02.12.12

Auszeichnung

Hanekes "Liebe" siegt beim Europäischen Filmpreis

Alter schützt vor Preisen nicht: Der Triumph in Malta bestätigt den neuen Trend von Senioren im Kino.

Von Peter Zander
Foto: dpa

Zusammen kommen sie auf 236 Jahre Michael Haneke (70) mit seinen Schauspielern Emmanuelle Riva (85) und Jean-Louis-Trintignant (81) bei den Dreharbeiten zu „Liebe“
Zusammen kommen sie auf 236 Jahre Michael Haneke (70) mit seinen Schauspielern Emmanuelle Riva (85) und Jean-Louis-Trintignant (81) bei den Dreharbeiten zu "Liebe"

Michael Haneke ist jetzt der erfolgreichste Filmemacher Europas. Zumindest wenn man den Europäischen Filmpreis, der am Samstag auf Malta zum 25. Mal verliehen wurde, als Messlatte ansetzt. Vier Trophäen hat Hanekes berührendes Liebes- und Sterbedrama "Liebe" dort gewonnen: für die Hauptdarsteller, für die Regie und in der Königskategorie Bester Film.

"Ich hätte nicht gedacht, dass ich diesen Preis so schnell wieder bekommen würde", sagte Haneke, als er den letzten, den wichtigsten Preis entgegennahm. Er hatte erst vor drei Jahren für "Das weiße Band" - auch das eine Koproduktion mit der Berliner Produktionsfirma X Filme - den Hauptpreis bekommen. Und noch einmal 2005 für "Caché". In der 25-jährigen Geschichte des Europäischen Filmpreises ist Haneke erst der dritte Regisseur, von dem drei Werke als Bester Film ausgezeichnet wurden.

Lars von Trier überholt

In der Frühphase des Euro-Oscars schien der Italiener Gianni Amelio ein regelrechtes Abonnement zu haben: 1990 wurde "Offene Türen" als Bester Film ausgezeichnet, 1992 "Gestohlene Kinder" und 1994 "Lamerica". Da schien es schon fast langweilig zu werden. Später holte ihn Lars von Trier ein, über einen allerdings längeren Zeitraum, von "Breaking the Waves" 1996 über "Dancer in the Dark" 2000 bis "Melancholia" im Vorjahr.

Von Trier ist allerdings auch zweimal als Europäischer Regisseur ausgezeichnet worden, für "Dancer" 2000 und für "Dogville" 2003. Eine Ehrung, die Amelio nie zuteil wurde. Haneke hingegen hat am Samstag zum dritten Mal in dieser Kategorie reüssiert, nach "Caché" und "Weißes Band".

Beide Darsteller glänzen durch Abwesenheit

Der Abend hätte ein großer Triumph sein müssen. Ein freudestrahlender Haneke zwischen seinen Hauptdarstellern. Aber die waren beide nicht anwesend - die 85-jährige Riva lag mit Grippe im Bett, der 81-jährige Trintignant stand in Paris auf der Bühne - und Haneke zeigte sich wie gewohnt von seiner grantigen Art, sagte nur knappe Dankesworte und ließ die düpierte Simultanübersetzerin allein auf der Bühne stehen. So grandios Haneke auch als Filmemacher ist , gönnen mag man ihm seine Auszeichnungen (für "Liebe" hat er in Cannes auch schon die Goldene Palme gewonnen) irgendwie nicht.

Dabei ist der große Triumph von "Liebe" auch die Bestätigung eines neuen Trends: dass nämlich Filme über das Alter durchaus kein Kassengift sein müssen. Sondern im Gegenteil die Kritik wie das Publikum begeistern können. Spätestens als das New Hollywood die Kinos eroberte und in den großen Studios reine Wirtschaftsmanager die alten Produzentenbosse ersetzten, hat sich das Filmangebot drastisch verändert.

Das Ende vom Teenie-Kino

Für zwei, drei Jahrzehnte galt das Teenie-Publikum, das männliche zumal, als vorrangiges, wenn nicht einziges Zielpublikum. Ältere Leute sollten gefälligst zuhause vor der Glotze sitzen bleiben. Was sie dann ja auch taten. Der Eindruck, dass Filme über ältere Menschen kein Publikum mehr finden, hat gleichwohl auch auf das europäische und das Independent-Kino gewirkt.

Seit geraumer Zeit aber ist nun ein gegenläufiger Trend zu beobachten: dass ältere – nein: seien wir mal mutig und sagen in diesem Zusammenhang ganz deutlich: alte – Menschen sich die Kinoleinwand zurückerobern. Und auch ihr Publikum finden. Dass die Alterspyramide auf dem Kopf steht, ist keine neue Erkenntnis: Die westlichen Gesellschaften werden immer älter, die Senioren aber auch immer rüstiger.

Wiederentdeckung der Generation 70+

Die lassen sich nicht mehr nur aufs Rosenzüchten und Enkelhüten reduzieren, die sind umtriebig und unternehmenslustig. Und gehen auch wieder ins Kino. Und im Gegenzug wird auch in den Filmen die Generation 70+ wieder entdeckt. Und das nicht nur in Form von unwürdigen Alten ("Kalender Girls") oder von Komödien über dritte Zähne und Inkontinenz - wie Leander Haußmanns "Dinosaurier" oder jüngst die cineastische Flucht aus dem Altenheim "Bis zum Horizont, dann links".

Immer offener zeigt man auch die Nöte der Großelterngeneration, Demenz und Alzheimer wird schon länger thematisiert, auch Altersarmut wird immer mehr als Filmstoff entdeckt. Und auch über alternative Lebenskonzepte wird ganz offen im Kino nachgedacht. Man denke an die französische Komödie "Und wenn wir alle zusammenziehen?", in der Schauspielerveteranen wie Jane Fonda und Pierre Richard sich in einer Art Kommune wiederfinden, wie sie sie noch aus ihrer eigenen Jugend kennen müssen.

Nach elf Wochen immer noch in 75 Kinos

Oder die britische Tragikomödie "Best Exotic Marigold Hotel", wo zahlungsschwache Rentner wie Judi Dench und Maggie Smith komplett in eine ehemalige Kronkolonie, nach Indien outgesourct werden, wo es billiger ist. Und im Januar startet das späte Regiedebüt des auch schon 75-jährigen Dustin Hoffman, das in einer Altersresidenz für ausgemusterte Musiker und Opernsänger spielt.

Keiner aber hat ein so berührendes, so liebevolles Drama geschaffen wie ausgerechnet Michael Haneke, der ja eher für seine kühl-seziererischen Fallstudien bekannt ist. "Liebe" ist nach den alten Regeln des Teenie-Kinos eine einzige Zumutung: ein Film, der weitestgehend in einer einzigen Wohnung spielt und in dem zu vier Fünfteln nur zwei alte Menschen zu sehen sind, die durch das langsame Dahinwelken der Ehefrau vor seine letzte große Aufgabe gestellt wird.

Chancen auf Oscar-Nominierung

Noch immer läuft "Liebe" nach elf Wochen mit 75 Kopien in den deutschen Kinos. Ende Januar wird sich entscheiden, ob Hanekes moderner Philemeon & Baucis ins Rennen um den Auslands-Oscar geht. Wohlinformierte Kreise in den USA wollen sogar wissen –, das zumindest lässt der Verleih streuen –, dass der Film auch für zusätzliche Kategorien wie Regie, Drehbuch und Darsteller nominiert werden könnte, die gewöhnlich englischsprachigen Filmen vorbehalten sind. Auch Meryl Streep wurde gerade erst für ihre demente Maggie Thatcher im britischen Drama "The Iron Lady" mit einem Oscar gekrönt. Gut möglich also, dass auch Hollywood allmählich erkennt, dass alte Menschen im Kino durchaus ein Renner sein können.

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