dann bis 2016 Zeit habe, Abschied zu nehmen und die Planungen mit meinem Nachfolger voran zutreiben. Aber das ist nicht an die Sanierung und Wiedereröffnung gebunden.

Werden Sie jetzt ein weiteres Jahr verlängern?

Das könnte ich doch nur tun, wenn ich wüsste, was los ist. Ich kann doch nicht auf Verdacht hin verlängern.

Kürzlich haben Daniel Barenboim und Michael Naumann das Projekt einer Musikakademie im hinteren Teil des alten Magazingebäudes vorgestellt. Sie waren mit dabei. Inwieweit ist das Projekt jetzt von den neuen Entwicklungen betroffen?

Das weiß ich nicht, auch dort bin ich weder Baggerführer noch Architekt. Ich war nur dabei, weil ich es ein tolles Projekt finde, und weil wir als Staatsoper den ein oder anderen Raum mitbenutzen könnten.

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