07.12.12

Fotografie

Helmut Newtons spielerischer Blick auf die Frauen

Im Berliner Museum für Fotografie sind zwei Helmut-Newton-Ausstellungen zu sehen. Auch ein eher privates "Nacht-Archiv" wird präsentiert.

Foto: © Helmut Newton Estate

Heißer Sommer in Monte Carlo Fotografiert von Helmut Newton für die French Vogue im Jahr 1980
Heißer Sommer in Monte Carlo Fotografiert von Helmut Newton für die French Vogue im Jahr 1980

Wer Helmut Newton kannte, wusste, der Mann entwickelte ein beträchtliches Ego. Luxus und Kommerz waren ihm willkommen. Stets aber hatte er auch den Sinn fürs Grenzgängerische, und das nicht ohne Witz. Es war irgendwann im Jahr 1980, für die deutsche Vogue rüstete er sich für ein Lilie Marleen-Shooting, in verschiedenen Posen: Schauspielerin Hanna Schygulla.

Schwierige Frau, aber die Fotos waren gut, fand er. Per Dia-Show führte er der Redaktion anschließend die Bilderserie vor. Totenstille. Die Chefredakteurin stieß daraufhin nur ein entsetztes Wort aus und das hieß "Achselhaar". In der Welt des glamourösen Modemagazins existierte diese Behaarung eben nicht, bei Newton schon. Und genau mit diesem Tabu setzte er seinen Akzent.

Muskulös, stark, kraftvoll

"Für Newton war alles ein großes Spiel. Er spielte mit uns, dem Betrachter, mit der Mode – und auch mit seinem Auftraggeber", sagt Matthias Harder, Chef der Helmut Newton Stiftung am Zoo. Und mit den Möglichkeiten der Fotografie an sich. In welcher Weise zeigt die aktuelle Ausstellung "World without Men", schon der ironische Titel birgt einiges an Humorpotenzial. Natürlich gibt es in den gezeigten Fotos Männer. Wirklich gut gebaut, gut aussehend, vielleicht etwas zu glatt, allerdings nur als Staffage, zur Inszenierung der (erotischen) Schönheit der Frau, allein zur Darstellung ihrer Macht.

Das hatten wir so noch nicht gesehen, Alice Schwarzer offenbar auch nicht. Die Frauenrechtlerin hielt Newton einst für sexistisch, seine Art der Darstellung von Sexualität, seine "Big Nudes" gar "faschistoid". Ein alter, böser Streit, lange vorbei. Heute sind seine Fotos Klassiker im Museum. Die weiterhin Begehren auslösen können, klar, bei Männern ein anderes als bei Frauen. Über Erotik lässt sich streiten. Tatsächlich aber hat der in Berlin geborene Fotograf, der 2004 verstarb, mit seinem sexy Stil die Modefotografie revolutioniert wie kein anderer seiner Zeit. Er entdeckte den weiblichen "Mode-Körper", manche nannten es auch "Körpermaschine": hochgewachsen, muskulös, stark, kraftvoll.

Zahlreiche Ikonen befinden sich unter den Arbeiten, die in Paris, Los Angeles, London und Berlin in den Sechzigern bis tief in die Achtziger aufgenommen wurden. 1984 erschienen sie allesamt in einem Bildband, der jetzt wieder aufgelegt wird. Modefotografie ist ein extrem zeitgeistiges Genre, verblüffend, wie modern Newtons Bilder gerade aus den 1960er Jahren heute noch sind. Quasi zeitlos. "Newton ist der Fotograf, der es geschafft hat", meint Hader, "mit seinen Bildern aus der Mode herauszuwachsen." Da ist etwa die melancholische Witwe auf einer Gondel in Venedig, feinste schwarze Spitze verdeckt das Gesicht, alles schwarz, auch die Klunker am Handgelenk. Hier spielt Newton clever mit dem Filmzitat "Wenn die Gondeln Trauer tragen", das gibt der Modeinszenierung einen subtilen Kick.

Natürlich ist eine Newton-Ausstellung keine Newton-Ausstellung, wären keine Erotik-Bilder zu sehen. Mit den Phantasien zu spielen, das reizte ihn. Da gibt es den flotten Dreier, also eine Frau zwischen zwei Männern, und hier hat die coole Blonde die Qual der Wahl. Sie nimmt beide, vor den weniger romantischen Kulissen einer Industrieanlage der Modestadt Mailand. Geworben wird für eine Lederjacke mit Fell. Erzählt wird eine andere Geschichte. Welchen enormen Wert die Schwarzweißfotografie für die Entwicklung der Modefotografie hatte, das kann man in der Ausstellung gut nachvollziehen. Als die Farbe Einzug hielt in den Magazinen, rückte Newton stets mit zwei Kameras an, eine eben für die Farbe, die andere für die klassischen Schwarzweißkontraste.

Der etwas andere Blick

Mit den "Archives de Nuit", den Nacht-Archiven, eröffnet die Ausstellung einen anderen Blick auf Newton, wenn man so will, den privaten, jenseits der kommerziellen Großaufträge. Tief- und abgründige Bilder, die nicht unbedingt für die Veröffentlichung bestimmt waren. Sie mussten keiner Komposition, keinem Auftrag entsprechen. Trotzdem sieht man sofort: Newton hatte einen verdammt guten Blick. Zusammengenommen sind sie so etwas wie Skizzenbücher: ein toter Tiger auf dem Boden, bizarre Wachsfiguren, die ihre Innereien freilegen, anbrandende schwarze Wellen an der Cote d'Azur.

In einigen dieser Bilder lauert leise so etwas wie Vergänglichkeit, vielleicht auch Traurigkeit. Helmut Newton hat als Fotograf viel gesehen in der Welt. Oft hat man ihm die bloße Öberflächlichkeit vorgeworfen. Wir sehen, der Mann konnte auch anders.

Helmut Newton Stiftung, Museum für Fotografie in Berlin. Jebenstr. 2. Öffnungszeiten: Di-So 10-18 Uhr, Do 10-20 Uhr. Bis 19. Mai 2013. Katalog: erscheint im Taschen Verlag im Januar.

© Berliner Morgenpost 2013 - Alle Rechte vorbehalten
Die Favoriten unseres Homepage-Teams

Die zuletzt noch vom Veranstalter erhofften 30.000 Zuschauer waren es nicht auf der Fanmeile, aber...
25.05.13Dortmund-Bayern
So erlebte Berlin das Champions-League-Finale

Auf der Fanmeile war noch Platz, einige Tausend Menschen feierten hier das Spiel zwischen Dortmund und Bayern. Die Kneipen Berlins waren hingegen voll. Das Protokoll des Champions-League-Abends. mehr...

Borussia Dortmund - FC Bayern München
25.05.13Champions League
Arjen Robben schießt die Bayern auf Europas Thron

Es war ein würdiges, hochklassiges und spannendes Champions-League-Finale mit einem verdienten Sieger. In der 89. Minute erzielte Arjen Robben des erlösende 2:1 für den FC Bayern gegen den BVB. mehr...


Jupp Heynckes und Jürgen Klopp zeigen, wie man richtig führt
00:33Kommentar
Die wahren Stars dieses besonderen Champions-League-Abends

Fußball ist die letzte Bastion des Darwinismus. In einer überwaldorften Welt setzt sich hier noch immer der Stärkere durch: Jürgen Klopp und Jupp Heynckes sind beide Gewinner dieses Systems. mehr...


Natalie Dawn spielt am Sonntagabend im Privatclub
25.05.13Tagesvorschau
Das bringt der Tag in Berlin am Sonntag

Berlin hat jeden Tag Neues zu bieten. Politische Termine, Demonstrationen, Prozesse, Theater, Konzerte. Hier finden Sie eine Auswahl der Berliner Morgenpost für Freitag, den 26. Mai. mehr...

Leser-Kommentare Kommentare
Leserkommentare sind ausgeblendet.
Kommentare einblenden
Die Technik der Kommentarfunktion "DISQUS" wird von einem externen Unternehmen, der Big Head Labs, Inc., San Francisco/USA., zur Verfügung gestellt. Weitere Informationen, insbesondere darüber, ob und wie personenbezogene Daten erhoben und verarbeitet werden, finden Sie in unseren Datenschutzbestimmungen

Die Moderation der Kommentare liegt allein bei MORGENPOST ONLINE.
Allgemein gilt: Kritische Kommentare und Diskussionen sind willkommen, Beschimpfungen / Beleidigungen hingegen werden entfernt. Wie wir moderieren, erklären wir in der Netiquette.
blog comments powered by Disqus
 
Top-Thema
title
Start-ups in Berlin

Gründerzeit: Die Serie und das Blog der Berliner Morgenpost.

Video Nachrichten mehr
Anschlagswarnung Erhöhte Sicherheitskontrollen vor Finale
Randale Erneut Krawalle in Schweden – Schulen brennen
London-Stansted Kampfjets eskortieren Flugzeug – Terrorverdacht
Washington Brücke in USA eingestürzt
 
Top Bildershows mehr
Jeden Tag

Kopfnoten für Politiker, Manager und Prominente

Willkommen in Berlin

Hurra, ich bin da! Das sind Berlins süße Babys

Fotogalerie

Das sind die Berliner Bilder des Tages

Fanfest

Berlins Fanmeile Champions-League-Finale

 
In eigener Sache
Weitere Morgenpost Angebote