21.11.12

Filmkritik

Am Ende von "Twilight" hat die Vampir-Saga keinen Biss mehr

Der letzte Teil der Reihe mit Robert Pattinson und Kristen Stewart ist sterbenslangweilig. Und schockiert mit einem grausamen Gemetzel.

Foto: dapd

Dieses Kitschbild ist eine Lüge: Robert Pattinson als Edward und Kristen Stewart als Bella können auch ganz schön böse werden
Dieses Kitschbild ist eine Lüge: Robert Pattinson als Edward und Kristen Stewart als Bella können auch ganz schön böse werden

Und wieder heißt es Abschied nehmen. Es ist wirklich eine harte Zeit für Teenager. Erst mussten sie vor einem Jahr Harry Potter ziehen lassen, jetzt sagen auch der blasse Vampir Edward und seine einst irdische Bella Tschüss. Wobei den Eltern, die ihre Jüngsten ins Kino begleiten müssen, der Abschied von den "Twilight"-Filmen leichter fallen dürfte. "Harry Potter" hat auch die Erwachsenen verzaubert, hat uns alle wieder zu Kindern werden lassen. Und über ein Jahrzehnt zu verfolgen, wie aus Kinder langsam Erwachsene werden, das hat man so auch noch nicht erlebt in einer Kinoreihe.

Bei fünf Jahren "Bis(s)" ist der Biss dagegen deutlich verloren gegangen. Man darf sich da sogar in guter Gesellschaft fühlen: Denn auch die Hauptdarsteller Robert Pattinson und Kristen Stewart schienen bei der Berlin-Premiere des letzten Teils in der vergangenen Woche sichtlich erlöst: Es war die definitiv letzte Premiere eines Rummels, der sie die letzten Jahre nur noch genervt hat. Mal sehen, ob die Liebe zwischen ihnen nicht doch nur eine reine PR-Nummer war und in drei Monaten als beendet erklärt wird.

Moderne Wegelagerei

Die Geschichte der vier Romane hätte man wohl locker in einem Film erzählen können. Dass man den letzten Teil gar auf zwei Filme aufgesplittet hat, ist eine Unsitte der jüngeren Zeit: Die Kuh wird so lang gemolken, wie es möglich ist, ganz egal, wie wässrig die am Ende wird.

Das hat schon bei "Harry Potter" gestört; der erste Teil von "Breaking Dawn" war eigentlich ein einziger langer Cliffhanger auf den jetzigen Teil Zwo. Die Krönung des Ganzen aber wird im Dezember "Der Hobbit" sein, ein schmales Bändchen, das in drei Filmen erzählt wird wie der fast vier Mal so lange "Herr der Ringe".

Das ist, wie eine Freundin treffend formulierte, nichts anderes als moderne Wegelagerei. Man kann förmlich die Dollarzeichen in den Augen der Studiobosse sehen. Aber es funktioniert ja: Die Fans rennen weiter in die Kinos. Und sind vielleicht sogar froh, dass der Abschied nur auf Raten kommt.

Wer den Trailer zu "Breaking Dawn - Bis(s) zum Ende der Nacht, Teil 2" gesehen hat, der hat im Groben schon den ganzen Film gesehen. Das Kind, das der Vampir mit der damals noch sterblichen Bella gezeugt hat, wächst rasant heran. Die Volturi, so etwas wie die Kassenwärter der Blutsauger-Gilde, machen sich auf den Weg, sie dafür zu richten. Und die Sippe um Edward schart schnell noch einige befreundete Langzähner aus allen möglichen Landen zusammen, um ihnen beim Showdown im Schnee zur Seite zu stehen.

Skandalöse Freigabe ab 12 Jahren

Das heißt im letzten Film noch mal jede Menge neuer Figuren, die umständlich eingeführt werden, auch wenn sie doch nur Staffage bleiben. Die Hauptdarsteller müssen immer noch ihr rasendes Glück spielen (was ihnen irgendwie immer schwerer zu fallen scheint), der Wolf Taylor Lautner schmachtet jetzt immerhin nicht mehr für Bella, sondern für ihr Kind. Aber das war es auch schon im Großen und Ganzen. Gähnender Stillstand in stets hochgelackten Bildern, als sei der ganze Film nur der Werbeclip für sich selbst.

Aber dann, nach gefühlten Stunden und tatsächlichen 90 Minuten, stehen sie sich endlich gegenüber, der Volturi-Clan gegen die Cullen-Sippschaft. Und plötzlich geschieht etwas, was man schon nicht mehr glauben mochte: Action. Und das in einer Intensität, die man nicht für möglich halten würde. Die Vampire rennen gegeneinander an und reißen sich – aufgepasst, liebe Eltern-Begleiter! – in Stücke.

Nicht im metaphorischen Sinne, sondern buchstäblich. Jawohl, man greift dem Gegner in den Kiefer und trennt ihm die obere Hälfte des Kopfes vom unteren. Oder man reißt den Kopf ganz herum, bevor man ihn vom Leib trennt. Ein schockierendes Gemetzel. Und der Film hat, das allein ist ein Skandal, eine Altersfreigabe ab 12 Jahren.

Hauptsache dabeigewesen

Die Freiwillige Selbstkontrolle (FSK) sollte sich freiwillig gleich ganz abschaffen. Es ist schon unglaublich: Die Liebesgeschichte zwischen Bella und Edward wurde so prüde wie möglich erzählt. Bloß keinen Busen entblößen! Das passte ja zum mormonischen Weltbild der Vorlagenautorin Stephenie Meyer. Liebe, Körperlichkeit - das ist unseren Kindern nicht zuzumuten. Grausame Gemetzel aber schon. Auch wenn der Film einen Dreh findet, wie er sich da im Nachhinein wieder herauswindet. Wir haben das Massaker gleichwohl gesehen. Und sollten uns wirklich nicht mehr wundern, wenn sich unsere Kinder im Schulhof halbtot schlagen.

Nun gibt es ja ein Totschlagargument, das ich in diesem Zusammenhang immer wieder zu hören bekomme. Sicherlich zähle ich mit meinen 46 Lenzen schon lange nicht mehr zum Zielpublikum, bin überhaupt nur noch drei Jahre in der sogenannten werberelevanten Gruppe. Danach wird mich selbst das Fernsehen abgeschrieben haben.

Die Jugendlichen, so schallt es mir entgegen, werden den Film lieben. Und eine spontane Umschau bei der Deutschland-Premiere, bei der viele Promis ihre Kinder mitgebracht haben, bestätigt das: Die Eltern kommen alle gleich schockiert heraus ob dieser Gewaltorgie am Schluss, die Kids aber sind alle - selig vor Glück.

Werte-Rückfall ins Mittelalter

Gut möglich, dass wir mit 15 auch noch nicht erkennen konnten, was einen guten Film ausmacht. Aber vielleicht ist das Blockbuster-Kino mit seinen immer raffinierteren, immer aggressiveren Werbestrategien ja längst so weit, dass es völlig egal ist, ob ein Film gut ist. Hauptsache, er ist ein Event (und das wird uns ja ständig vorgegaukelt), und Hauptsache, wir sind dabei gewesen.

Ich will kein Spielverderber sein. Wir haben früher auch Filme gesehen, für die wir uns heute eher schämen würden. Was aber überrascht – auch wenn man die nächste, bereits angelaufene Dauerwurst betrachtet, die Verfilmung der "Tribute von Panem"-Bücher –, ist die Tatsache, dass wir mit unseren Wertvorstellungen im Teenie-Kino ins tiefste Mittelalter zurückfallen. Es geht stets um ein Regelwerk, das strikt befolgt und bloß nicht hinterfragt wird.

Aber wehe, wenn sie losgelassen! Dann wird auch das kitschigste Schmachtposter-Liebespaar plötzlich zu rücksichtslosen, rachsüchtigen Meuchelmördern. War da nicht mal was mit einem Philosophen, der nicht nur die eine, sondern auch die andere Backe hinhält?

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