07.12.12

Fotografie

Helmut Newtons spielerischer Blick auf die Frauen

Im Berliner Museum für Fotografie sind zwei Helmut-Newton-Ausstellungen zu sehen. Auch ein eher privates "Nacht-Archiv" wird präsentiert.

Von Gabriela Walde
Foto: © Helmut Newton Estate

Heißer Sommer in Monte Carlo Fotografiert von Helmut Newton für die French Vogue im Jahr 1980
Heißer Sommer in Monte Carlo Fotografiert von Helmut Newton für die French Vogue im Jahr 1980

Wer Helmut Newton kannte, wusste, der Mann entwickelte ein beträchtliches Ego. Luxus und Kommerz waren ihm willkommen. Stets aber hatte er auch den Sinn fürs Grenzgängerische, und das nicht ohne Witz. Es war irgendwann im Jahr 1980, für die deutsche Vogue rüstete er sich für ein Lilie Marleen-Shooting, in verschiedenen Posen: Schauspielerin Hanna Schygulla.

Schwierige Frau, aber die Fotos waren gut, fand er. Per Dia-Show führte er der Redaktion anschließend die Bilderserie vor. Totenstille. Die Chefredakteurin stieß daraufhin nur ein entsetztes Wort aus und das hieß "Achselhaar". In der Welt des glamourösen Modemagazins existierte diese Behaarung eben nicht, bei Newton schon. Und genau mit diesem Tabu setzte er seinen Akzent.

Muskulös, stark, kraftvoll

"Für Newton war alles ein großes Spiel. Er spielte mit uns, dem Betrachter, mit der Mode – und auch mit seinem Auftraggeber", sagt Matthias Harder, Chef der Helmut Newton Stiftung am Zoo. Und mit den Möglichkeiten der Fotografie an sich. In welcher Weise zeigt die aktuelle Ausstellung "World without Men", schon der ironische Titel birgt einiges an Humorpotenzial. Natürlich gibt es in den gezeigten Fotos Männer. Wirklich gut gebaut, gut aussehend, vielleicht etwas zu glatt, allerdings nur als Staffage, zur Inszenierung der (erotischen) Schönheit der Frau, allein zur Darstellung ihrer Macht.

Das hatten wir so noch nicht gesehen, Alice Schwarzer offenbar auch nicht. Die Frauenrechtlerin hielt Newton einst für sexistisch, seine Art der Darstellung von Sexualität, seine "Big Nudes" gar "faschistoid". Ein alter, böser Streit, lange vorbei. Heute sind seine Fotos Klassiker im Museum. Die weiterhin Begehren auslösen können, klar, bei Männern ein anderes als bei Frauen. Über Erotik lässt sich streiten. Tatsächlich aber hat der in Berlin geborene Fotograf, der 2004 verstarb, mit seinem sexy Stil die Modefotografie revolutioniert wie kein anderer seiner Zeit. Er entdeckte den weiblichen "Mode-Körper", manche nannten es auch "Körpermaschine": hochgewachsen, muskulös, stark, kraftvoll.

Zahlreiche Ikonen befinden sich unter den Arbeiten, die in Paris, Los Angeles, London und Berlin in den Sechzigern bis tief in die Achtziger aufgenommen wurden. 1984 erschienen sie allesamt in einem Bildband, der jetzt wieder aufgelegt wird. Modefotografie ist ein extrem zeitgeistiges Genre, verblüffend, wie modern Newtons Bilder gerade aus den 1960er Jahren heute noch sind. Quasi zeitlos. "Newton ist der Fotograf, der es geschafft hat", meint Hader, "mit seinen Bildern aus der Mode herauszuwachsen." Da ist etwa die melancholische Witwe auf einer Gondel in Venedig, feinste schwarze Spitze verdeckt das Gesicht, alles schwarz, auch die Klunker am Handgelenk. Hier spielt Newton clever mit dem Filmzitat "Wenn die Gondeln Trauer tragen", das gibt der Modeinszenierung einen subtilen Kick.

Natürlich ist eine Newton-Ausstellung keine Newton-Ausstellung, wären keine Erotik-Bilder zu sehen. Mit den Phantasien zu spielen, das reizte ihn. Da gibt es den flotten Dreier, also eine Frau zwischen zwei Männern, und hier hat die coole Blonde die Qual der Wahl. Sie nimmt beide, vor den weniger romantischen Kulissen einer Industrieanlage der Modestadt Mailand. Geworben wird für eine Lederjacke mit Fell. Erzählt wird eine andere Geschichte. Welchen enormen Wert die Schwarzweißfotografie für die Entwicklung der Modefotografie hatte, das kann man in der Ausstellung gut nachvollziehen. Als die Farbe Einzug hielt in den Magazinen, rückte Newton stets mit zwei Kameras an, eine eben für die Farbe, die andere für die klassischen Schwarzweißkontraste.

Der etwas andere Blick

Mit den "Archives de Nuit", den Nacht-Archiven, eröffnet die Ausstellung einen anderen Blick auf Newton, wenn man so will, den privaten, jenseits der kommerziellen Großaufträge. Tief- und abgründige Bilder, die nicht unbedingt für die Veröffentlichung bestimmt waren. Sie mussten keiner Komposition, keinem Auftrag entsprechen. Trotzdem sieht man sofort: Newton hatte einen verdammt guten Blick. Zusammengenommen sind sie so etwas wie Skizzenbücher: ein toter Tiger auf dem Boden, bizarre Wachsfiguren, die ihre Innereien freilegen, anbrandende schwarze Wellen an der Cote d'Azur.

In einigen dieser Bilder lauert leise so etwas wie Vergänglichkeit, vielleicht auch Traurigkeit. Helmut Newton hat als Fotograf viel gesehen in der Welt. Oft hat man ihm die bloße Öberflächlichkeit vorgeworfen. Wir sehen, der Mann konnte auch anders.

Helmut Newton Stiftung, Museum für Fotografie in Berlin. Jebenstr. 2. Öffnungszeiten: Di-So 10-18 Uhr, Do 10-20 Uhr. Bis 19. Mai 2013. Katalog: erscheint im Taschen Verlag im Januar.

© Berliner Morgenpost 2014 - Alle Rechte vorbehalten
P.S.: Sind Sie bei Facebook? Dann werden Sie Fan von der Berliner Morgenpost.
Die Favoriten unseres Homepage-Teams

Top-Thema
title
Die besten Berlin-Videos

Das sind die Youtube-Favoriten der Redaktion.

Video Nachrichten mehr
Mexiko Ist diese Frau der älteste Mensch der Geschichte?
Mexiko Hunderttausende tote Fische machen Fischern Sorgen
Kampf gegen IS USA fliegen tonnenweise Hilfsgüter in den Nordirak
Erdrutsche Hochwasser in China führt zu acht Toten
Top Bildershows mehr
Bürgermeister-Karriere

Klaus Wowereit und der Abstieg vom Gipfel

Willkommen in Berlin

Hurra, ich bin da! Das sind Berlins süße Babys

Jeden Tag

Kopfnoten für Politiker, Manager und Prominente

Nina Hagens Tochter

Schauspielerin Cosma Shiva Hagen

In eigener Sache
Weitere Morgenpost Angebote