23.11.12

Geburtstag

Der Mann, der den Deutschen das Schwulsein erklärt hat

Ein Leben für Rosarot. Morgenpost Online hat zum Siebzigsten den Filmemacher Rosa von Praunheim in Wilmersdorf besucht.

Foto: dpa

Rosa von Praunheim posiert gerne, hier in seiner Ausstellung „Rosen haben Dornen“ im Haus am Lützowplatz
Rosa von Praunheim posiert gerne, hier in seiner Ausstellung "Rosen haben Dornen" im Haus am Lützowplatz

Es vergehen maximal acht Minuten von dem Moment, in dem man Rosa von Praunheim das erste Mal begegnet und dem Zeitpunkt, in dem man einen nackten Mann zu Gesicht bekommt. An der Tür empfängt einen der Regisseur mit zwei jungen Assistenten. Einer hält eine Kamera in der Hand, der andere eine Tonangel. Schnell ist klar, dieser Empfang gilt nicht der Reporterin. "Ach ja, stimmt, Du wolltest ja auch kommen, geh mal schnell in den Flur durch. Mein Protagonist muss jede Minute kommen", sagt von Praunheim anstelle einer Begrüßung.

Er winkt in die Wohnung hinein. Dass er keine Zeit mit Floskeln verschwendet, wurde schon am Telefon klar. Innerhalb von wenigen Sätzen trifft er Verabredungen und noch bevor man sich bedanken oder gar verabschieden kann – cut – das Freizeichen fiept in der Leitung. Dieser Mann hat es eilig, es gilt, keine Zeit zu verlieren.

Zum 70. hat Rosa von Praunheim sich 70 neue Filme vorgenommen

Am Sonntag wird Rosa von Praunheim 70 Jahre alt. Allein zu diesem Anlass hat er sich mehr vorgenommen, als viele Regisseure in ihrer ganzen Schaffensphase bewältigen: 70 neue Filme. Während der Regisseur seinen Interviewpartner in Empfang nimmt, bleibt Zeit, sich in von Praunheims Wohnung umzusehen. Wilmersdorf, dritter Stock, eine der typischen West-Berliner Altbauwohnungen: 240 Quadratmeter, vier Meter hohe Wände, Stuckdecken, Rundbalkon.

Von Praunheims Freund Oliver, 37 Jahre alt, Sozialpädagoge, winkt aus einem Zimmer heraus, seit über vier Jahren sind die beiden ein Paar. Es gibt zwei private Räume, abgehängt mit schweren, dunklen Vorhängen, der Rest ist für jeden zugänglich, der halt gerade da ist, Freunde, Mitarbeiter, Mitglieder des Filmteams.

Im Wohnzimmer hängen die Bibel und der Koran schräg in den Regalen, daneben ein goldener Totenkopf, eine Buddha-Statue, ein Stapel mit Hüten in blau, grün und – wen wundert es – rosa. Auf einem niedrigen Schrank neben einem pompösen Kerzenständer steht ein Terrarium. Eine Python drückt sich an die Glasscheibe, über ihr, auf einem Holzbrett, schläft eine Boa. Ihr Abendessen quiekt im Gang oder dreht letzte Runden im Laufrad – dutzende kleine weiße Mäuse sitzen neben der Eingangstür in einem Käfig.

Von Praunheims Wohnung erinnert an Andy Warhols New Yorker Atelier, die "factory": Hier scheint seit mehr als 30 Jahren alles stattzufinden, was den Künstler ausmacht: Filme drehen, schneiden, Menschen begegnen, leben, lieben. Sein Domizil ist Wohnung, Museum, Studio, Büro und Bühne gleichzeitig.

Wie spricht man Rosa von Praunheim eigentlich an?

Auftritt: Der Regisseur. Wie spricht man ihn an? Rosa? Herr von Praunheim? Anfang der 60er-Jahre gab er sich den Künstlernamen, der Vorname soll an die "Rosa Winkel" erinnern, die Schwule in den KZ der Nazis tragen mussten, im Frankfurter Stadtteil Praunheim lebte der Regisseur lange Zeit in seiner Jugend. Oder nennt man ihn besser Holger Mischwitzky, bei seinem bürgerlichen Namen?

Seine E-Mails unterschreibt er mit Rosa, konsequent duzt er jeden. Also Rosa, Du, Rosa. Er trägt schwarze Jeans, schwarzes Hemd und natürlich Hut, sein Markenzeichen. Von dem Stapel im Wohnzimmer hat er sich heute für den glitzernden in Schwarz entschieden.

Er wirkt wesentlich jünger als 70, alles, was er tut, tut er schnell: Sich durch das Labyrinth aus Kitsch und Krams in seiner Wohnung manövrieren, sein Filmteam anweisen, denken, Getränke anbieten, sprechen. Nur manchmal hört man ihn schwer atmen. Angst vor dem Alter habe er nicht, nein, die komme wohl auch erst, wenn man krank wird.

In einem seiner Gedichte schreibt von Praunheim, dass er "schon immer so ein Angsthase war". Er leide zum Beispiel sehr an Reiseangst, schon ein Ausflug nach Brandenburg koste ihn Überwindung.

Die 70 Jahre, die seien kein Einschnitt, quatsch, warum auch, es sei lediglich Zeit für einen "Gag", findet er. Also begann er vor zwei Jahren, Filme zu drehen, Kurzfilme und Porträts hauptsächlich, 70 Stück sind es nun, 20 Stunden Filmmaterial, jeder Film dauert zwischen vier und 45 Minuten.

Der RBB füllt eine ganze Fernsehnacht mit seinem Werk

Kürzlich stellte er sie auf den Hofer Filmtagen vor, am 23. November zeigt das Babylon-Kino eine Auswahl, der RBB füllt 700 Minuten, eine ganze Fernsehnacht, mit seinem Werk, Arte widmet ihm einen Themenabend. Außerdem stellt das Haus am Lützowplatz von Praunheims Skizzen aus und es erscheint ein Buch mit 70 seiner Gedichte und Zeichnungen.

Ein Lebenswerk also? Nein, sagt von Praunheim, und es klingt fast ein bisschen patzig. In seinem Leben habe er ja auch schon mehr als 70 Filme gedreht. Ein Mammutwerk ist es allemal und der Regisseur scheint produktiver und rastloser zu sein, als jemals zuvor.

Praunheim führt an einem fünf Meter langen Regal mit VHS-Kassetten vorbei in einen Schneideraum. An der Tür hängt ein Schild: "Wer hier meckert wird erschossen". Cutter Mike, der seit mehr als 30 Jahren mit von Praunheim arbeitet, schläft friedlich im Zimmer nebenan. Die Lüftungen der Schnittpulte surren.

Bilder von nackten Männern flimmern über den Bildschirm

"Zeig mal eine erotische Szene", fordert der Regisseur einen seiner Assistenten auf. Bilder von nackten Männern flimmern über den Bildschirm, es sind Szenen eines Films um vier Drag-Queens aus Holland, die einen Pornostar kidnappen, der auf einer Bank in Berlin eingeschlafen ist.

Typische Thematik für einen Von-Praunheim-Film. Seit vierzig Jahren sind schwule Männer, starke ältere Frauen oder Liebende aus der Transgender-Szene, die sich nicht eindeutig einem Geschlecht zuordnen lassen oder lassen wollen, der liebste Gegenstand seiner filmischen Beobachtungen.

Es war im Jahr 1970, als von Praunheim mit seinem Dokumentarfilm "Nicht der Homosexuelle ist pervers, sondern die Situation, in der er lebt" das Land aufschreckte. Noch ein Jahr vorher waren Homosexuelle nach dem Gesetz kriminell, laut Paragraf 175 des Strafgesetzbuches, ein Erbe der Nazi-Zeit, drohten jedem, der seine sexuelle Gesinnung offen auslebte, bis zu fünf Jahre Gefängnis.

1969 wurde das Gesetz gelockert, von Praunheims Aufruf an Schwule, aus dem Schatten schummriger Bars und abgeschotteter Treffpunkte für schnellen Sex herauszutreten, und für ihre Befreiung zu kämpfen, war ein Skandal und schockierte Heteros und Homos gleichermaßen.

Von Praunheim wurde zum politischen und moralischen Vorreiter der Bewegung. "Werdet stolz auf Eure Homosexualität", heißt es in dem Film. Deutschlands Konservative schlugen die Hände über dem Kopf zusammen, Deutschlands Schwule krempelten die Ärmel hoch und organisierten sich für Demonstrationen. In West-Berlin schufen sie sich in Schöneberg ihren Schutzraum, eine Subkultur mit eigenen Kneipen, Kinos und Darkrooms.

Dann kam Aids, eine Krankheit, die wie eine Seuche über die Szene herfiel und sie in den kommenden Jahrzehnten eklatant ausdünnen sollte – Aids. Auch viele Freunde von Praunheims raffte die Krankheit dahin.

Von Praunheim zwangsoutet Hape Kerkeling und Alfred Biolek

1991 zwangsoutet von Praunheim in einer Fernsehshow Hape Kerkeling und Alfred Biolek. Warum tut er das den beiden beliebten Promis an? Der Provokateur befindet sich auf dem Höhepunkt seines Einsatzes gegen die Ächtung Homosexueller.

Heute repräsentiert ein schwuler Minister Deutschland im Ausland, Berlins aktueller und Hamburgs früherer Bürgermeister bekennen sich offen zu ihrer Homosexualität, Fernsehmoderatorin Anne Will zeigt dem Publikum bei öffentlichen Anlässen, dass ihre Liebe einer Frau gilt. Nackte Körper und schrille Kostüme auf dem jährlichen Christopher Street Day locken kaum mehr einen konservativen Werteverteidiger hinter dem Ofen hervor. Berlin gilt als eine der tolerantesten Städte der Welt.

Vor dem Gesetz erstreiten sich homosexuelle Paare jedes Jahr ein Stück mehr Gleichberechtigung, in den vergangenen Jahren besserte das Bundesverfassungsgericht bei der Hinterbliebenenrente von Beamten, dem Erbrecht und der Grunderwerbssteuer nach.

Braucht es heute also überhaupt noch einen Chef-Provokateur? Einen der mit kleinen, schrillen Filmchen Schwule ins Scheinwerferlicht rückt? Lässt sich damit heute überhaupt noch jemand provozieren? Fragen scheint von Praunheim lieber selbst zu stellen, seit fast einem halben Jahrhundert führt er Interviews vor der Kamera. "Ich habe die perfekte Fragetechnik", sagt er von sich selbst. Dass er sich dieser Tage so oft erklären muss, scheint ihm nicht zu liegen.

Seine Antworten fallen kurz aus und haben gern mal einen 'Was für eine Frage!'-Unterton. Die Mäuse fiepen im Gang. Von Praunheim inszeniert sich gekonnt als der Missverstandene. "Ich bin doch kein Propagandist", sagt er gereizt, "meine Filme sollen keine Botschaft vermitteln. Sie sollen ein künstlerischer Beitrag sein."

"Rosa hat an führender Stelle miterkämpft, was wir heute haben"

Er schnauft hörbar ein und aus, rückt eines der Sofas vor die Schrankwand, dann bittet er seinen Interviewpartner Platz zunehmen. Die jungen Männer mit Kamera und Tonangel positionieren sich neben dem Regisseur. David Berger ist katholischer Theologe und Philosoph. Als er sich 2011 öffentlich über eine angeblich homosexuelle Sozialisation von Papst Benedikt XVI. geäußert hat, entzog ihm die Kirche drei Tage später die Lehrerlaubnis. 500 Schüler demonstrierten in Köln gegen die Entscheidung.

In seinem Buch "Der heilige Schein" kritisiert er die Schwulenfeindlichkeit der katholischen Kirche – ein Bestseller. Von Praunheim ist in der Tat perfekt auf sein Interview vorbereitet, seine Fragen sind direkt und indiskret, nicht aber verletzend, Berger sagt ihm alles, was von Praunheim hören will.

"Viele junge Leute nehmen die schwule Emanzipation heute für selbstverständlich, Rosa hat an führender Stelle miterkämpft, was wir heute haben", wird Berger später über von Praunheim sagen. Obwohl Deutschland viel toleranter geworden sei, gebe es immer noch viel zu tun. "Die katholische Kirche ist homophob, am Arbeitsplatz werden Schwule häufig diskriminiert und in Schulen werden Schüler, die sich outen, beschimpft und gemobbt."

Es sind Zustände wie diese, die auch von Praunheim ankreidet. Früher drehte er experimentelle, offenherzige Filme, skandalös und mit viel nackter Haut wie "Die Bettwurst" (1970) über von Praunheims Tante Luzi oder die Dokumentation "Armee der Liebenden oder Revolte der Perversen" (1979) über die Emanzipationsbewegung Homosexueller in den USA.

Heute sind es einfühlsame Porträts über den Alltag seiner schwulen Nachbarn, über die Schauspielerin Eva Mattes, eine starke Frau und seine Lieblingsschauspielerin, aber auch über Schwule, die sich für einen guten Zweck als Nonnen verkleiden oder Hardcore-Pornodarsteller.

Nackte Haut kommt in den Filmen immer noch viel vor

Nackte Haut kommt immer noch viel vor. Von Praunheim sagt: "Mit Filmen kann man nichts verändern, man kann nur Dinge aufzeigen, etwas verändern kann man nur durch soziales Engagement wie es mein Freund Oliver tut." Dass er damit nicht unbedingt richtig liegt, beweisen über vierzig Jahre schwule Emanzipationsbewegung, deren Mut auf einem kleinen Film von einem damals unbekannten Regisseur basierte.

"Nicht der Homosexuelle ist pervers, sondern die Situation, in der er lebt" wurde ursprünglich aus Geldmangel als Stummfilm mit nur einer Kommentarstimme gedreht. Die Homosexuellen Deutschlands haben trotzdem ein Sprachorgan in ihrem Filmemacher gefunden.

Dann klingelt ein Telefon in einem der hinteren Räume. Der Regisseur springt auf, im Hinausgehen ruft er einem zu, er müsse jetzt los.

Ausstellungseröffnung "Rosen haben Dornen" im Haus am Lützowplatz, am 24. November, 21 Uhr.

Rosas Geburtstags-Brunch mit Retro, 7 alte Filme: 25. 11, Arsenal.

TV: im RBB: 24.-25. 11., 20.15 Uhr bis 8.25 Uhr.

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