25.11.12

"Alte Tischlerei"

Deutsche Oper eröffnet neue Spielstätte mit Mahler

Mit "Mahlermania" wird die neue Spielstätte der Deutschen Oper eröffnet. Die Bühne in der alten Tischlerei soll Raum für Experimente geben.

Foto: dpa

Bereits im April stellte die Deutsche Oper ihre neue Spielstätte, die alte Tischlerei, vor
Bereits im April stellte die Deutsche Oper ihre neue Spielstätte, die alte Tischlerei, vor

"Mal ein Bauprojekt in Berlin, das rechtzeitig fertig wird", scherzt Dietmar Schwarz. Und dann muss der Intendant der Deutschen Oper doch seinen eigenen Witz kaputt machen, denn die Eröffnung der Werkstattbühne war bereits einmal verschoben worden. Und obendrein gibt Schwarz zu, dass er eigentlich den Termin am Dienstag auch wieder absagen wollte. Er sei überredet worden, daran festzuhalten.

Und während er das sagt, ist draußen vorm Fenster lautes Hämmern zu hören. An dem Termin festzuhalten, das ging auch nur, wie er sagt, weil so ein flexibles Team wie "Nico and the Navigators" die Eröffnung vorbereiten. Die haben anderswo probiert und sind ganz kurzfristig in den frisch sanierten Raum gekommen. Er ist zuversichtlich, dass alles gut wird.

Regisseurin Nicola Hümpel wirkt dagegen ziemlich übernächtigt. "Wir müssen jetzt alles in einem Drittel der Zeit schaffen", sagt sie mit schneller Stimme: "Es ist ein neuer Saal, alles muss komplett zum ersten Mal eingerichtet werden. Es geht vor allem ums Licht. Das Bühnenbild ist Teil der Arbeit. Spieler, Bühnenbild, Musik, Licht – alles muss zusammen fließen."

Das Eröffnungsprogramm ist Gustav Mahler gewidmet. "Mahlermania" heißt die Uraufführung schlicht. Es mag sicherlich Titel geben, die neugieriger machen.

Inmitten der Zuschauerstühle, knapp 350 Plätze gibt es davon, steht während der Probe einsam eine riesige Leiter. Die Scheinwerfer müssen noch justiert werden. Ein gutes Dutzend Orchestermusiker der Deutschen Oper sitzt rechterhand, der Rest ist bespielbare Bühne. Der Raum ist riesig hoch.

Deutsche Oper eröffnet die Bühne in der ehemaligen Tischlerei

Die Deutsche Oper eröffnet ihre zweite Bühne in der ehemaligen Tischlerei des Hauses. "Tischlerei" heißt das neue Theater. Der Eingang zu der hohen Werkhalle aus dem Jahr 1933 befindet sich auf der linken Rückseite der Deutschen Oper vis-a-vis zum Ristorante Papageno. Genau genommen ist es eine tote Ecke voller Parkplätze.

Intendant Schwarz zeigt die ursprünglichen Pläne des Berliner Architekten Stefan Braunfels, der mit einer großen, überdachten Treppe den neuen Eingang aufwerten wollte. Da hätten sich Jugendliche oder Studenten mit ihren Kaffeebechern sammeln können, meint Schwarz. Aber der Denkmalschutz hat das Projekt abgelehnt, weil an der Fassade nichts verändert werden darf. Etwas lustlos klappt Schwarz den grauen Leitz-Ordner wieder zu.

Vom Senat hat er 1,5 Millionen Euro für den Umbau der Werkstatt in einen Theatersaal bekommen. "Es wird nicht ganz reichen", sagt er: "Das muss innerhalb unseres Budgets geregelt werden." Es ist wie überall, alles soll chic und hipp sein, aber möglichst nichts kosten. Die Bespielung der neuen Bühne soll über Sponsoren erfolgen. Geplant sind pro Saison sechs Produktionen für jeweils 100.000 Euro.

Nach "Mahlermania" folgt im Januar 2013 eine Kinderoper

Für die Eröffnungssaison hat er bereits die Hälfte des Geldes zusammen, immerhin. Nach "Mahlermania" folgt im Januar 2013 eine Kinderoper. Die junge chinesische Komponistin Lin Wang hat sich Janoschs Kinderbuch "Oh, wie schön ist Panama" vorgenommen. Ursprünglich war immer von einer neuen Kinder- und Jugendbühne die Rede, mittlerweile ist es im Selbstverständnis eine zeitgenössische Experimentierbühne.

Dafür ist Nicola Hümpel genau die Richtige. "Ich glaube radikal an die Poesie", sagt sie. Oder: Mahler brauchte seine Musik als Droge in immer höheren Dosen. "Mahlermania" ist, so Hümpel, "eine Art Denklandschaft zu Mahlers Zeit, es geht ein bisschen um seine Biografie, um die Figuren, die sein Leben gekennzeichnet haben.

Nicola Hümpel hat "Nico and the Navigators" gegründet

Es geht um die Konflikte zwischen Biografie und Werk, was sich auch aufs Heute übertragen lässt. Es geht um die Zerrissenheit zwischen Spätromantik und Moderne. Um den Konflikt zwischen den Generationen, die Jungen sehen schon das Bauhaus, Schönberg." Sie hat viel vor in gut anderthalb Stunden.

Die 1967 in Lübeck geborene Regisseurin ist quasi die Seele der Theatertruppe "Nico and the Navigators". Die hat sie 1998 gegründet. "Wir sind eine freie Compagnie und leben in Berlin mit einer guten Konzeptförderung, wir touren weltweit, es gibt bei uns Leute für Kostüm, Bühne, Regie, Licht", sagt sie. Der Pool bestehe mittlerweile aus rund 60 Leuten. Dazu kommen die Musiker.

"Wir sind schon absolute Multitiere, wir machen vieles gleichzeitig", sagt Nicola Hümpel: "Ich mache auch noch die Maske, wobei das eher ein Ritual ist. Das ist ja immer der letzte Moment zu zweit vor der Vorstellung."

Während der Durchlaufprobe wechselt sie mal in diese, mal in jene Ecke des Saales. Sie wirkt ruhig wie ein Vulkan, der sich auf einen Ausbruch vorbereitet. Im Hintergrund sind zwischendurch Bohrgeräusche zu hören. Es gibt noch einiges zu tun, vor allem an der Akustik. Die alte Tischlerei ist ein klingendes Neuland. Der junge Dirigent Moritz Gnann meint, die Sänger würden schon ziemlich weit weg stehen, um sich mit ihnen abzustimmen.

Und dann gäbe es noch irgendwelche Luftgeräusche, wobei er kurz nach oben in die hohe Decke schaut. Einige der berühmtesten Mahler-Musiken stehen im Mittelpunkt: "Abschied" aus dem "Lied von der Erde", "Revelge" aus "Des Knaben Wunderhorn" und "Ich bin der Welt abhanden gekommen" aus den Rückert-Liedern. Teilweise gibt es eigens arrangierte Kammerfassungen zu hören.

Mahlers Weltschmerz ist nicht unbedingt Hümpels Sache

Nico und ihre fünf Navigators – diesmal sind es drei Tänzer und zwei Schauspieler – treten zusammen mit zwei Sängern des Opernhauses auf. Alle sind voll bei der Sache, die Zeit drängt. Mezzosopranistin Katarina Bradic ist tags darauf schon wieder als Carmen am Theater Erfurt unterwegs. Nicola Hümpel steht für das Modell des gleichrangigen Miteinanders von Sängern, Tänzern, Musikern. Das ist tatsächlich sehr zeitgenössisch, die Berliner Choreografin Sasha Waltz treibt mit es mit ihrer "choreografischen Oper" aus der tänzerischen Quelle heraus voran.

Das Berliner Achim-Freyer-Ensemble setzt seinerseits auf skurrile akrobatische Akzente. Hümpel erwähnt in ihrer Biografie Achim Freyer als einen ihrer Lehrer der Dessauer Bühnenklasse. Zeitgenössisch ist auch die Verwendung von Video und Live-Schnappschüssen. Mahlers Weltschmerz ist nicht unbedingt Nicola Hümpels Sache, wohl eher Mahlers Getriebenheit.

"Ich habe Mahler früher nicht so viel gehört", sagt die Regisseurin: "Aber jetzt habe ich mich in ihn verliebt. Vielleicht verkörpert er etwas, wonach wir uns heute sehnen und nicht mehr so leicht haben können: Die absoluten Affinität mit dem Werk, die komplette Verschmelzung von Kunst und Leben. Die Sehnsucht tragen wir immer in uns, wenn wir schöpferisch tätig sind."

Sagt sie und muss bereits wieder los zur Auswertung mit den Darstellern und dem Dirigenten. Bis Dienstag wird noch gebohrt, gehämmert und geprobt.

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