03.12.12

Buch-Verfilmung

Wie das Mittelalter zur platten Trash-Kulisse verkommt

Bestseller-Autor Ken Follett erklärt in "Die Tore der Welt" die Epoche. Sat.1 zeigt die Geschichtsklitterung als vierteilige TV-Serie.

Von Lucas Wiegelmann
Foto: Sat.1/Tandem Produktion
<fett>Der erste Teil</fett> von Ken Follets „Die Tore der Welt“ läuft Montagabend auf Sat.1
Der erste Teil von Ken Follets "Die Tore der Welt" läuft Montagabend auf Sat.1

Wir leben in einer Wendezeit. Nicht wegen der Finanzkrise. Es ist eine geistesgeschichtliche Wende, die Zeit eines neuen Humanismus. Träger dieser Wende sind die boomenden Geschichtsromane. Dass es sich hier um eine gemeinschaftliche Bewegung handelt, verraten schon die stets sehr ähnlichen Titel, "Die Hure des Weihbischofs", "Die Strebepfeiler der Macht", "Der Tripper der Äbtissin" und so weiter.

Im Gegensatz zu den Humanisten des 16. Jahrhunderts schreiben die heutigen Autoren nicht auf Latein, sondern in den Volkssprachen. Was sie aber mit jenen gemeinsam haben, ist die hochmütige, fast schon mitleidige Verachtung des Mittelalters. Wie damals in den Traktaten der Antike-Liebhaber, so spricht auch aus den historischen Romanen von heute die selbstgerechte Überzeugung, unsere heutige Zeit sei zivilisiert, im Gegensatz zu den stinkenden und von der Kirche geknechteten Barbaren zwischen 800 und 1500. Der einflussreichste Vordenker dieser neuen Renaissance ist Ken Follett.

Der britische Bestseller-Autor hat sich zwar in seinen jüngsten Werken dem zwanzigsten Jahrhundert zugewandt ("Sturz der Titanen", "Winter der Welt"). Aber sein bekanntestes Werk ist immer noch sein Mittelalter-Epos "Die Säulen der Erde" (erschienen 1990), das von einem abenteuerlichen Kathedralenbau im fiktiven englischen Ort Kingsbridge erzählt.

Ken Follet wird zu unseriösem, wertlosen Trash

Der Nachfolger "Die Tore der Welt" (2007) wurde soeben verfilmt und läuft ab heute als Vierteiler auf Sat.1. Und als Zugabe kommt zusätzlich noch die als "Primetime Event-Doku" angekündigte Sendung "Ken Folletts Reise ins Mittelalter". Mit diesem Doppel-Filmprojekt verlässt Follett endgültig die Grauzone eines wenn nicht besonders originellen, so doch soliden historischen Erzählens und betritt ungerührt das Feld des Wertlosen, Unseriösen. Ken Follett wird Trash.

In seinen Büchern konnte man ihm zumindest noch einen gewissen Fleiß zugute halten, einen Recherche-Ehrgeiz. Er gönnte sich viel Platz, um die Stockwerke einer mittelalterlichen Kathedrale zu erklären oder die Hintergründe des Hundertjährigen Kriegs. Aber die Kulissen, die erwachen nie richtig zum Leben, weil die Figuren mit der Wirklichkeit des 14. Jahrhunderts genauso fremdeln wie der Leser. Folletts Protagonisten benehmen sich, als hätten sie Buchdruck, Französische Revolution und am besten noch das Internet schon erlebt. Die junge Frau, die gegen die starren Regeln im Kloster opponiert, die weise alte Dame, die Bildung für alle propagiert – sie wirken wie Theaterschauspieler, die über ihre komische Verkleidung lachen müssen.

Das Mittelalter als kranke, minderwertige Epoche

Für die Verfilmung musste der umfangreiche Stoff natürlich gestrafft werden. So fällt das meiste weg, was die Buchvorlage noch an interessantem Hintergrundwissen geliefert hat. Übrig bleiben nur die platten Figuren: Caris (Charlotte Riley), Tochter eines reichen Wollhändlers, die so gern Ärztin werden will und leider von vielen bösen Männern in ihrem Ehrgeiz behindert wird. Einer ihrer mächtigsten Gegenspieler ist ihr Cousin Godwyn (Rupert Evans), der als fanatischer Mönch in der Kirchenhierarchie aufsteigt.

Und parallel verfolgen wir das Schicksal des körperlich schwachen, aber cleveren Merthin (Tom Weston-Jones), der revolutionäre Techniken für den Bau einer neuen Brücke erfindet, aber damit das Establishment der Baumeister gegen sich aufbringt. Dieses Personal ärgert sich nun stellvertretend fürs Publikum über die mörderische Inquisition, die schlechten Hygieneverhältnisse oder den Aberglauben der Ungebildeten.

Was die Menschen damals wirklich geglaubt haben, wie ihr Weltbild war, solche Fragen sind nicht Gegenstand des Films. So erscheint das Mittelalter einmal mehr als kranke, minderwertige Epoche, die die wenigen normalen Menschen, die es gab, verfolgt und bekämpft hat. Die Humanisten wären stolz auf Follett gewesen.

"Die Tore der Welt" (Vierteiler): Montag, 4., 10. und 11. 12. 2012, jeweils 20.15 Uhr, Sat.1.

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