09.12.12

Konzert

Seeed feiern in ihrer Heimat Berlin ein umjubeltes Comeback

Rückkehr nach fünf Jahren: Die Berliner Stadtkapelle um Frontmann Peter Fox steht in der Max-Schmeling-Halle endlich wieder auf der Bühne.

Von Eva Lindner
Foto: dpa

Seit fast 15 Jahren schmachten Peter Fox kugelrunde Mädchenaugen aus dem Publikum entgegen, so nun auch in der Berliner Max-Schmeling-Halle
Seit fast 15 Jahren schmachten Peter Fox kugelrunde Mädchenaugen aus dem Publikum entgegen, so nun auch in der Berliner Max-Schmeling-Halle

Auf der Bühne stehen elf Männer in schwarzen Anzügen, vier Bläser, Gitarristen, Bass, Schlagzeug, drei Sänger. Peter Fox gibt den Chef-Gentleman, als einziger behält er den ganzen Abend über Sakko und Anzugweste an, die schwarze Krawatte ist akkurat gebunden.

Seeed scheinen so etwas wie eine Familienband geworden zu sein, es gibt sie schon so lange, dass sie langsam anfangen, Generationen zu verbinden. Eltern sind mit ihren Kindern da, Jugendliche, von denen unklar ist, ob sie abends schon so lange alleine rausdürfen und Mittdreißiger, denen man ansieht, dass sie schon durch ein Partyleben durch sind und in Erwägung ziehen, ein zweites zu beginnen.

Hunderte Hände halten ihre Smartphones hoch, um im Anschluss den 125.000sten biergetränkten, verwackelt-unscharfen Handymitschnitt eines Konzertes auf YouTube zu stellen.

Nach fünf Jahren ist die Berliner Stadtkapelle zurück

Seit fast 15 Jahren schmachten Peter Fox kugelrunde Mädchenaugen aus dem Publikum entgegen, so nun auch in der Max-Schmeling-Halle. Bei dieser Setlist kann nicht viel schiefgehen: "Dancehall Caballeros", "She Got Me Twisted", "Schwinger". Danach ist das Publikum, das gerade noch vor einer Kältewand aus minus neun Grad stand, auf Zimmertemperatur gebracht. Jeder kann mitsingen, Berlin ist guter Laune, nach fünf Jahren ist seine Stadtkapelle zurück, die beiden Heimatkonzerte sind seit einem Jahr ausverkauft.

Dann "Beautiful", "Lovelee", "Deine Zeit", erste Songs aus "Seeed", dem neuen, vierten Album der Band. Rockiger, als die Band bisher war, verschmuster, vielleicht auch ein bisschen poppiger, Mainstreammusik zu machen wurde der Band schon früher vorgeworfen. Doch auch diesmal geht das Seeed-Prinzip auf: Beat, Beat, Beat, Bläser, die Stimme von Peter Fox, die karibischen Raps von Demba Nabé und sofort passiert das, was immer passiert, wenn irgendwo ein Seeed-Song gespielt wird: Die Mädchen gehen in die Knie, die Jungs wippen ihnen entgegen, alle feiern, alle hüpfen, alle drehen durch.

Der Refrain von "Augenbling" könnte einfacher nicht sein, "Deine Augen machen bling bling, und alles ist vergessen", singt Peter Fox, aber es reicht: Die blonde Studentin weit vorne in der Halle tanzt verzückt, hinter ihr steht ein Peter-Fox-Verschnitt, weißes Hemd, Anzugweste, schwarzer Hut. Er grinst sie an, macht Armbewegungen, als würde er ihr den Hintern versohlen, sie findet's niedlich, wackelt mit dem Popo und lacht ekstatisch. Alles wie immer. Die Wiedervereinigung scheint zu funktionieren, Berlin nimmt die verlorenen Söhne wieder in sein Herz auf.

Endlose Clubnächte und die Hassliebe zu Berlin

Auch in den neuen Liedern geht es wieder um endlose Clubnächte, um schöne Frauen, um die Hassliebe zu Berlin. Den größten Erfolg feierten Seeed, als der Hype um die Hauptstadt gerade so richtig entflammte. Anfang der Nullerjahre wollte jeder junge Mensch, der was auf sich hielt, in Berlin wohnen. Jeder, der zwischen München und Mecklenburg aufwuchs, fand Berlin "cool". Du ziehst fürs Studium nach Berlin? Cool. Du ziehst nach Berlin, um dich von der Kunst inspirieren zu lassen? Cool. Du ziehst nach Berlin und schaust dann mal, was du da so machst? Cool.

"Dickes B" wurde 2001 zu ihrer Hymne, der Berlin-Hymne, die rastlose Seelen wie Sirenengesang zu sich rief. "Dickes B, home an der Spree, im Sommer tust du gut, und im Winter tut's weh. Mama Berlin – Backsteine und Benzin – wir lieben deinen Duft, wenn wir um die Häuser ziehn." Jeder wollte Teil des Sogs sein, der einen drei Nächte am Stück durch die Clubs zerrt, der einen hineinreißt in den Szenestrudel einer Hauptstadtclique, alle auf der Suche, alle ohne Ziel. Wenn die Party vorbei war und Berlin einen wieder ausspuckte, ausgelutscht, leer, einsam, auch dann hatte Peter Fox die passenden Zeilen für einen parat: "Guten Morgen Berlin, du kannst so hässlich sein, so dreckig und grau, du kannst so schrecklich sein, deine Nächte fressen mich auf" singt er in "Schwarz zu Blau".

Zu diesem Zeitpunkt ist der Frontsänger allerdings schon auf Solopfaden unterwegs. 2007, nach drei Echos, einem Sieg beim Bundesvision-Song-Contest und einem Auftritt bei der WM-Eröffnung 2006 mit Seeed, hat er genug und tritt künftig alleine auf. Mit Songs wie "Alles neu" und "Schwarz zu Blau" feiert er Erfolge, die die von Seeed sogar noch übersteigen. Seine Lieder erzählen anfangs immer noch Geschichten aus der Hauptstadt, spätestens mit "Haus am See" wird Peter Fox aber zum populären Chartsänger, nichts zeichnet ihn noch als typischen Berlin-Künstler aus, sein Sehnsuchtsstück von Haus und Kindern jenseits von Stress und Großstadtmief wird zum deutschen Allgemeingut.

Seeeds Open-Air-Konzerte in der Wuhlheide längst ausverkauft

Vier Jahre später kehrt Fox zurück, seine Band verzeiht im den Ausbruch, nimmt ihn wieder auf, bei den Konzerten spielt sie auch die Peter-Fox-Solostücke. Die Max-Schmeling-Halle ist mittlerweile so warmgekocht, dass der Sänger wie nach einem Saunaaufguss mit einem weißen Handtuch in Kreisbewegungen die Luft über sich zirkuliert. Zu dem Fox-Hit "Schüttel deinen Speck" holt die Band vier Mädchen auf die Bühne, die in einem Tanzwettbewerb um die Gunst des Publikums buhlen.

Nach einer ersten Zugabe will sich das Publikum nicht nach Hause schicken lassen, die "Zugabe"-Rufe werden so laut, dass sogar Dornröschen aus dem Bett gefallen wäre. Also noch ne Runde tanzen, singen, feiern. Die Fans scheinen Seeed die lange Zeit der Abwesenheit verziehen zu haben. Zwei Open-Air-Konzerte in der Wuhlheide im nächsten Sommer sind schon wieder ausverkauft, ein Zusatztermin wurde angesetzt. Am Ende wirft Peter Fox sein schweißgetränktes Handtuch in die Menge. Wie glücklich er damit eines der Mädchen aus der ersten Reihe macht, kann man nur erahnen.

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