06.12.12

Konzert in Berlin

Motörheads Lemmy wird von Bierbecher-Werfern vertrieben

Lärm kann so schön sein: Die Veteranen spielen ihren brachialen Sound vor 7500 Zuschauern im Berliner Velodrom. Zu Beginn gibt's Ärger.

Von Peter E. Müller
Foto: Robert John /SPV
Sein Geburtsort liegt in England und heißt Stoke-on-Trent.
Bassmann Lemmy Kilmister

Der Mann mit dem schwarzen Cowboyhut mag es überhaupt nicht, wenn Bierbecher vom Publikum aus auf die Bühne geworfen werden. "Wenn noch einmal so ein Ding auf die Bühne fliegt, sind wir weg", grummelt Lemmy Kilmister am Mittwochabend ins prallvolle Velodrom. Dabei hat das Konzert noch gar nicht richtig begonnen. Und schon landet das nächste Wurfgeschoss.

Lemmy Kilmister macht auf dem Stiefelabsatz kehrt. Licht aus. Staunen im Saal. Aber natürlich kehrt er nach einer erzieherischen Pause wieder. Keucht nach gewohntem Ritual "We are Motörhead!" ins Mikrofon und das Briten-Trio wuchtet seinen schwermetallenen Rock'n'Roll in gewohnt gnadenloser Lautstärke in die Radsporthalle.

Keine Atempause. Hier wird konsequent auf Druck gespielt. Es sind die Passion für den klassischen Rock'n'Roll und die Energie des Punk, die diesen drängenden Sound über Jahrzehnte geformt haben. Mit "I Know How To Die" eröffnen Motörhead ihren Abend. Es ist das einzige neuere Stück im Repertoire der bodenständigen Outlaws, vom 2012 erschienenen Album "The Wörld Is Ours". Mit "Damage Case", "Stay Clean" und Metropolis" folgen dann nacheinander gleich drei Stücke vom 1979er-Album "Overkill".

Lemmys legendärer Auftritt im Berliner Kant-Kino

Das war gerade erschienen, als der rau-röhrende Bassmann Lemmy Kilmister erstmals eine Berliner Bühne betreten hatte. Im Oktober 1979 war das, im legendären Charlottenburger Kant-Kino. Die klobigen Lautsprecher waren damals bis unter die Decke gestapelt. Der brachiale Sound dröhnte bis auf die Straße. Es war tatsächlich das wohl lauteste Konzert, das die Stadt bis dahin erlebt hatte.

Lautstärke ist noch immer ein wichtiges Stilelement dieser kraftstrotzenden Truppe, deren Anführer Lemmy Akkorde aus seinem Bass hämmert und wie ein heulender Wolf ins hochgehängte Mikro keucht. Heiligabend wird er 67 Jahre alt, und noch immer malträtiert der inzwischen in Los Angeles lebende Waliser sein Instrument, als wär es gar kein Bass, sondern eine E-Gitarre.

Dabei zählt mit Phil Campbell seit 1983 ein stählerne Stakkato-Riffs schlagender Gitarrist zum Trio, das von Schlagzeuger Mikkey Dee (seit 1992 dabei) aufreibend auf Trab gehalten wird. Auf der Grundlage des Blues und des Rock'n'Roll zelebriert Motörhead ein infernalisches, hart rockendes und gänzlich balladenfreies Spektakel, das die rund 7500 Besucher, von denen gefühlt jeder zweite ein Motörhead-T-Shirt trägt, mächtig aufheizt. Freilich schwindet mit der Größe der Halle auch die druckvolle Energie, die diese Band auszeichnet. Im Velodrom wird der knochentrockene Klang zu einem Maschinenhallen-Breitwandsound im kreischend hohen Dezibelbereich.

Berlin-Auftritt von Motörhead endete in der Charité

Mit Diaries of a Hero und den New Yorker Speed-Metal-Haudegen Anthrax haben zuvor gleich zwei Bands auf die Begegnung mit Motörhead eingestimmt. Die kommen mit schöner Regelmäßigkeit immer kurz vor Weihnachten nach Berlin. Meist in die Columbiahalle. Doch diesmal war der Andrang so groß, dass das Konzert zunächst in den Tempelhofer Hangar 2, dann ins noch größere Velodrom verlegt worden war. Alle wollen Lemmy sehen. Wer weiß schon, wie lange er die Tournee-Tortur noch auf sich nehmen will. Schließlich endete für ihn vor ein paar Jahren ein Berlin-Konzert nach einem Zusammenbruch hinter der Bühne in der Charité. Im Velodrom allerdings scheint es keinen Moment lang so, als ob der Hobby-Historiker und Militariasammler ans Aufhören denkt.

Motörhead-Musik ist von schlichter, ehrlicher Gradlinigkeit. Es sind kompakte, aufs Wesentliche konzentrierte Dreiminüter, die oft auch mit ebenso vielen Akkorden auskommen. Mit "You Better Run" vom 92er-Album "March ör Die" – die anglophile Faszination am deutschen Umlaut ist bei Motörhead allgegenwärtig – gehört sogar ein gestandener Blues zum Repertoire. Genau eine Stunde dauert die furiose Phon-Massage, dann ist mit dem größten Hit "Ace Of Spades", der nun auch schon 32 Jahre auf dem Buckel hat, Schluss. Den Titelsong des "Overkill"-Albums gibt's aber auch noch. Als aufwühlend gehämmerte Zugabe im gleißend zuckenden Scheinwerferlicht. Lärm kann so schön sein.

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