05.12.12

60. Geburtstag

"Tagesschau"-Zuschauer lieben gerade das Altmodische

Mit einer Gala feiert die ARD den 60. Geburtstag der Nachrichtensendung. Der ist zwar erst am 26. Dezember, aber da ist ja Weihnachten.

Foto: NDR/Annemarie Aldag

„Guten Abend, meine Damen und Herren“: Karl-Heinz Köpcke (1922 bis 1991) war der beliebteste Sprecher der Tagesschau
"Guten Abend, meine Damen und Herren": Karl-Heinz Köpcke (1922 bis 1991) war der beliebteste Sprecher der Tagesschau

Bei der "Tagesschau" nehmen die Festivitäten kein Ende: Vor ziemlich genau zwei Jahren feierten sie in Lokstedt mit "rund 350 Gästen aus Politik, Kultur, Wirtschaft und speziell der Medienbranche" die 20000. Ausgabe der "Tagesschau" und die 10000. Ausgabe der "Tagesthemen". Die nächste Fete stieg 16 Monate später: Im April diesen Jahres eröffnete die ARD die Feierlichkeiten zum 60. Geburtstag der "Tagesschau" mit dem zweiteiligen Quiz "Schlau wie die Tagesschau".

Und an diesem Donnerstag gibt es schon wieder eine Sause: Um 19 Uhr bittet das Erste zur großen Gala in das Kreuzfahrtterminal Altona. Durch den Abend führt Judith Rakers. Anlass ist der "60. Jahrestag der Erstausstrahlung der ,Tagesschau'", wie es in der Einladung heißt. Der ist zwar erst am 26. Dezember, aber dann ist ja Weihnachten.

Es gibt kein Entrinnen

Dass die ARD-Granden nicht aufhören wollen, ihre "Tagesschau" zu feiern, hat vor allem zwei Gründe: Das Flaggschiff des Ersten ist omnipräsent. Es ist das mit Abstand bekannteste Nachrichtenformat des deutschen Fernsehens. Vor der "Tagesschau" gibt es kein Entrinnen: Sie gibt es im Internet, als App sowie als rund um die Uhr sendenden Nachrichtenkanal namens Tagesschau24. Zudem flimmert die "Tagesschau" neuerdings bundesweit auf 2200 Infosäulen, die der Werbedienstleister Ströer in Einkaufszentren und auf Bahnhöfen platziert hat. Da ist es nur folgerichtig, wenn die ARD jedes halbwegs passende Jubiläum zum Anlass nimmt, um dann auch auf die "Tagesschau" aufmerksam zu machen.

Zum anderen ist die endloses Feierei auch eine Möglichkeit, sich der eigenen Identität zu vergewissern. Denn die ist durchaus gespalten: "Die Tagesschau" ist zwar "so digital wie kaum eine andere Medienmarke", wie das Fachblatt "Medium Magazin" schreibt, und damit äußerst modern. Zugleich ist ihre 20-Uhr-Ausgabe die wohl altmodischste Nachrichtensendung, die es im deutschen Fernsehen gibt.

Der Online-Dienst Meedia attestierte der "Tagesschau" kürzlich "Behördenjournalismus" und rügte ihre "überkomplizierte, Substantiv-getränkte Sprache (,Die Bundesländer steuern auf einen neuen Anlauf für ein NPD-Verbotsverfahren zu')." In der Tat wirkt im 21. Jahrhundert das halbamtliche Verlesen von Meldungen, die bereits tagsüber auf allen Nachrichtenportalen des Internet liefen, schon seit längerer Zeit etwas seltsam. Und wenn Judith Rakers und Jan Hofer dann auch noch glauben machen wollen, als würden sie vom Blatt lesen, obwohl nahezu jeder Zuschauer weiß, dass ihre Texte aus dem Teleprompter kommen, ist das noch ein wenig seltsamer.

Aufregung um die Fanfare

Es ist das Problem der ARD, dass ihre Zuschauer im Schnitt schon jenseits der 60 sind und offenbar Veränderungen strikt ablehnen. In dieser Ablehnung auch nur der kleinsten Neuerung werden sie vom Boulevard unterstützt: Als kürzlich etwa gemeldet wurde, die "Tagesschau"-Fanfare könne ein ganz klein wenig verändert werden, war die Aufregung enorm groß. So gesehen ist es vielleicht ganz gut, dass das neue "Tagesschau"-Studios, anders als geplant, nicht pünktlich zum Jubiläum fertig geworden ist. Womöglich würde die neue Touchscreen-Elemente, wie man sie von Smartphones und Tablet-PCs kennt, die "Tagesschau"-Zuschauer verunsichern.

Nun wäre es für die ARD in der Tat ziemlich riskant, ihr in die Jahre gekommenes Publikum zu verprellen. Anderseits wird sie nicht ewig so weitermachen können wie bisher, denn dann droht der "Tagesschau" ein Generationenabriss. Erschwerend kommt hinzu, dass man im Ersten ganz offenbar die Rolle des Internet für den Nachrichtenjournalismus falsch einschätzt: So wird im Werbeblock für Tagesschau.de, der in keiner Hauptnachrichtensendung mehr fehlt, darauf hingewiesen, dass sich auf dem eigenen Online-Portal mehr Hintergrundinformationen zur gerade verlesenen Meldung findet.

Ein radikaler Vorschlag

Dabei weiß mittlerweile jeder Publizistikstudent, dass die Nutzer im stationären Internet vor allem aktuelle und schnell konsumierbare Informationen suchen. Für Analyse und Hintergrund sind so genannte Lean Back-Medien viel besser geeignet wie etwa Zeitungen, Zeitschriften, Tablet-PCs, aber eben auch das gute alte Fernsehen. Komplexe Sachverhalte lassen sich idealerweise in entspannter Rezeptionshaltung erfassen. Was spräche also dagegen, die "Tagesthemen" auf eine Stunde zu verlängern und auf den Sendeplatz der "Tagesschau" zu heben?

Gewiss, das ist ein radikaler Vorschlag. Aber das Mediennutzungsverhalten der Unter-40-Jährigen hat sich bereits radikal geändert. Die Macher der "Tagesschau" täten gut daran, dies ins Kalkül zu ziehen.

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