28.11.12

Konzert in Berlin

Deep Purple zeigen sich spielfreudiger denn je

In der O2 World beweist die Band, dass Rockmusiker in Würde altern können. Die Mittesechziger bieten weit mehr als ihr legendäres Riff.

Von Peter E. Müller
Foto: dapd

Seit frühen „Deep Purple“-Tagen dabei: Sänger Ian Gillan (r.) und Bassist Roger Glover in der Berliner O2 World
Seit frühen "Deep Purple"-Tagen dabei: Sänger Ian Gillan (r.) und Bassist Roger Glover in der Berliner O2 World

Sie tragen jene Bürde auf ihren Schultern, mit der Bands, die vor Dekaden Rockgeschichte geschrieben haben, leben müssen. Sie sind heute der Gegenentwurf zum allseits praktizierten Jugendwahn im schnellen Geschäft mit dem Pop. Deep Purple brauchen sich nicht um Trends zu scheren. Sie haben sich mit ihrem Album "Deep Purple in Rock" 1970 in die Fanherzen gemeißelt. Sie haben der Musikwelt 1972 auf ihrem "Machine Head"-Album mit "Smoke On The Water" das klassischste aller Rock-Riffs beschert. Sie haben den Hardrock mit erfunden und bereits in den Siebzigern all ihre Großtaten vollbracht. Und doch nehmen Deep Purple in schöner Regelmäßigkeit neue Platten auf, stehen unermüdlich auf den Live-Bühnen dieser Welt und beweisen sich in der aktuellen Besetzung spielfreudiger denn je. Das zeigte sich am Dienstagabend beim Konzert in der mit 6000 Fans gefüllten O2 World.

Als das Licht in der riesigen Mehrzweckhalle erlischt, dröhnt klassische Musik aus den Lautsprechern. "Die Montagues und Capulets", der 1. Satz aus Prokofieffs "Romeo und Julia"-Suite, schürt lautstark die Spannung, bis der weiße Vorhang fällt und Deep Purple mit einem wuchtigen "Fireball" die Show eröffnen. Der Sound ist mächtig und für diese Halle überraschend transparent, als Sänger Ian Gillan die Zeilen "The golden light about you show me where you're from" ins Mikrofon stößt. Die Band treibt das Tempo gleich mächtig voran. Eine gute halbe Stunde lang spielen sie sich nahtlos über "Into The Fire" zu "Strange Kind of Woman", bevor Gillan Worte der Begrüßung findet und dem Jahrgangspublikum Zeit zum Jubeln lässt.

Der Ältestenrat des Hardrock

Deep Purple, deren unterschiedliche Bandbesetzungen seit dem Gründungsjahr 1968 von den Fans akribisch in den Kategorien Mark I bis Mark VIII verwaltet wird, scheren sich wenig darum, ein Denkmal im Ehrenhof der Rockgeschichte zu sein. Sie sind einfach weiter da. Der Ältestenrat des Hardrock sozusagen. Schlagzeuger Ian Paice (64) ist der einzige auf der Bühne, der noch von der Urbesetzung übrig ist. Doch schon ein Jahr später kamen Bassist Roger Glover (er wird am Freitag 67) und Gillan (67) dazu. Legendär waren einst die kreativen Reibereien zwischen den Streithähnen Ritchie Blackmore und Jon Lord. Doch das führte immer wieder zum hochmusikalischen Bühnen-Schlagabtausch zwischen dem klassikverliebten Organisten Lord und dem Gitarrenberserker Blackmore.

Alles Geschichte. Blackmore hat sich 1994 endgültig von Deep Purple verabschiedet, um sein Glück in der Mittelalterszene zu suchen. Jon Lord zog es 2002 vor, sich endgültig aufs Komponieren von Sinfonien zu verlegen. Im Juli dieses Jahres ist er einem Krebsleiden erlegen. Die Plätze von Lord und Blackmore werden inzwischen versiert von Ex-Whitesnake-Keyboarder Don Airey (64), seit 2002 dabei, und dem einstigen Kansas- und Dixie-Dregs-Gitarristen Steve Morse (58), der seit 1994 zur Band gehört, besetzt. Die beiden haben Deep Purple einen enormen musikalischen Vitalitätsschub beschert.

Solo-Schlacht mit "Internationale"

Ein eingespieltes Team. Die Musiker gönnen sich reichlich Raum für solistische Eskapaden, was für Sänger Gillan schonende Ruhepausen mit sich bringt. Er weiß, dass er mit seinem kraftvoll hysterischen Organ haushalten muss, ist gut in Form, lässt sich dennoch nicht zu überbordender Stimmbandreizung hinreißen. Aus diesem Grund gehört ein Balladenklassiker wie "Child in Time" seit vielen Jahren nicht mehr zum Repertoire. Dafür ist das lange nicht mehr gespielte Stück "The Mule" im Programm, das Ian Paice Zeit für ein ausgiebiges Schlagzeugsolo lässt. Morse, der sich trotz seiner Jazzrock- und Countryvergangenheit bestens ins Klangbild eingliedert, hat mit der Instrumentalballade "Contact Lost" oder bei "The Well-Dressed Guitar" Gelegenheit, zu brillieren. Und Airey, der furiose Hammond-Virtuose, kann sich im Lichtgewitter bei einer Solo-Schlacht an den Keyboards austoben, bei der er klassische Themen ebenso einfließen lässt wie "Die Internationale".

Luftgitarren-Glückselig bei "Smoke On The Water"

Neueres wie "The Battle Rages On" und Klassiker wie "No One Came" oder "Space Truckin'" bestimmen den Abend. Und doch: man wird das Gefühl nicht los, dass das Publikum, in dem durchaus auch einige jüngere Metalfans auszumachen sind, nur auf ein einziges Stück wartet. Mit jenem Gitarrenriff, das durch den verzerrten Hammondsound veredelt wird: "Smoke On The Water". Auf einmal ist richtig Leben in der Halle, Luftgitarre wird gespielt, es wird mitgesungen, die Menge ist glückselig. Im kurzen Zugabenteil gibt es noch den ersten Hit, den Deep Purple 1968 mit der Billy-Joe-Royal-Coverversion "Hush" landeten, üppig Gelegenheit für ein Bass-Solo von Roger Glover und als Rausschmeißer das treibende "Black Night", einen der größten Deep-Purple-Erfolge. Auch Rockmusiker können in Würde altern. Dieser Monolith von einer Band ist der beste Beweis.

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